Der tödliche Befehl

Erwünschtes Bild des deutschen Soldaten scheint dem ZDF das des opfermutigen Helden zu sein, der im Angesicht des Krieges in Gewissenskonflikte gerät, sich für die Ehre und seine Kameraden entscheidet, dadurch an schrechlichen Gewalttaten teilnimmt und so unschuldig schuldig wird.

Zu diesem Motiv aus der klassischen Tragödie treten freilich weitere in Deutschland klassische Motive hinzu: Wenn ein Offizier ein Massaker an über 100 Menschen, Männern, Frauen und Kindern, befiehlt, dann geschieht dies natürlich in verzweifelter Lage in einem asymmetrischen Krieg gegen Partisanen. Anschließend wird dem Offizier in einer Reihe von Persilscheinen attestiert, dass es sich um einen „sehr ernsthaften, sehr überlegten Menschen mit hohen ethischen Maßstäben und Prinzipien“ handele, der nur in Notwehr zu den letzten Mitteln gegriffen habe. Und schließlich gelingt es den alten Kameraden von der Propagandakompanie, in der Nachkriegspublizistik das Bild der „sauberen Wehrmacht“ zu verbreiten.

Für das 20. Jahrhundert waren diese Erzählmuster charakteristisch. Das ZDF hat sie nun ins 21. Jahrhundert transferiert. Manches hat sich geändert: die saubere Wehrmacht heißt jetzt Bundeswehr, die Propagandakompanie heißt Truppe für Operative Information, Persilscheine heißen Leumundszeugnisse, Partisanen heißen Terroristen und Russland heißt Afghanistan. Aber es geht immer noch ums Öl – glücklicherweise nicht mehr um „Lebensraum“ (wer will da schon leben?) – und immer noch um deutsche Soldaten, die den massenhaften Tod unschuldiger Einwohner eines fernen Landes zu verantworten haben. Immer noch sagen sie dazu wörtlich Dinge wie: „Wir werden mit der Härte, die geboten ist, zurückschlagen.“[1]

Und dann gibt es auch immer noch Leute, die verhindern wollen, dass die Soldaten sich dieser Verantwortung bewusst werden. Die sagen dann „jeder hätte in dieser Situation so gehandelt“, „es gab keine Alternative“ oder „die Entscheidung war sachlich gerechtfertigt“, damit sich auch morgen noch Soldaten bereit finden, für Geld Waffen in die Hand zu nehmen und andere Menschen zu erschießen.

Das ZDF hat den Luftangriff bei Kunduz am 4. September 2009 zu einer „Doku-Fiction“ verarbeitet (früher hieß das Propagandafilm), die am 7. September 2011 um 22:45 Uhr unter dem Titel „An einem Tag in Kunduz. Der tödliche Befehl“ ausgestrahlt werden soll. Kritisch kommentiert dies: Im Sinne der Soldaten. In: German-Foreign-Policy.com, 29. August 2011, und schlussfolgert die Intention, „die mit Gewaltoperationen im Ausland befassten deutschen Soldaten als opferbereite Kämpfer im Interesse des Gemeinwohls darzustellen, um so die Öffentlichkeit zur Unterstützung aktueller wie künftiger Kriege zu bewegen.“

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