Das Sommerloch – Nachdenkliches für zwischendurch

Erbloggtes ist zurück aus einer vierwöchigen Sommerpause. Aber auch in den nächsten Wochen empfiehlt es sich, lieber eine Radtour zu machen, zum Baden zu gehen oder laue Sommerabende zu genießen, als vor dem Bildschirm zu sitzen, Online-Welten zu beobachten und sich Gedanken über die allgemeine Weltlage zu machen. Erbloggtes wird jedenfalls versuchen, es so zu halten. Zwischendurch folgt aber ein Update zu einem vermischten Themenkreis:

Online-Welten I: Facebook und Anonymous

Facebook: Der Konzern agiert sich um Kopf und Kragen. Die alten Lügen sind nicht überholt, sondern kommen in neuem Gewand immer wieder zurück. Das ist die Unternehmensphilosophie; und auch nur so lässt sich mit einem sozialen Netzwerk viel, viel Geld verdienen. Diese Profitsucht könnte Facebook nun vor gewaltige Probleme stellen: Um seinen Steuersatz auf 2,4 Prozent zu senken, betreibt das Unternehmen sein Europa-Hauptquartier in Irland. Von dort werden die Nutzungsverträge mit europäischen Kunden abgeschlossen, nicht etwa direkt aus den USA. Daher könnten nun 16 Anzeigen bei der irischen Datenschutzbehörde Facebook in Bedrängnis bringen,[1] denn europäischem Datenschutzrecht scheint deren Geschäftsgebaren klar zu widersprechen. Da nutzt es Facebook auch nichts, dass es plötzlich ganz viele Sympathisanten hat,[2] die die schleswig-holsteinischen Datenschützer für ihr Vorgehen gegen Facebooks illegale[3] Online-Verfolgung per Like-Button[4] kritisieren.

Anonymous: Hoffentlich wollen die Hacker von „Anonymous“ nicht im Internet viel Geld verdienen mit ihrer Alternative zu Facebook, dem geplanten anonymen sozialen Netzwerk Anonplus.[5] „Remember, remember the fifth of November“, rief Anonymous Facebook zu und drohte mit nicht weniger als der Zerstörung von Facebook zum 406. Jahrestag des Gunpowder Plot.[6] Vielleicht aber auch nicht; schließlich reichen auch Terror und Spannung aus, um die Facebook-Nutzer zum Nachdenken anzuregen.[7] Und bei der Verbreitung von Terror helfen zumindest deutsche Medien gern. Selbst wenn Anonymous nicht zur geheimnisvollen Macht im Hintergrund taugt, sondern neuerdings selbst Probleme mit Hacker-Angriffen bekommt.[8]

Online-Welten II: WikiLeaks, VroniPlag, Wikipedia, Wiki-Watch

WikiLeaks: Näher an Anonymous als an Facebook kann man Wikileaks einordnen. Leider demontiert sich die Whistleblower-Plattform selbst,[9] seit Julian Assange nicht mehr als Lichtgestalt, sondern als Schattenmann gilt. Interne Streitigkeiten sind bei Online-Projekten ja eher die Regel als die Ausnahme, vielleicht als Folge der fluiden, teilweise chaotischen Hierarchien, die Machtkämpfe provozieren. Das Alternativprojekt Openleaks präsentierte sich zuletzt leider auch nicht überzeugender, sondern hatte mit eigenen PR-Problemen zu kämpfen.[10]

VroniPlag: Internen Zwist gibt es auch bei VroniPlag, und das nicht zu knapp. Die Stellung des Gründers Goalgetter ist dort aber deutlich schwächer als beispielsweise die Stellung Assanges bei WikiLeaks. Nachdem Goalgetter seinen Klarnamen offenbart hat,[11] reißt die Kritik, die zuvor bereits zu seiner Entmachtung geführt hatte, nicht ab. Seine Kritiker unterstellen ihm im Kern böse Absichten. Denn dass er durch Alleingänge agiert, reicht in einem nichtdemokratischen, nichthierarchischen, chaotischen Machtsystem wie dem Schwarm nicht wirklich als Vorwurf aus. Ohne Alleingänge gäbe es kein VroniPlag, auch kein WikiLeaks, und Anonymous schon gar nicht. Bei VroniPlag produzieren gegenwärtig Alleingänge mit Communityanschluss weitere Plagiatsverdachtsfälle. Die Wikipedia listet nur sechs Monate nach dem Beginn der Guttenberg-Affäre bereits 14 Plagiatsaffären allein in diesem Jahr auf. Und die VroniPlagger arbeiten derzeit mindestens an einem halben Dutzend weiterer Fälle.

Wikipedia: Was macht eigentlich die freie Online-Enzyklopädie? Sie simuliert Demokratie: Die Trägerorganisation Wikimedia Foundation führt eine „Image Filter Referendum“ genannte Umfrage durch. Dabei sollen die Mitarbeiter zehn Prinzipien mit Zahlen von 0 bis 10 bewerten. Mit einer Abstimmung hat das jedoch nichts zu tun, das sieht man schon an der Art der Fragestellung. Die Foundation hat bereits beschlossen, künftig Bilder zu filtern, damit Leser Inhalte, die sie nicht sehen möchten, ausblenden können. Das ist unter Wikipedianern eine zumindest umstrittene Maßnahme, schließlich werden im Brockhaus auch keine Bilder ausgeblendet. Nun möchte die Foundation unter den Mitarbeitern für den Filter werben. Ob dazu ein Schein-Referendum das richtige Mittel ist?

Wiki-Watch: Über die Wikipedia ist nun der Bogen zum „wissenschaftlichen“ Projekt Wiki-Watch geschlagen, das inzwischen einer breiten Öffentlichkeit als Tarnorganisation für Wikipedia-bezogene Public Relations bekannt ist. Das hat nun auch die Uni Frankfurt (Oder) gemerkt und denkt über die Einstellung des Projekts nach.[12] Wiki-Watch-Kompagnon Weberling dreht zu seiner Verteidigung den üblichen Anonymitätsspieß um und kritisiert nicht die anonymen (und die inzwischen zahlreichen nicht anonymen) Wiki-Watch-Kritiker, sondern behauptet, Wiki-Watch und seine Mitarbeiter hätten ebenso wie die Wikipedia-Manipulatoren im Internet allesamt anonym agiert, daher könne man ihnen nichts nachweisen.[12]

Allgemeine Weltlage: Die Tea-Party-Bewegung

PR-Tarnorganisationen sind in den USA wohl noch viel einflussreicher als hierzulande. Die Tea-Party-Bewegung ist nicht etwa ein selbstorganisierter Haufen von Spinnern, sondern laut einem Dokumentationsfilm des Australiers Taki Oldham eine von einigen Milliardären gesteuerte und finanzierte Polit-Propaganda-Aktion im Interesse von Großkonzernen wie Koch Industries. Auf die Hetze, die etwa Obama (ernsthaft!) als Marxisten bezeichnet und dabei Elemente des Red Scare der 1950er aufgreift, reagiert Oldham mit investigativem Erstaunen und analytischem Kopfschütteln im Stile eines Michael Moore. Die Doku wurde in den letzten Monaten zweimal in deutsch ausgestrahlt: Zuerst im Schweizer Fernsehen als „Die Tea-Party-Bewegung“, dann auf ZDF_neo unter dem aussagekräftigeren Titel „Revolution der Reichen. Die Tea-Party-Verschwörung“. Die ZDF-Version wurde leider nach wenigen Tagen wieder depubliziert,[13] aber das Schweizer Fernsehen hält seine Sendung glücklicherweise noch nach Monaten hier verfügbar. Danke, Schweiz! Unter dem Originaltitel „(Astro) Turf Wars“ ist die Homepage zum Film online.

Die Berufung auf die Boston Tea Party von 1773 entlarvt bereits die nach ihr benannte „Bewegung“, zumindest wenn man die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr einflussreiche „progressive historiography“ des damals bedeutendsten amerikanischen Historikers Charles A. Beard kennt: In seinem bekanntesten Werk hatte Beard schon 1913 „An Economic Interpretation of the Constitution of the United States“[14] vorgenommen und war zu dem Schluss gelangt, dass die Gründerväter der USA keine freiheitsliebenden Idealisten waren, sondern vermögende Finanz- und Bodenspekulanten, die ein einziges Interesse hatten:

„The Constitution was essentially an economic document based upon the concept that the fundamental private rights of property are anterior to government and morally beyond the reach of popular majorities.“ (S. 324)

Denn mit der Einrichtung einer handlungsfähigen Zentralregierung in Washington wollten sie verhindern, dass die hoch verschuldeten Einzelstaaten sowie deren noch höher verschuldete Bevölkerungsmassen gegen ihre Gläubiger aufbegehrten und sie durch Nichtbegleichung der Schulden quasi enteigneten. In der Schuldenkrise nach dem Unabhängigkeitskrieg garantierte die neue Verfassung vor allem das Recht der Reichen, das Land der verschuldeten Farmer zu enteignen und zu Großgrundbesitz zusammenzuführen.

Man soll ja nicht leichtfertig historische Parallelen ziehen. Aber das ist ziemlich genau das Staatsverständnis, für das die Tea-Party-Bewegung eintritt. Hinzu kommt, dass Immobilienspekulation und Schuldenkrise auch irgendwie vertraut klingen. Damit schließt sich sogar der Kreis zu den Online-Welten. Denn bei genauerer Betrachtung ist es der virtuelle „Landbesitz“, der bei den oben besprochenen Projekten umstritten ist.

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Eine Antwort zu “Das Sommerloch – Nachdenkliches für zwischendurch

  1. Pingback: Tea Party – Revolution der Reichen | SPD-Blog Baden-Württemberg

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