Zehn Jahre Hochschulpolitik. Evaluation und Perspektive

Erweist es sich heute als akademische Fehlentwicklung, was seit einem Jahrzehnt als Heilsweg der Hochschulbildung in Deutschland betrachtet wurde? Der Datenreport 2011 des Statistischen Bundesamts und der Bundeszentrale für politische Bildung liefert einige statistische Kennzahlen für die Analyse der Hochschul-Rahmenbedingungen und für die Lösung der dabei aufgezeigten Probleme (Download; folgende Seitenangaben daraus):

Absolventen und erfolgreich Geprüfte

Die Zahl der Studienabschlüsse hat sich von 1999 bis 2009 erfreulich um über 50 Prozent erhöht: von 222.000 auf 339.000 (S. 61). So sollte eine Entwicklung aussehen, die das Gemeinwohl im breiten Zugang zu Bildung sieht und in Bildung die wichtigste „nationale“ Ressource. Leider ist das nur eine Scheinentwicklung. Die Zahl der Promotionen ist mit 25.000 pro Jahr gleich geblieben. Auf der darunter angesiedelten größten Ebene (Diplom, Magister, Staatsexamen, Master u.ä.) ist der Zuwachs der Abschlüsse weniger als halb so groß, unter 23 Prozent (S. 61). Hinzu kommt, dass bereits 1996 die Gesamtzahl der Hochschulabschlüsse bei 237.000 lag.

Die Statistik „Bestandene Prüfungen an Hochschulen“ verzerrt das Bild, indem sie auch bestandene Bachelor-Prüfungen einbezieht, 2009 immerhin 72.000 (S. 61), zehn Jahre zuvor noch nicht vorhanden. B.A.-Prüfungen weisen ungefähr das Niveau der Zwischenprüfungen in den traditionellen Studiengängen auf. So wurden sie häufig auch gewertet, wenn es etwa um die Aufnahme in einen Master-Studiengang nach einem halb absolvierten Magisterstudium ging. Der größte Teil des Zuwachses an Bildung („Bestandene Prüfungen“) ist also bloßer Zuwachs an Prüfungen, die statistisch berücksichtigt wurden.

Hochschulpersonal: Wachstum des Wissenschaftsprekariats

Dass die scheinbar erfreuliche Zunahme der bestandenen Prüfungen ein bloßes Strohfeuer ist und für die Bildungspolitik eine negative Bewertung angemessener ist, zeigt die Entwicklung des Hochschulpersonals. Insgesamt steht dort ein Zuwachs um 17 Prozent von 489.000 auf 573.000 zu Buche (S. 61). Jede weitere Kennzahl zeigt jedoch, dass dieses Plus von 17 Prozent keinen entsprechenden Zuwachs der Ausbildungsqualitäten im Jahrzehnt bis 2009 bedeutet. Die Zahl des höchstqualifizierten Personals, der Professoren, wuchs nur von 38.000 auf 40.000 um 5 Prozent (der Datenreport schreibt „fast 6 %“, die gerundeten Zahlen ergeben aber nur 5,26 Prozent Zuwachs; bis 2007 war sie sogar stets bei 38.000 geblieben (S. 61). Diese 5 Prozent Professorenzuwachs könnte man als beste Kennzahl für einen Qualitätszuwachs in der Hochschulbildung annehmen, für zehn Jahre ist das jedoch erschreckend wenig.

Zu beachten ist auch, dass inzwischen mehr als ein Drittel des hauptberuflichen wissenschaftlichen Personals (also Professoren, wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeitern, Dozenten und Assistenten) nur noch eine Teilzeitstelle hat. 1999 betraf das noch weniger als ein Viertel (S. 62). Hinzu kommt, dass ein Großteil des oben genannten Wachstums, nämlich 39.500 zusätzlich an Hochschulen Beschäftigte, nur nebenberuflich wissenschaftlich tätig ist, das heißt vor allem als Lehrbeauftragte (plus 77 Prozent!) auf weitere Einkommensquellen angewiesen und nur in Teilzeit an Hochschulen tätig ist (S. 62). Es handelt sich beim 17-Prozent-Zuwachs des Personals also um viel mehr Menschen, die durchschnittlich weniger Wochenstunden unter schlechten Arbeitsbedingungen und mit befristeten Verträgen an den Hochschulen arbeiten. Das erlaubt keine Aussage darüber, ob es um den „Bildungsstandort Deutschland“ heute besser bestellt ist als vor zehn Jahren, oder schlechter. Die Lage der meisten für die Bildungsarbeit Zuständigen ist jedenfalls schlechter geworden, sie sind die Bildungselite des Prekariats.

Hochschulfinanzierung: Wenn sich eine Gesellschaft ihre wichtigste Ressource nicht mehr leisten kann

Rund ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entfällt in Deutschland auf Hochschulbildung. Unter den G8 liegt nur Italien mit 0,9 Prozent darunter, alle anderen G8-Staaten deutlich darüber, angeführt von den USA mit 3,1 Prozent.[1]

„Die Hochschulen in öffentlicher und privater Trägerschaft in Deutschland gaben im Jahr 2008 für Lehre, Forschung und Krankenbehandlung insgesamt 36 Mrd. Euro aus.“ (S. 62)

Hierzu gibt der Datenreport 2011 leider keine Entwicklungen an, ebensowenig für das Verhältnis von Grundmitteln (die der Träger den Hochschulen gibt), Verwaltungseinnahmen (die wohl zu einem großen Teil aus Studiengebühren und ähnlichem bestehen) und Drittmitteln (die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, direkt von staatlichen Stellen, aus der Wirtschaft oder von Stiftungen kommen). Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat dazu aber Zahlen veröffentlicht.[1] Hieran zeigt sich, dass fast die Hälfte der Ausgaben (17 Mrd.) auf die Hochschulkliniken entfällt, deren Einnahmen (wohl v.a. von Krankenkassen) jedoch nur bei 11 Mrd. liegen. Wegen dieser Diskrepanz können die Quellen der Hochschulfinanzierung nur einschließlich der Kliniken betrachtet werden, denn Teile der Grundmittel und der Drittmittel fließen ebenfalls an die Kliniken:

      Grundmittel: 18 Mrd. (≈ 50 %)
      Verwaltungseinnahmen: 2 Mrd. (≈ 6 %)
      Verwaltungseinnahmen Kliniken: 11 Mrd. (≈ 30 %)
      Drittmittel: 5 Mrd. (≈ 14 %)

Studienkosten und Studiengebühren

Der Datenreport 2011 rechnet diese Grundmittel auf die Studierenden um: 7.300 Euro kostet ein Studierender die Hochschulträger im Jahr durchschnittlich. Trotz der Medizin-Einnahmen aus anderen Quellen zeigt die Differenzierung nach Fächergruppen, dass im Medizin- und Gesundheitsbereich jedes Studienjahr fast 30.000 Euro pro Kopf an Grundmitteln kostet. In den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sind es lediglich 4.200 Euro. Dort machen die nicht auf Fachbereiche verteilte Kosten für zentrale Hochschuleinrichtungen den größeren Teil aus, so dass man sagen kann, dass die fachspezifischen Studienkosten eines Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlers um 2.000 Euro jährlich liegen (S. 62).

Die dazu gehörenden Fächer nennt man auch Pen-&-Paper-Fächer, da die dort benötigten Sachmittel (die weder der Datenreport noch die HRK ausweisen) sich traditionell auf Bücher und Bürobedarf beschränken. Es ist leicht zu sehen, dass Studierende solcher Pen-&-Paper-Fächer bei Studiengebühren in Höhe von 500 Euro die fachspezifischen Grundmittel um etwa die Hälfte reduzieren. Bei Medizinstudenten tropfen 500 Euro Studiengebühren hingegen auf einen heißen Stein und verdampfen zischend. In den naturwissenschaftlichen, ingenieurwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Fächern könnten Studiengebühren von 500 Euro die nötigen Grundmittel um ein Fünftel bis ein Drittel reduzieren.

Die Pro-Studiengebühren-Argumentation, dass Studierende für die Inanspruchnahme der Leistung „Bildungsangebot“ auch zahlen sollen, da eben auch Bildung eine Ware sei, die im Kapitalismus marktförmig distribuiert werden müsse, führt sich selbst ad absurdum, wenn man diese Unterschiede bei den für das „Bildungsangebot“ anfallenden Kosten berücksichtigt. Die „Studienkonten“ von Medizinern müsste man mit je fast 140.000 Euro befüllen, wenn jeder zukünftige Arzt die Grundmittel seiner Ausbildung davon tragen sollte. Wer der Ansicht ist, dass das nicht geht, weil wir ja auch in Zukunft Ärzte brauchen und niemand mehr zu einem Risiko von 140.000 Euro (plus Lebenshaltungskosten!) Medizin studieren würde, der kann sich die Markt-Argumentation sparen.

Denn dass wir auch in Zukunft Naturwissenschaftler, Ingenieure, Lehrer, Juristen und viele mehr brauchen werden, dürfte ebenso klar sein wie der Abschreckungseffekt der dort anfallenden 10-40.000 Euro Studienkosten pro Kopf. Das auch aus solchen Überlegungen im vergangenen Jahrzehnt von vielen Politikern favorisierte Studiengebühren-Modell, das auf 500 Euro pro Student und Semester abzielte, ist nur eine Krücke, die keinem Hochschulfinanzierungsprinzip gerecht wird. Letztlich orientiert sich seine Höhe an der Summe, die über 95 Prozent der Studenten (oder deren Eltern) pro Semester zahlen würden, um nicht von Hochschulbildung ausgeschlossen zu werden. Weder die Kosten der Ausbildung sind dabei berücksichtigt, noch die zukünftigen Verdienstmöglichkeiten.

Das führt dazu, dass (noch erhobene) Studiengebühren in einigen Fächern einen wichtigen Teil des Lehrangebots finanzieren und so die Überfüllung der Universitäten zu Anlässen wie dem Ende der Wehrpflicht und dem Hochschulzugang doppelter Abiturjahrgänge wenigstens teilweise abmildern. An vielen Hochschulen kann man sogar genau feststellen, welche Mitarbeiter aus Studiengebühren finanziert werden und wieviele Veranstaltungen demnach entfallen müssten, wenn der Träger bei einer Abschaffung der Gebühren nicht die Finanzierungslücke schließen will.

Gesamtgesellschaftliche Perspektive

Die staatliche Finanzierung des Hochschulsystems ist durch den Vormarsch des Neoliberalismus (symbolischer Startpunkt: Regierungszeit Reagan/Thatcher) in Bedrängnis geraten. Wo Staaten durch Entlastung der Reichen den Wegfall von Steuermilliarden erlebten, sparten sie – nicht nur – an den Universitäten. In Deutschland kam es durch den Reformstau der Kohl-Ära zu der politischen Ironie, dass diese Ausrichtung unter den Bedingungen der rot-grünen Regierung Schröder erst richtig wirksam wurde, zumal in Verbindung mit dem Bologna-Prozess Raum für politische Neuregelungen entstand. Studierende, die im Jahrzehnt seit der Jahrtausendwende diese Veränderungen am eigenen Leib erfuhren, konnten protestieren, so viel sie wollten. Ein Wandel setzte erst ein, als am Ende des Jahrzehnts die Parteien wieder das Wählerpotential der enttäuschten Akademiker entdeckten.

Studiengebühren scheinen sich langsam aus der deutschen Hochschullandschaft zurückzuziehen.[2] Dies reißt jedoch, wie angedeutet, eine Finanzierungslücke auf, zumal der Ansturm der Studierenden so groß ist wie nie (S. 59). Die Lösung, auf Teilzeitkräfte und schlecht bezahlte Nebenberufler zurückzugreifen, hat den „Bildungsstandort Deutschland“ nicht gestärkt. Der Trend zu immer schlechteren Betreuungsverhältnissen (2.121.000 Studierende auf 40.000 Professoren 2009 ergibt 53 Studierende pro Professor; 1999 waren es noch 46; S. 59-61) vergrößert weiter die Lücke zu Elitenbildungssystemen wie in Frankreich und den USA. Die Erfindung deutscher „Elite-Unis“ soll dieses Problem bekämpfen, widerspricht aber sowohl dem Berufsfreiheits-Grundrecht (Art. 12, 1 GG) als auch der Zielsetzung von Bildung als gesellschaftlicher Schlüsselressource. Dabei kommt es weniger auf einzelne Höchstgebildete an, als auf eine breite Schicht mit hohem Bildungsstand.

Lösungen – und woran man sie erkennt

Im nächsten Jahrzehnt müsste eine gelungene Bildungspolitik sich an folgenden Zielsetzungen messen lassen. Jede Partei darf das gern in ihr Programm aufnehmen, die nächsten fünf Stichpunkte sind CC-BY-ND 3.0 von Erbloggtes:

  • mindestens 450.000 erfolgreiche Master- oder Diplom-Abschlüsse pro Jahr
  • tatsächliche Studienzeiten bis zu diesem Abschluss 5-6 Jahre
  • Betreuungsquote auf unter 40 Studierende pro Professor
  • mindestens 70.000 Professoren, d. h. hauptamtliche, hochqualifizierte Vollzeit-Wissenschaftler
  • mindestens 30.000 Promotionen pro Jahr

Dazu notwendig wäre eine Erhöhung der Hochschulbudgets (Grundmittel!) um mindestens fünf Prozent pro Jahr, und zwar inflationsbereinigt. Der Anteil der Tertiärbildung am BIP müsste sich 1,5 Prozent annähern, dem Median der G8-Werte. Voraussetzung für eine solche Politik wäre die konsequente Besteuerung derjenigen, die am meisten von der Steigerung des Bildungsstandes profitieren: Konzerne und Großverdiener. Natürlich werden auch die jährlich 450.000 gut ausgebildeten Wissenschaftler von ihren hohen Einkommen viele Steuern zahlen können; das ist eine deutlich bessere Lösung als Studiengebühren von Studenten ohne nennenswerte Einkünfte zu verlangen.

Es ist ein Irrtum, dass  Technologieunternehmen in einem Land ansässig bleiben, das ihnen Steuerersparnisse verschafft. Vielmehr muss es ihnen hochqualifizierte Mitarbeiter bieten. Darüber hinaus ist eine solche Perspektive der nationalen Konkurrenz um Wirtschaft und Steuerzahler heute völlig anachronistisch. Der „Bildungsstandort Deutschland“ ist ein ebensolches Scheinargument wie der „Standort Deutschland“, der angeblich „Steuererleichterungen“ erfordere. Eine solche nationalökonomische Sicht entspringt dem Zeitalter des Merkantilismus – nur ist sie in der Öffentlichkeit auch heute noch wirksam. Es ist Zeit für eine bessere Bildungspolitik, um die Verbreitung solcher Irrtümer einzudämmen.

Weitere Erkenntnisse aus dem Datenreport 2011 zieht:

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