Verleger trommeln gegen ARD und ZDF

Erwünschtes Zukunftsszenario der Zeitungsverleger ist (1) das Verbot der Tagesschau-App, (2) die Einschränkung aller Internet-Aktivitäten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, (3) die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks insgesamt.

Argumente für das Wunschkonzert?

Letzteres mag zwar niemand offen zugeben; den grundsätzlichen Positionen und Argumentationen der Verleger ist aber zu entnehmen, dass die Öffentlich-Rechtlichen weg sollen, um den Weg frei zu machen für den Verkauf jeglicher privater Medien in jeglicher Qualität über jeglichen Kanal. So verlautete Christian Nienhaus in einem PR-Interview in der FAZ (überhaupt machen Zeitungen derzeit vor allem Eigen-PR):

„Der Staatsrundfunk macht im Internet den Markt kaputt. Ich schätze die Qualität der öffentlich-rechtlichen Angebote sehr, aber sie produzieren diese mit Gebührengeld und machen damit Unternehmen ihr Geschäftsmodell im Internet kaputt.“[1]

Die Einschränkung „im Internet“ kann man dabei getrost weglassen, wie Stefan Niggemeier feststellt, der sich mit den Äußerungen des Vorsitzenden des Zeitungsverlegerverbandes NRW detailliert auseinandergesetzt hat: „Christian Nienhaus und die große Ignoranz“, 26. August 2011. Lukas Heinser konzentriert sich auf Nienhaus‘ „Argument“, die Verlage könnten nicht mit Umsonst-Angeboten konkurrieren, indem er darauf verweist, dass die öffentlich-rechtlichen Angebote keineswegs kostenlos sind, sondern jeden 17,98 Euro monatlich kosten.[2] Jens Matheuszik vom Pottblog diskutiert Nienhaus‘ Antworten – und die laschen Fragen der FAZ – ebenfalls und geht näher auf eine steile Behauptung von Nienhaus ein:[3]

„Im Landtag von Nordrhein-Westfalen wurde Abgeordneten gedroht, wenn Sie gegen die Mediengebühr stimmten, würde das in der WDR-Berichterstattung Folgen haben.“[1]

Dem unbeteiligten Beobachter kann es eher so vorkommen, als müsse man hier „WDR“ durch „WAZ“ oder „BILD“ ersetzen, und „gegen die Mediengebühr stimmten“ durch „tun, was wir sagen“. In Nienhaus‘ Version ist das – ohne jeden Beleg – eher als unglaubwürdige Räuberpistole einzuschätzen.

Den Verlegervertretern fehlt bei ihrer Argumentation der Sinn dafür, dass alle außer ihnen selbst den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus staatsbürgerlicher Perspektive beurteilen, nicht aus marktwirtschaftlicher Perspektive. Daher lautet ihr Hauptargument: Wir wollen keine öffentlich-rechtlichen Medien, weil die Angebote für einen vorhandenen Markt produzieren, den wir lieber für uns haben wollen. Das kann niemanden überzeugen, der nicht selbst den Markt für sich haben will. Daher ist als zusätzliche Prämisse des Arguments die Behauptung notwendig: Privatwirtschaftliche Medien sind toll!

Praxistest

Diese Behauptung kann der Medienwirklichkeit jedoch meist nicht standhalten. Ein aktuelles Beispiel, zufällig ebenfalls von Lukas Heinser aufgeschrieben: „Er hat ‚Jude‘ gesagt!“ In: Bildblog, 26. August 2011. Kurz zusammengefasst: Entweder sind Bild und Weser-Kurier zu dumm, um eine Lizenz zum Zeitungmachen zu bekommen (ihr Glück, dass die Lizenzpresse abgeschafft ist!), oder sie stricken absichtlich und planvoll ihre eigenen Skandale, indem sie sich so dumm stellen, Kontexte ignorieren, Zitate verfälschen und Leute zu Stellungnahmen auffordern, die den Sachverhalt offensichtlich nicht kennen.

Das wäre ja alles nicht so schlimm, wenn sie das wild anarchistisch betreiben würden und jeder in ihnen nur das Unterhaltungsblättchen sehen würde, das sie sind (quasi die gedruckte Form der nachmittäglichen „Reality“-Doku im Privatfernsehen). Aber tatsächlich kann solcherart „Berichterstattung“ häufig den Eindruck nicht vermeiden, dass solche Blätter nicht „nur Spaß“ machen, sondern dass sie im Namen ihrer eigenen Interessen schreiben, damit alle tun, was sie wollen. Das Opfer im genannten Beispiel gilt etwa als der „moderne und gemässigte“ Typ eines JU-Mannes, nach seinem Rücktritt solle nun ein „rechter Hardliner“ folgen.[4]

Und manchmal versucht sich die privatwirtschaftlich organisierte Presse auch an seriösem Journalismus, etwa durch die Wiedergabe von Agenturmeldungen. Damit erhebt sie den Anspruch, dass man ihnen glauben und sich von ihnen informieren lassen sollte. Eben die oben genannte zusätzliche Prämisse.

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7 Antworten zu “Verleger trommeln gegen ARD und ZDF

  1. Pingback: Praxistest 2: „Kauft nicht bei Finnen!“ (Harald Schmidt) | Erbloggtes

  2. Das Interview von Nienhaus hat ein Nachspiel: Im Landtag werde das diskutiert werden. Vor allem die angebliche Bedrohung von Abgeordneten erhitzt die Gemüter; der WDR prüft rechtliche Schritte.[1]

  3. … und Nienhaus meint, seine oben zitierte Äußerung über bedrohte Landtagsabgeordnete sei missverstanden worden.[1]

  4. Ja Servus,

    vielen Dank für den Verweis.

    Drei Dinge als Korrektur:

    – die Bewertung, dass der JU-Mann „modern und gemässigt“ sein soll, stammt nicht von uns.
    – dass ein „rechter Hardliner“ folgen soll, ist eine Vermutung, und ist als solche gekennzeichnet. Dass der Vorgänger einer war, steht in der taz, und nicht bei uns. Und auch das steht im Text. Naja…wer dem Link folgt, sieht das ja dann auch.
    – wir verfolgen keine Interessen, sondern wir machen aufmerksam und lesen Quer, um zusammenhänge herzustellen. Weil wir glauben, dass manchem so manches beim ersten Durchlesen entgeht……nicht wahr? Und ein gewisser Hintergrund hier und da das Geschriebene in einem etwas anderen Licht erscheinen lässt.

    Und ein Ding zum Nachdenken:
    – Wie ist das zu werten, sämtliche „privatwirtschaftliche Medien“ einfach mal als Analogie zur scripted reality darzustellen? Da hats ja einer nötig…

    Wie das zu bewerten ist, die Dinge so hinzubiegen, dass sie in die eigene Intention hineinpassen („…Kontexte ignorieren…“), das überlassen wir nachfolgenden Lesern. Wer Tendenziösität kritisiert und Intentionen unterstellt, der sollte nicht selbst…Sie wissen schon.

    So long

    Der Falke (keinem Diskurs abgeneigt)

  5. Hallo Falke!
    Womöglich ist Ihnen beim ersten Durchlesen meines Textes etwas entgangen. Das trägt nicht dazu bei, dass ich sicher bin, was Sie in Ihrem Kommentar sagen wollen. Daher fällt es mir schwer, Ihnen im Sinne Ihrer von mir vermuteten Intention zu antworten.
    Ich versuche es mal: „solche Blätter“ bezieht sich auf Bild und Weser-Kurier, im weiteren Sinne auf boulevardeske Medienkonzerne mit Meinungsmacht. Wenn Sie sich nicht gerade als deren verlängerter Arm verstehen, dann habe ich dem Falken sicher keinen Lobbyismus „im Namen ihrer eigenen Interessen“ unterstellt. Ich halte weder Ihren noch meinen Blog für „privatwirtschaftlich organisierte Presse“. Ich zumindest bin wirtschaftlich völlig desorganisiert.
    Im Gegensatz zur Macht von Medienkonzernen, für oder gegen etwas zu „trommeln“, wie es ihnen passt, ist die Blogosphäre eher ein bunter, vielstimmiger Meinungspool, in dem kaum jemand bedenkliche Ausmaße von Medienmacht ansammeln kann. Da die Kampagnenfähigkeit einzelner Blogs derart eingeschränkt ist, überzeugt mich Ihre Forderung nicht, Blogs müssten tendenzlos sein.
    Dagegen würde die Umsetzung spätestens der 3. Forderung der privatwirtschaftlichen Medien (siehe ganz oben) ein spezifisches Tendenzmonopol zum Schaden von Pluralismus und Demokratie erzeugen.
    Falls Sie nicht der Überzeugung sind, dass als Voraussetzung einer fundierten gesellschaftlichen Meinungsbildung in der Öffentlichkeit verschiedene Stimmen zu Wort kommen sollten, verstehe ich nicht, warum Sie einen Blog betreiben. Falls Sie doch dieser Überzeugung sind, müssten Sie mir zustimmen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen wichtigen Gegenpol zu den privatwirtschaftlichen Medien bildet.

    Zum Diskurs sind wir, glaube ich, noch nicht vorgedrungen. Aber vorher können wir uns ja um Verständnis bemühen.
    In diesem Sinne!
    Erbloggtes

  6. Ja Servus,

    da scheint mir / uns tatsächlich das eine oder andere entgangen zu sein. Vielen Dank für die Klarstellung.

    Dazu hätte ich dann auch noch was beizutragen: wir fordern nicht, dass Blogs tendenzlos sein sollen. Dies ist ein freies Land. Wir haben nur betont, dass WIR tendenzlos sind.

    Im Übrigen sind wir dann angesichts des notwendigen Pluralismus offenbar der gleichen Meinung: angesichts der Entwicklung der privatwirtschaftlichen Medien, besonders seit der ihrer Ausdehung auf Privatfernsehen und „Neue Medien“, sehen wir inzwischen die öffentlich-rechtlichen Anbieter sogar als unverzichtbar an.

    Offenbar konnten wir das hier absolvieren, ohne in den Diskurs einzutreten.

    So long

    Der Falke
    PS: „…wirtschaftlich desorganisiert…“ hat mir am besten gefallen.

  7. Puh, da bin ich aber beruhigt.
    Strittig ist dann noch der Punkt, ob der Falke eine Tendenz hat. Ich denke das schon, auch wenn er keiner Parteilinie folgt. Vielleicht kann man die Tendenz ja „unabhängig selbstdenkend“ nennen. Damit sei nicht mehr gesagt, als dass er eine eigene Position im Meinungsspektrum besitzt.
    Schönen Gruß
    Erbloggtes

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