Wollte der Hohe Rat einen pelzigen Jesus hinrichten?

Er staunte sichtlich, dass antijüdische Schauermärchen aus dem Mittelalter heute noch ebenso gut ankommen wie damals. Nicht nur die katholische Nachrichtenagentur KNA, sondern auch die französische AFP verbreiteten eine „Story“, die sich schon auf den ersten Blick anhörte wie „Juden betreiben rituelle Hostienschändung“ oder „Rabbiner ermorden christliches Kind bei Opferzeremonie“. Spiegel Online greift so etwas gerne (von AFP) auf, die Süddeutsche Zeitung (von der KNA), und viele andere ebenso.

Historisch-theologische Märchen …

Wer da noch Bildungsdefizite hat, kann das gern in der Wikipedia unter Ritualmordlegende oder Hostienfrevel nachlesen. Beides ist eine Variante der Theorie vom Gottesmord, nach der alle Juden wegen Jesu Kreuzigung verdammt seien. Und wer Jesus „ermordet“, der ermordet gleichermaßen eine Hostie („Jesu Leib“) oder ein unschuldiges Christenkind als Symbol für den dogmatischen unschuldigen Opfergang Jesu und die christliche Kernbotschaft von der Vergebung der Sünden.

Heute müssen Ritualmordlegenden natürlich etwas anders ausgeschmückt werden, um glaubhaft und „interessant“ zu sein. Schließlich ist man ja säkularisiert, so dass die Symbolik solcher „Nachrichten“ vielen Menschen nicht mehr bewusst ist. Stattdessen werden unbewusste Verknüpfungen angesprochen und so dezent Vorurteilsstrukturen aktualisiert, die der aufgeklärte Gegenwartsmensch überwunden glaubte:

… und wie man sie heute erzählen muss

Tieropfer etwa findet er barbarisch; weniger „forschrittlichen“ Religionen traut er sie aber gerne zu. Das Opferlamm etwa ist ein starkes klassisches Sinnbild für Jesus – und für die Barbarei aller „Heiden“. Religiöse Rituale sind aber nicht mehr der geeignete Schauplatz für die Ermordung Unschuldiger – von Priestern abgehaltene Gerichtsprozesse hingegen schon. Und blutige Mordmethoden mit Messern, die sind auch nicht mehr so aktuell – von Steinigungen hört man hingegen allenthalben.

„Rabbiner verhängen Todesstrafe gegen Hund“, meldete die Süddeutsche, und Spiegel Online ergänzte „Israel: Gericht verurteilt Hund zum Tod durch Steinigung“. Das ist der Stoff, aus dem „Das Leben des Brian“ ist, mag sich manch Medienmensch gedacht haben, bevor er die Meldung weiterverbreitete. Und barbarischen Pharisäern ist ja alles zuzutrauen… Offenbar besitzen neuerdings auch zottelige Straßenhunde die Attribute der Unschuld und Gottesähnlichkeit: Tiere können nicht schuldig werden, nichts Böses wollen. Und als Geschöpfe Gottes hält man sie für diesem hinreichend ähnlich, um als Ersatzzutat für moderne Ritualmordlegenden herzuhalten.

Kurz gesagt: Die Geschichte ist erfunden. Und während manche Medien das inzwischen eingesehen haben, ist das für die SZ und SpOn doch noch lange kein Grund, sie nicht weiter zu verbreiten. Die Jungs von Spiegel Online machen sich sogar den Spaß, die Story nochmal zu verwursten, indem sie ein „dementiert“ in die Überschrift eines neuen Artikels setzen. Aber die „Qualität“ dieses digitalen „Leitmediums“ hat die Titanic ohnehin jüngst – bitter ernst – analysiert.

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