Wissenschaftliches Verlagswesen. Zwei Geschäftsmodelle im Vergleich

Erlesenes soll erlesen sein. Wissenschaftliche Publikationen versuchen mit außerwissenschaftlichen Mitteln, sich den Anschein eines möglichst hohen wissenschaftlichen Wertes zu verschaffen. Zu den wichtigsten dieser Mittel gehört es, eine Veröffentlichung in einem angesehenen Verlag zu platzieren und ihr eine edle äußere Form zu geben, etwa durch teures Papier, professionelles Layout oder kunstvolle Typographie. Wer sich an solche Spielregeln nicht hält, dem dürfte es schwer fallen, mit seinen Forschungsergebnissen zu überzeugen – selbst wenn sie inhaltlich nicht zu beanstanden sind.

Dieses Erfordernis des Wissenschaftsbetriebs ist die Geschäftsgrundlage von Wissenschaftsverlagen. Mit Blick auf Naturwissenschaften hat der britische Biologe und Intellektuelle George Monbiot im Guardian das System der Wissenschaftsverlage scharf angegriffen:

„Wissenschaftsverlage schröpfen nicht nur die Forschung. Sie betrügen auch die Öffentlichkeit“.[*]

Teure Abonnements: Naturwissenschafts-Zeitschriften

Monbiot erläutert den Unterschied zwischen Zeitungsmogul Rupert Murdoch und den Wissenschaftsverlagen Elsevier, Springer und Wiley, die zusammen 42 Prozent aller naturwissenschaftlichen Zeitschriftenartikel herausbringen:

„Während aber Murdochs Unternehmen einen großen Teil der Beiträge selbst generieren und Journalisten und Redakteure dafür bezahlen, bekommen die Wissenschaftsverlage ihre Artikel, Peer Reviews […] und oft auch noch die redaktionelle Arbeit kostenlos zur Verfügung gestellt. Das Material, das sie veröffentlichen, wird also nicht einmal von ihnen in Auftrag gegeben oder finanziert, sondern durch öffentliche Gelder und Stipendien ermöglicht – von uns allen. Um die Ergebnisse aber einsehen zu dürfen, müssen wir erneut bezahlen, und zwar Wucherpreise.“[*]

Die Gewinnspannen bei naturwissenschaftlichen Zeitschriften liegen um 40 Prozent, für Elsevier bedeutete das zuletzt rund 800 Millionen Euro Gewinn bei zwei Milliarden Euro Umsatz.

Gewinnanteil am Umsatz (Umsatzrendite)

Gewinnmargen von bis zu 40 % bei Science Journals. Andere Zeitschriften können davon nur träumen.

Solche Renditen entstehen durch Monopolisierung, nicht durch Wettbewerb. Und sie beweisen, dass die Abonnement-Gebühren von bis zu 20.000 Euro pro Zeitschrift und Jahr, die wissenschaftliche Institutionen zu zahlen gezwungen sind, um ihren Nutzern aktuelle Forschungsstände zugänglich zu machen, nicht die Produktions- und Vertriebskosten der Verlage widerspiegeln. Die Verlage können ihre Abonnements teuer verkaufen, obwohl sie selbst nichts zum Wert der Zeitschriften beitragen. Die Analysten der Deutschen Bank sehen das kapitalistisch klar:

„Wir glauben, dass der Verleger im Veröffentlichungsprozess verhältnismäßig wenig zur Wertsteigerung des Produktes beiträgt. Wäre dieser Prozess wirklich so komplex, kostspielig und würde so viel zur Wertsteigerung beitragen, wie die Verleger behaupten, wären keine Gewinnspannen von 40 Prozent möglich.“[*]

Das macht die Verleger der – inzwischen weitestgehend digital vermarkteten – Naturwissenschafts-Zeitschriften für Monbiot zu den „skrupellosesten Kapitalisten der westlichen Welt“.[*]

Unrentable Wissensgebiete?

In anderen Wissensbereichen sieht das etwas anders aus. Elsevier hat außer Science & Medical auch noch Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften im Programm.[1][2] Die Gewinnmargen liegen da deutlich niedriger, was wohl mit der schlechteren wirtschaftlichen Verwertbarkeit solcher wissenschaftlicher Forschungen im Vergleich zu Technik oder Medizin zusammenhängt.

Anteile der Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften, sowie der Natur- & Technikwissenschaften & der Medizin am Buch- und Zeitschriften-Programm von Elsevier

Den Anteil der profitabelsten Fächer zu maximieren muss nicht nur Elsevier anstreben.

Für Elsevier bedeutet das, dass solche Bereiche für ihr Geschäftsmodell einfach nicht rentabel genug sind. Elsevier ist dabei nur ein zufällig herausgegriffenes Beispiel. Aber das Rentabilitätsproblem haben andere Verlage ebenfalls. Für die Geisteswissenschaften – teilweise auch für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften – haben Verlage daher andere Wege entwickelt, ihre Gewinnmargen zu maximieren:

Geisteswissenschaftliche Kunden-Verdrehung

Fachzeitschriften zahlen ebensowenig Honorare an Autoren, Reviewer oder Rezensenten; da kann man also nichts sparen. Gewinnträchtig sind in den Geisteswissenschaften dagegen Bücher. Während bei der naturwissenschaftlichen Journal-Orientierung der Leser stets auf dem Laufenden bleiben muss, sind in den Geisteswissenschaften die Autoren darauf angewiesen, Bücher zu publizieren, um ihren persönlichen Erfolg in der Wissenschaft zu repräsentieren und ihre Chancen auf Anstellungen zu erhöhen. Eine Dissertation in einem renommierten Fachverlag sorgt für gute Chancen bei der Bewerbung um Post-Doc-Stellen (oder Junior-Professuren). Eine Habilitation in einem renommierten Fachverlag sorgt für gute Chancen bei der Berufung auf Professuren. Auch später gelten als erfolgreiche Wissenschaftler jene, die dicke Bücher in namhaften Verlagen herausbringen.

Für die Verlage bedeutet das eine große Nachfrage nach den Publikationsmöglichkeiten in ihrem Programm. Da geisteswissenschaftliche Bücher sich aber verhältnismäßig schlecht verkaufen – für wenige Detailfragen gibt es mehr als zehn Experten – ist das Angebot an Publikationsmöglichkeiten in als hochwertig geltenden Verlagsprogrammen sehr gering. Bei geringem Angebot und hoher Nachfrage bildet sich ein entsprechend hoher Preis. Entscheidend ist hier, wer der Käufer ist, und welche Ware er zu dem hohen Preis erwirbt:

Das Produkt, das geisteswissenschaftliche Verlage erfolgreich vermarkten können, ist die Erlaubnis, ein Buch in ihrem Programm zu veröffentlichen. Für Autoren ist das gleichbedeutend mit einem Siegel für Seriosität und Wissenschaftlichkeit. Daher sind die Geisteswissenschaftler selbst bereit, zu Kunden zu werden und den Verlag für die Lizenz zu bezahlen, den Verlagsnamen und das typische Verlagslayout in ihrem Buch verwenden zu dürfen.

Autoren machen die Arbeit – und zahlen dafür

Die Druckvorlagen müssen viele Wissenschaftler inzwischen selbst bereitstellen, sogar die Gestaltung der Buchumschläge geht langsam in die Verantwortung der Autoren über. Natürlich haben Qualitätsverlage hohe Ansprüche an Layout und Lektorat, schließlich sollen die Bücher äußerlich eine angebliche innere, wissenschaftliche Qualität repräsentieren. Das bedeutet, dass Wissenschaftler entweder selbst die Fähigkeiten von Layoutern und Lektoren erwerben, oder diese Aufgaben an Hilfskräfte übertragen müssen. Früher haben Verlagsmitarbeiter diese Jobs gemacht. Doch Personalkosten drücken die Gewinnspanne.

Der ideale geisteswissenschaftliche Verlag beschränkt seine wirtschaftliche Tätigkeit auf den Verkauf seines guten Namens an Wissenschaftler. Alle anderen Geschäftsbereiche sind personal- und damit kostenintensiv. Da die Nachfrage nach dem guten Namen von Fachverlagen in einer unübersichtlich ausdifferenzierten Wissenschaftslandschaft immens ist, können die Verlage von den Lizenznehmern fantastische Preise verlangen. Eine Doktorarbeit für 3000 Euro soll ein Schnäppchen sein, 9000 Euro ein realistischerer Preis für ein gutes Buch mit gutem Namen.

Duncker/Dunker & Humblot/Humbold

Der gute Name von Guttenbergs Verlag mag diesen einiges gekostet haben. Für die SZ war der gute Name aber nicht bekannt genug.

Wie hoch der wissenschaftliche Wert eines Buch ist, spielt für den Verlag dabei kaum eine Rolle. Das zeigen nicht zuletzt die dreisten Plagiate, die bei namhaften Verlagen wie Duncker & Humblot, Nomos oder VS ebenso „durchgerutscht“ sind wie bei den verlagslosen (und kostenlosen) Dissertationsveröffentlichungen auf Universitätsservern.[3][4][5] Entscheidend ist die Zahlungskräftigkeit des Autors – und sein Anspruch an einen wissenschaftlichen Qualitätsanschein des eigenen Werks.

Für Wissenschaftler sind solche Summen Investitionen in die eigene Karriere. In der engen Konkurrenz um Anstellungen an den Universitäten plündern sie ihre Sparschweine, bewerben sich um Druckkostenzuschüsse oder nehmen sogar Kredite auf. Manche entscheiden sich auch, gerade wenn sie keine zahlungskräftige Familie im Hintergrund haben, an diesem Punkt die akademischen Karriereträume hintan zu stellen und auf No-Name-Publikationsmöglichkeiten zurückzugreifen.

Wissenschaftliche Institute als Goldesel, Verlage als wissenschaftliche Feudalherren

Mehr Geld können Verlage von Institutionen verlangen, die als Ausweis ihrer wissenschaftlichen Produktivität mehrbändige Werke – oder gar Buchreihen – publizieren und mit dem Nimbus des Fachverlags versehen wollen. Vorausgesetzt, solche Organisationen sind – meist vom Steuerzahler – finanziell gut ausgestattet, lassen sich auch schon mal mittlere fünfstellige Beträge dafür verlangen, dass auf ein als künftiges Standardwerk geplantes Buch das schicke Logo eines Fachverlags gedruckt wird.

Die Orientierung solcher Preise am Umfang eines Werkes ist bloße Fassade. Papier- und Druckkosten würden, guter Absatz vorausgesetzt, auch von den horrenden Preisen gedeckt, die solche Literatur den Leser dann kostet. Und hier liegen die Natur- und Geisteswissenschaften wieder eng beisammen: Die allermeiste Arbeit, die in einem wissenschaftlichen Werk steckt, ist in beiden Bereichen längst bezahlt, bevor der erste Leser das Portemonnaie öffnet.

„Was wir hier sehen, ist der reine Rentenkapitalismus: Durch die Monopolisierung eines öffentlichen Gutes lassen sich schwindelerregende Gebühren für dessen Nutzung erheben. Ein anderer Begriff dafür ist wirtschaftlicher Parasitismus: Um an das Wissen zu gelangen, dessen Erzeugung wir bereits mit Steuermitteln bezahlt haben, müssen wir den Grundherren des Wissens untertänigst unseren Pachtzins überreichen.“[*]

[*] Die Zitate stammen von George Monbiot: The Lairds of Learning. In: Monbiot.com, 29. August 2011; Übersetzung von Holger Hutt in: Der Freitag, 29. September 2011. Das letzte Zitat neu übersetzt von Erbloggtes. Es ist ja erfreulich, dass Der Freitag gute Texte übersetzt. Aber müssen die Übersetzungen schlecht sein und einen Monat dauern?

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4 Antworten zu “Wissenschaftliches Verlagswesen. Zwei Geschäftsmodelle im Vergleich

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