Guido Westerwelle – ein großer Staatsmann auf Bismarcks Spuren?

Er reiste sogar eigens in den Südsudan, um sich dort als Bismarck im Taschenformat darzustellen: Für die Tagesschau sprach er am 23. Juni 2011 in die Kamera:

„Bei uns weiß man, dass wir ehrliche Makler, ehrliche Mittler auch sind.“

Dass er sich nicht schämt, sich auf die Großmachtpolitik des „eisernen“ Reichskanzlers zu berufen, ist typisch. Bismarck hatte 1878 im Vorfeld des Berliner Kongresses gesagt:

„Die Vermittelung des Friedens denke ich mir nicht so, daß wir nun bei divergirenden Ansichten den Schiedsrichter spielen und sagen: So soll es sein, und dahinter steht die Macht des Deutschen Reichs, sondern ich denke sie mir bescheidener, ja – ohne Vergleich im Uebrigen stehe ich nicht an, Ihnen etwas aus dem gemeinen Leben zu citiren – mehr die eines ehrlichen Maklers, der das Geschäft wirklich zu Stande bringen will.“[1]

Das klingt ja ganz gut: Frieden vermitteln, zwischen Russland und dem Osmanischen Reich ausgleichen, den Balkan neu ordnen, und das alles ohne eigene Interessen… Tatsächlich wollte Bismarck vor allem sein Bündnissystem pflegen, zu dem das am Balkan natürlich ebenfalls interessierte Österreich-Ungarn gehörte, aber auch Russland, das er von einer Verbindung mit Frankreich abzuhalten strebte.

Berliner Kongress – einfach lecker

Auf dem Berliner Kongress verschob Bismarck gemeinsam mit den Vertretern der übrigen Großmächte allerlei Grenzen hin und her, sprach dieser Großmacht jenes Gebiet, einer anderen dafür ein anderes zu, damit jeder zufrieden sein konnte, der am Tisch der Mächtigen saß. Alle, die nicht dort saßen, mussten freilich mit ansehen, wie jede Großmacht sich ein Stück vom Kuchen nahm und ihn genüßlich verspeiste – und der Kuchen, das waren all jene, die nicht zum Kongress geladen waren:

Russland annektierte Transkaukasien, das Osmanische Reich annektierte Makedonien, Österreich-Ungarn annektierte Bosnien-Herzegowina, Frankreich annektierte Tunesien und England „verwaltete“ Zypern (schließlich war man zivilisiert). Und nachher prosteten sich alle zu, lecker war’s. Und das Deutsche Reich? Bismarck verzichtete auf alle territorialen Zugewinne und rieb sich genüsslich den Bauch. Er hatte die Sahne auf dem Kuchen bekommen: Indem alle Großmächte zu ihm nach Berlin gereist waren, hatten sie das erst sieben Jahre zuvor gegründete Deutsche Reich als neue Großmacht anerkannt.

Ein „ehrlicher Makler“ und die Folgen

Das ist es wohl auch, was Westerwelle ausdrücken will, wenn er im bürgerkriegsgebeutelten Sudan vom ehrlichen Makler spricht, der „wir“ seien: Er will Großmacht spielen, schließlich sind „wir“ wieder wer.

Bismarck auf dem Berliner Kongress, das hielten die Deutschen damals für große Staatskunst. Die Russen nicht, sie fühlten sich betrogen. Schließlich hatten sie den vorausgehenden Krieg gegen das Osmanische Reich gewonnen; und nun mussten sie Gebiete abgeben, und aus ihren Kriegszielen, Panslawismus und Zugang zum Mittelmeer, wurde wieder nichts. Zar Alexander II. schickte seinem Onkel, Kaiser Willi, daraufhin einen Ohrfeigenbrief. Das deutsch-russische Verhältnis kühlte in der Folge immer weiter ab; dafür baute sich der russisch-österreich-ungarische Gegensatz auf dem Balkan immer weiter auf.

Die Konstruktion hielt, unter Rattern und Schnaufen, gut 35 Jahre. Dann kam es zum großen Knall, natürlich im Pulverfass Balkan: In Sarajewo wurde der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand erschossen. Bald darauf zog Europa in den Krieg, und morgen die ganze Welt.

Aber einen Politiker, den gab es auf dem Berliner Kongress noch, an den erinnert Westerwelle in einer Hinsicht mehr als an Bismarck: Die Kongresssprache war Französisch, nur der britische Premier Benjamin Disraeli meinte, er sei hier in Deutschland, und da werde er naturgemäß nur Englisch reden.

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