Wir sind die Guten

Erweckt es alte Ressentiments wieder zum Leben, wenn ihr Gehalt einfach auf neue Feinde übertragen wird? Political Correctness, Kommunismus und Islamismus scheinen derzeit ein und dasselbe zu sein – jedenfalls wenn man ihren geeinten Feinden glaubt, die für Antikommunismus, Islamophobie und Political Incorrectness stehen. Bildblog demonstriert an einem Beispiel deutlich, wie zwischen Boulevard, bürgerlicher Presse und Hetzpublizistik eine mächtige Teilöffentlichkeit entsteht, die alte Feindseligkeit aufgreift, um sie auf neue Feinde zu übertragen:

Der Tagesspiegel verbreite längst widerlegte Meldungen, dass die BBC die christliche Zeitrechnung (BC/AD) abgeschafft und durch die angeblich politisch korrekte Benennung BCE/CE (Before Common Era/Common Era) ersetzt habe. Die Zeitung zitiere Kritiker, dass dass die BBC damit „linken Labourpositionen“ huldige und außerdem aufgrund ihrer „Christenfeindlichkeit […] eine Nachrichtensprecherin abmahnte, die an einer Halskette ein Kreuz trug“. Tagesspiegel-Autor Thibaut sei sich nicht zu schade gewesen, Prophezeiungen über „die erste Sprecherin mit Kopftuch“ zu verbreiten und Stimmen zu zitieren, die sich „fragen, wie lange es dauert, bis die Bibel verboten wird“. Damit nicht genug, sehe der Journalist die BBC in der Tradition des Wahrheitsministeriums aus George Orwells „1984“.[1]

Symbole des Bösen

Es sind die Symbole, die im öffentlichen Bewusstsein Wirkung entfalten. Die „Abschaffung der christlichen Zeitrechnung“ etwa gilt als revolutionäres Symbol, nachdem die Französische Revolution und die Sowjetunion eigene Kalendersysteme einzuführen versuchten, in der DDR Jahresangaben gemäß „unserer Zeitrechnung“ (v. u. Z./u. Z.) gemacht wurden. In der BRD konnte sich das schon deshalb nicht durchsetzen, weil es in der DDR so gehandhabt wurde. Andererseits hat wohl niemand den Schwätzern vom Untergang des christlich-kapitalistischen Abendlandes verraten, dass in Deutschland bereits 1994 die DIN 1355-1 abgeschafft wurde, die Jahresangaben mit v. Chr./n. Chr. vorschrieb. ISO 8601 schlägt stattdessen die Verwendung negativer Jahreszahlen vor.

Ebenso sollen wohl die „linken Labourpositionen“ als kommunistisch stigmatisiert werden. Als totalitär gilt es ja jedenfalls, wenn das Tragen von Kettchen mit Kreuz-Anhängern verboten würde. Hier schwenkt die ideologische Stoßrichtung um vom Antikommunismus zur Islamophobie, die durch totalitär-islamistische (oder islamisch-fundamentalistische) Staaten miteinander verknüpft werden: Nicht etwa Säkularität und religiöse Neutralität öffentlicher Einrichtungen werden als Ursache des erfundenen Kreuz-Kettchen-Verbots identifiziert, sondern die „Christenfeindlichkeit“, die auch zum Verbot der Bibel (die Bibel auf dem Index Librorum Prohibitorum, wie ironisch – aber seit 1967 nicht mehr existent) oder zum Auftreten von Nachrichtensprecherinnen mit Kopftuch führen werde. Im Unterschied zur sowjetischen Religionsfeindlichkeit ist Christenfeindlichkeit ein Symbol für totalitären Islamismus.

Damit verweist Thibaut auf einen ungenannten Feind, der am ehesten gängigen Vorstellungen vom Iran ähnelt. Und wie zu Zeiten des Kalten Krieges (oder auch des Nationalsozialismus) ist es ein Leichtes, jeden, der etwas tut, was einem selbst nicht passt, als Agenten jenes Feindes zu diskreditieren. Wenn man aber ohnehin schon im Wir-gegen-Die-Denken verhaftet ist, Wer-nicht-für-uns-ist-ist-gegen-uns-Parolen liebt und das Weltgeschehen als ständigen Kampf der Guten („wir“) gegen die Bösen („die“) betrachtet, ist man gegenüber „denen“, auf die man mit dem Finger zeigt, auch nicht zu Fairness verpflichtet – denn wer dem Teufel fair begegnet, landet am Ende in der Hölle…

Gut und Böse: Geschichte des Wir-gegen-Die

Der Zoroastrismus repräsentiert seit 3000 Jahren den Dualismus von Gut und Böse, Gott und Teufel. Das antike Judentum entwickelte davon inspiriert einen Messianismus, in dem ein von Gott Gesandter für den Endsieg des Guten über das Böse sorgen sollte. Im Chiliasmus kämpfen die Guten selbst für die Vernichtung des Bösen. Durch den Manichäismus sind solche Lehren auch ins Christentum eingezogen. Augustinus hat den Antichrist als Figur des Bösen etabliert. Das widerspricht strenggenommen dem Monotheismus, da ein einziger allmächtiger Gott sich nicht im Kampf mit einem ihm gewachsenen Gegner messen kann.

Mit dem Antichrist ist aber auch eine Kampfbezeichnung für alles Nichtchristliche ins Christentum eingeführt worden: Im Kontext der Christenverfolgung wurde Kaiser Nero zum Antichrist erklärt. Später galten als Antichrist oder dessen Handlanger gern die jeweiligen Gegner, gegen die man sich gerade richtete: Juden, Ketzer, Hunnen, Muslime, Gegenpäpste, Protestanten (oder eben Katholiken), der Kaiser, der Staat, die Revolution usw. Demnach ist es ein rhetorischer Topos mit langer Tradition, vom absolut Bösen zu reden.

Wenn sich jemand nicht zum Christentum bekannte, war er – gerade in jüngerer Zeit – natürlich um so verdächtiger, das Reich des Bösen zu propagieren: Demokraten, Sozialdemokraten, Bolschewisten, Nationalsozialisten, Juden (ironischerweise gab es tatsächlich Geistliche, die im Sinne der unchristlichen Nationalsozialisten gegen die unchristlichen Juden predigten), Ausländer aller Art, Muslime, Terroristen und die Politische Korrektheit.

Die altpersische Unterscheidung zwischen Iran und Turan, dem Land des Lichts und dem Land der Dunkelheit, ist dadurch verwandelt zurückgekehrt: Ursprünglich hieß Iran das gesegnete Land der Sesshaften, Turan das Land der mit diesen verfeindeten nomadischen Turkvölker. Heute gilt Iran als Bezeichnung für einen Schurkenstaat, der das Heilige Land Israel und das Gelobte Land USA vernichten wolle.

Journalisten als Akteure des Wir-gegen-Die

Die Hauptsache daran ist das Wir-gegen-Die. Nun kann man jeden Journalismus als (zuweilen bloß implizite) Wir-gegen-Die-Rhetorik zur massenmedialen Herstellung eines künstlichen Gemeinschaftsgefühls in einer gemeinschaftslosen Welt betrachten. Geht es auch anders? Vielleicht: Wenn Journalisten ihre Selbstzuordnung zu einem diffusen Kollektiv reflektieren würden, könnten sie sich den eigentlich interessanten Aspekten jedes Themas zuwenden: Dem Versuch, den Gegner zu verstehen. Indem man sich ernsthaft über die Lage der anderen informiert, kann man ihre Handlungen aus deren Position verstehen, statt sie aus der eigenen Position als „böse“ abzutun.

Das Problem ist aber: Recherche auf der anderen Seite ist naturgemäß aufwendiger. Und für kommerzielle Medien gilt zudem: Sowas verkauft sich schlechter als Gemeinschaftsduselei à la „Wir sind Papst!“ Amen.

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Eine Antwort zu “Wir sind die Guten

  1. Die v.Chr./n.Chr.-Geschichte ist offenbar für viele Medien attraktiv.[1][2] Dies „dokumentiert, welche Art von Ressentiments sie mit ihrer Falschmeldung bedien[en“].[2]

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