Plagiator Nummer 9: Bernd Althusmann, CDU, Präsident der Kultusministerkonferenz

Ermüdete ständig wiederholt die Meldung „Neuer Plagiatsverdacht“ jeden Zeitungsleser, so ist der jüngste Fall für zarte Gemüter zu empörend, um sich näher damit zu befassen. Es geht ans Eingemachte, wenn der oberste deutsche Wissenschaftspolitiker unter Plagiatsverdacht steht. Die Fakten:  Die Zeit hat Material veröffentlicht, in dem aus einer Hand – ohne das Zutun von Plagiatswikis – Althusmanns Doktorarbeit „Prozessorganisation und Prozesskooperation in der öffentlichen Verwaltung – Folgen für die Personalentwicklung“, die er 2007 in Potsdam einreichte, detailliert analysiert wird.

Kollage aus Handbüchern und Standardwerken

Das Ergebnis lautet, dass die Arbeit „zu einem Großteil aus einigen wenigen Werken entstanden ist.“[1] Althusmann habe in siebenjähriger Kleinarbeit neben seinem Beruf als niedersächsischer Landtagsabgeordneter aus sechs Einführungs- und Standardwerken, einem Handbuch und drei Parallelstudien (also nach 2000 veröffentlichter Forschungsliteratur zu Althusmanns Themenbereich) eine „großflächig angelegte Kollage von Zitaten“[1] erstellt, die den Eindruck erwecken soll, er habe wissenschaftlich gearbeitet. Althusmann reagierte wie seine Vorbilder: Er gestand „mögliche handwerkliche Fehler beim Zitieren“,[2] leugnete Vorsatz, bat die Uni um Prüfung und lehnte jeden Rücktritt ab:

„Für meine Ämter habe ich, auch nachdem ich den Ministerpräsidenten gestern informiert habe, entschieden, dass dies eine Krise ist, die ich durchzustehen habe.“[2]

Massive Täuschungen des Lesers weist das Dossier der Zeit Althusmann nach. Dennoch ist seine Täuschungstechnik anders als etwa bei Guttenberg: Althusmann schrieb (offenbar) nicht seitenweise wörtlich ab, sondern bemühte sich aufwendig um Paraphrasen. Die längste bekannte ungekennzeichnete wörtliche Übernahme soll jedoch über 40 Wörter umfassen – ohne Anführungszeichen.[1] Sonst entnahm Althusmann seinen 10 Quellen den Großteil der Inhalte in eigenen Worten, so dass der wissenschaftliche Ertrag, die geistige Eigenleistung des CDU-Politikers, gegen Null tendiert.

Solche „Bildungseliten“ sollen die Qualität sichern

Wie es um die geistige Leistung des Ministers bestellt ist, der 2011 oberster Hüter der „Qualitätsstandards in Schule und Hochschule“[2] ist, zeigen einige der Änderungen, die er gegenüber seinen Quellen vorgenommen hat: Aus „Universalismus der Selektionskriterien“, einem gelehrt klingenden Funktionselement der öffentlichen Verwaltung, machte Althusmann „Universelles Muss der Selektionskriterien“.[1] Hätte Althusmann auf die Verdoppelung des „s“ verzichtet, wäre das ein sinnvoller Hinweis auf seine Arbeitsweise: Man nehme eine Selektion von Literatur nach bestimmten Kriterien (Standardwerke usw.) und koche daraus ein universelles Mus.

Es ist gut, zu sehen, dass auch ohne VroniPlag überzeugende Plagiatsanalysen möglich sind. Der Österreicher Stefan Weber zeigt das seit Jahren und findet, dass der anonyme Informant der Zeit für ihn ein „idealer beruflicher Partner für die nächsten harten Brocken“ wäre.[3] Und der kommt bestimmt: „In jeder Kommission, die für Qualitätsstandards im Bildungswesen zuständig ist, sitzt mindestens ein Plagiator (und wenn nicht Textdieb, dann andersartiger Titelbetrüger).“[4] Wenn das für das oberste Gremium der deutschen Bildungspolitik, die Kultusministerkonferenz, gilt, dann ist es schwer zu leugnen, dass an Webers These etwas dran ist.

Vor- und Nachteile von Plagiatswikis

Doch die Dokumentation der Analyse von Althusmanns Dissertation offenbart auch Schwachstellen, die vielleicht von einer „Schwarmintelligenz“ wie VroniPlag nicht offen gelassen worden wären. Plagiatswikis haben aber andere Probleme, zum Beispiel dass jeder sie manipulieren kann: Am 11. April hatte das kurze Hineinschauen eines PlagiPedi-Wiki-Mitarbeiters – wahrscheinlich in ein Leipziger Bibliotheksexemplar – erste Verdachtsmomente ergeben:

„Die Arbeit umfasst 270 Seiten sowie 19 Seiten Literaturangaben. Sie enthält gesamt 660 Bezüge als überwiegend indirekte Zitate […] Es ist sehr beachtlich, wie der Autor neben seiner fulltime-Tätigkeit dieses Werk hat erstellen können. Eine weitergehende Überprüfung dürfte Interessantes zeitigen“.[5]

Diese wurden jedoch nach wenigen Tagen kommentarlos wieder entfernt. Vom 16. April bis gestern war daher in PlagiPedi Wiki zu lesen: „Mit großer Wahrscheinlichkeit ist diese Arbeit nicht zu beanstanden“.[6] Die Änderung wurde von einem niedersächsichschen Internetanschluss aus durchgeführt. Seit heute steht das Gegenteil fest.

Und Plagiator Nummer 8?

Warum nun ist Althusmann Plagiator Nummer 9, nicht Nummer 8, wie diese Zählung nahelegen würde? Weil VroniPlag derweil bereits seit dem 24. Juni 2011 einen neuen Fall verfolgt: Unter dem Kürzel Mw untersucht das Plagiatswiki die Dissertation „Die Deutschland- und Ostpolitik der ersten Großen Koalition in der Bundesrepublik Deutschland (1966-1969)“, die Martin Winkels 2009 an der Universität Bonn einreichte.[7] Wie Uwe Brinkmann ist Winkels kein Berufspolitiker, hat aber, wie sein Dissertationsthema verrät, mit diesem Gedanken gespielt.

Heute ist Martin Winkels beruflich PR-Berater für „Social Media“ bei einer Düsseldorfer „Medienmonitoring“-Firma. Zuvor hat er – auch neben der Promotion – für den Fernsehsender Phoenix gearbeitet und war Praktikant im Bundestag und im Landtag von NRW.[8] Winkels Parteipräferenz ist nicht bekannt und ergibt sich nicht aus seinen politologischen Promotionsprüfern: Sein Doktorvater ist zwar der SPD-nahe Michael Schneider, aber an Winkels Prüfung war auch der CDU-nahe Gerd Langguth beteiligt, außerdem der Phoenix-nahe Volker Kronenberg und der Demoskopie-nahe Tilman Mayer.[7]

Obwohl Winkels sich zwar schämen muss, wenn sein Plagiatszähler, der auf VroniPlag gerade auf 3,8 Prozent steht, weiter steigt, kann er sich dann damit trösten, dass er nicht einfach nur ein fieser Wissenschaftsbetrüger ist, sondern in einem System sozialisiert wurde, das solches Verhalten begünstigt und – karrieretechnisch – honoriert.

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12 Antworten zu “Plagiator Nummer 9: Bernd Althusmann, CDU, Präsident der Kultusministerkonferenz

  1. Vielleicht sollte man im Fall #8 lieber erstmal den Namen nicht nennen. 3,8 % ist noch eine sehr geringe Anzahl. Vielleicht tritt ja tatsächlich mal der Fall ein, dass jemand zu Unrecht beschuldigt wird und sich der Plagiatsverdacht widerlegen lässt. Deswegen hat sich vroniplag ja auch die Einhaltung einer 10 %-Hürde auferlegt. Wenn man allerdings beachtet, dass gleich der erste Satz der Einleitung schon ein verschleiertes Plagiat ist, kann man ruhig schon mit „mehr“ rechnen.

  2. Liebes Guttengate, sich sehe das eigentlich ganz ähnlich wie Sie. Die 10-%-Hürde halte ich aber für unwirksam und künstlich. Ein Verdacht ist ein Verdacht. Und ein öffentliches Wiki ist ein öffentliches Wiki.
    Sollte sich wirklich herausstellen, dass Martin Winkels das Opfer falscher Verdächtigung wurde und/oder seine Untersuchung bei VroniPlag wesentlich auf Irrtümern beruht, bin ich sofort bereit, ihn vielmals um Verzeihung zu bitten und als tätige Reue eine lobende Rezension seiner Dissertation zu verfassen, ihre Errungenschaften zu würdigen und zu betonen, dass sie erwiesenermaßen plagiatsfrei ist.
    Wenn man allerdings beachtet, dass „Martin Winkels“ ein gar nicht seltener Name ist (ebenso wie „Uwe Brinkmann“), dann verstehen Sie meine Namensnennung bitte als Dienst an den anderen Namensträgern, die fälschlich in Verdacht geraten könnten, wenn eine Google-Suche nicht den richtigen Martin Winkels in Verbindung mit Plagiatsvorwürfen ausgibt.

  3. Vergleiche zu diesem Fall auch meine Ausführungen unter
    http://de.vroniplag.wikia.com/index.php?title=Forum:Kritische_Anmerkungen_zum_Schutz_der_Privatsph%C3%A4re&t=20110706085024

    Ich würde dafür plädieren den Namen hier nicht zu nennen.

  4. Ich kann Ihre Argumentation nachvollziehen, glaube aber, dass Ihr Konzept von Öffentlichkeit zu pessimistisch ist.
    Nehmen wir an, der schlimmstmögliche Fall tritt ein: Der Arbeitgeber entlässt einen Plagiatsverdächtigen, der noch in der Probezeit ist, weil er vermeiden will, dass sein Unternehmen in Zusammenhang mit einem Plagiatsverdacht in den Medien erwähnt wird. Ich weise jede Verantwortung dafür von mir. Der Arbeitgeber ist selbst vollumfänglich für dieses Handeln verantwortlich. Moralische Vorwürfe kann man höchstens ihm machen.
    Wenn man glaubt, dass sich durch Öffentlichkeit die Wahrheit besser durchsetzt als ohne Öffentlichkeit, dann ist ein zunächst fälschlich in Verdacht geratener Doktor, bei dem aber bald darauf öffentlich festgestellt wird, dass er kein Betrüger ist, besser dran, als jemand, bei dem der Verdacht in Hinterzimmern geäußert und später nicht öffentlich dementiert wird.
    Und nochmal: Für Kurzschlussreaktionen in der Verdachtsphase ist allein der Kurzschlussreagierende verantwortlich, nicht der Überbringer der Nachricht.

  5. Die „Zehn-Prozent-Hürde“ wurde in diesem Fall eingehalten.
    http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Forum:Noch_eine_Bonner_Diss
    Im Forum wurden über 30 Stellen gesammelt, anschließend erfolgte der „Umzug“:
    http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Mw
    http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Mw/Fragmente
    Die „Sichtung“ dauert noch an:
    12 geprüfte und geschützte Fragmente
    27 zu prüfende Fragmente
    Frangge, zweiter Kommentar-Versuch

  6. Vorstehender Kommentar (und sein erster Versucht) ist leider im Spamfilter hängen geblieben. Inzwischen gibt es 38 gesichtete Fragmente, d.h. der Plagiatszähler von Martin Winkels steht auf 10,44 Prozent. Irritierenderweise gibt es trotzdem weder einen Barcode, noch wird der Fall Mw auf der Hauptseite präsentiert.
    Was ist los mit VroniPlag?

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