Sprachlos im Sprachlog

Erscheint es vermessen, wenn ein Professor Prophezeiungen abgibt, die Bibel zitiert und einen „unnachgiebigen Shitstorm“ fordert? Nicht, wenn es dabei um die Plagiatsaffäre geht, um wissenschaftlichen Betrug im großen Stil, und um den völlig abhandengekommenen Respekt einer ehemals liberalen Partei für ihre ehemals wichtigsten Wähler: Akademiker.

Anatol Stefanowitsch, Professor für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg, ist zornig. Und er ist überzeugt: Davon, dass die gerade mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete Methode des GuttenPlag Wiki zuverlässig funktioniert, um echte Plagiate, echten Wissenschaftsbetrug, nachzuweisen:

„Tatsächlich sage ich voraus, dass alle der aktuell auf VroniPlag bearbeiteten Fälle in einem Entzug des Titels enden werden, auch wenn sich einige Universitäten wahrscheinlich schwerer damit tun werden, als die Universitäten Bayreuth, Konstanz und Heidelberg (die sich, das muss man im Nachhinein ohne Einschränkung feststellen, alle vorbildlich verhalten haben).“[1]

Die FDP scheint das anders zu sehen. Und deshalb setzt sie auf die Ausmaße des FDP-Doktor-Betrugs-Skandals immer noch einen oben drauf: Nachdem sie in den vergangenen Monaten feststellen musste, dass sie Plagiatoren in ihren Reihen hat, dass es nicht 1, nicht 2, nicht 3, sondern bisher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mindestens 4 sind, dass dieser VroniPlag-Befund auch von angesehenen Universitäten nach eingehender Prüfung nicht geleugnet werden kann, dass außerdem die Vorwürfe substanzloser politischer Propaganda gegen die Plagiatswikis so haltlos sind, dass sie auf die zur Verteidigung ihrer Parteigenossen herbeigeeilten Lautsprecher zurückfallen, und dass ihre unwiderlegbar des wissenschaftlichen Betrugs überführten Führungskräfte keinerlei Anstandsempfinden besitzen; nach all diesen Erkenntnissen entscheidet sich die FDP, was zu tun?

Genau: Betrug zur Privatsache eines jeden Partei-„Leistungsträgers“ zu erklären und den Bock auch noch zum Gärtner zu ernennen. Silvana Koch-Mehrin wurde zum Vollmitglied im Forschungsausschuss des Europaparlaments befördert.[2] Übrigens im Austausch gegen einen Parteigenossen, der in seiner Doktorarbeit vermutlich doppelt so viel abgeschrieben hat – Jorgo Chatzimarkakis – insofern eine klare Verbesserung in der europäischen Forschungspolitik.

Anatol Stefanowitsch erklärt, welche Message von der FDP dadurch bei ihm, und nicht nur bei ihm, ankommt:

„Ihr könnt uns mal. Eure Regeln gelten nicht für uns. Wir sind unantastbar. Wir lügen und betrügen, und wenn wir auffliegen, halten wir kurz inne, um euch ins Gesicht zu spucken. Und dann machen wir da weiter, wo wir aufgehört haben.“[1]

Die richtigen Worte für die FDP müssen wohl erst noch erfunden werden.

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Update, 23.06.2011: Anatol Stefanowitsch hat ungefähr die richtigen Worte gefunden, und zwar in dieser Petition an das Europäische Parlament. Bis 16 Uhr haben sich bereits 700 Bürger daran beteiligt.

Update, 24.06.2011, 0:01 Uhr: Am ersten Tag haben sich 3347 Personen der Petition angeschlossen. Das ist ein deutlicher Erfolg. Kein Erfolg, aber lustig, ist dieses Exklusiv-Interview mit Silvana Koch-Mehrin.

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Eine Antwort zu “Sprachlos im Sprachlog

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