Versuche, den Fall Guttenberg zu verstehen

Erklärte sich Guttenbergs Unterstützung trotz offenbarer universitärer Täuschung besser aus der Parteilichkeit seiner Unterstützer, aus seinem Verhältnis zu den Medien oder aus seinem Antipolitiker-Habitus?

Parteilichkeit und motivierte Kognition

  • Tobias Schröder, Paul Thagard: Motivierte Kognition und emotionaler Bias in der Politik: Warum Guttenberg so beliebt geblieben ist. In: Report Psychologie 36, 2011, Heft 9, S. 358-368.

Schröder und Thagard analysierten die Guttenberg-Affäre aus der Perspektive der Theorie der motivierten Kognition. Deren Prämisse lautet:

„[I]n der Politik gibt es häufig eine große Auswahl aus einer Fülle oft widersprüchlicher Fakten. In solchen hinreichend mehrdeutigen Situationen bevorzugen Menschen jene Wahrheiten, die mit ihren Werten kompatibel sind. Fakten und Emotionen wirken als gleichzeitige Randbedingungen für politische Urteile.“ (S. 360)

Durch kognitiv-affektive Kartierung versuchen sie, die verschiedenen Einstellungen zu Guttenberg zu erklären. Dabei gehen sie davon aus, dass Unterstützung für Guttenberg, etwa von Seiten seines Parteifreundes Hans-Peter Friedrich, nicht taktisch-vorgetäuscht war, sondern wahrhaftigen Einstellungen entsprach: Friedrich beispielsweise habe wirklich geglaubt, dass Andreas Fischer-Lescano für einen „linksorientierten Think-Tank“ eine Kampagne gegen Guttenberg konstruiert habe (S. 360f.).

Auch Guttenbergs Verteidigungsrhetorik in der Bundestagsdebatte am 23. Februar sei tatsächlich von seinen Parteifreunden geglaubt und nicht bloß vorgeschützt worden: Da er „damit überfordert gewesen sei, die zahlreichen Anforderungen erfolgreich zu bewältigen, die sich aus seiner parallelen Tätigkeit als Bundestagsabgeordneter, junger Familienvater und Doktorand speisten, habe er leider die vielen komplizierten Details der wissenschaftlichen Arbeitsweise nicht vollständig durchdrungen“, keinesfalls aber eine absichtliche Täuschung zur Erlangung des Doktortitels begangen (S. 362).

Wer zuvor „pro Guttenberg“ empfunden habe, der sei auch geneigt gewesen, seine Arbeit als Verteidigungsminister positiv zu bewerten, seinen Verbleib in diesem Amt zu unterstützen, in ihm weiter ein moralisches Vorbild zu sehen und (zu diesem Zweck?) anzunehmen, dass es sich bei ihm um einen hart arbeitenden Familienvater gehandelt habe, dem die Anforderungen ein wenig über den Kopf gewachsen seien. Dass er selbst absichtliche Täuschung bestreite und „vorläufig“ auf das Führen des Doktortitels verzichte, darin sahen sie weitere Gründe für ihren Glauben, das Problem bei Guttenbergs Dissertation sei lediglich die etwas schlampige Arbeit.

Dieser kognitiv-affektive Komplex habe für Guttenbergs Anhänger die Einwände „contra Guttenberg“ aufwiegen können, die Guttenberg als eingebildeten Adligen mit Titelsucht charakterisierten und mit Hilfe des Guttenplag-Wiki und akademischer Expertenaussagen die These vertraten, Guttenberg habe absichtlich getäuscht. Andererseits sei, wer Guttenberg von Anfang an für eine fragwürdige Figur gehalten habe, von Guttenplag und akademischen Experten leicht von der absichtlichen Fälschung seiner Dissertation zu überzeugen gewesen (S. 363f.).

Aus dieser Interpretation ergibt sich, dass wer vorher für Guttenberg war, ihn auch nach Bekanntwerden der Plagiatsvorwürfe unterstützte, und umgekehrt. Beide Einstellungen beruhen demnach auf dem festen Glauben an die eigenen Wertpräferenzen (hier: Guttenberg gut/Guttenberg schlecht). Die Stimmung im Bundestag am 23. Februar gibt diese Skizze recht gut wieder. Zur Erklärung, warum Guttenberg schließlich doch stürzte, konstruieren Schröder und Thagard die „Perspektive konservativer Akademiker“: Diese, repräsentiert durch die FAZ, seien zwar ursprünglich pro Guttenberg eingestellt gewesen, hätten aber zugleich eine hohe Wertschätzung für die Wissenschaft mitgebracht (S. 364).

Probleme der Parteilichkeits-Theorie

Daraus – und das ist der deus ex machina in dieser Darstellung – habe sich die Abwendung von Guttenberg ergeben:

„Das Modell sagt nicht nur vorher, dass konservative Akademiker die Hypothese bewusster Täuschung annehmen und die Selbstverteidigung des Ministers zurückweisen, sondern auch, dass sie ihre ursprünglich positive emotionale Einstellung verändern und seine politische Arbeit von nun an negativ bewerten.“ (S. 364)

Die Wertschätzung für die Wissenschaft erhält dabei eine doppelte Gewichtung. Inwiefern diese Wertschätzung eine direkte, bejahende Verbindung zu der These konstituiert, es habe eine Täuschungsabsicht bestanden, erklärt die Theorie jedoch nicht. Aus einem positiven Verhältnis zu wissenschaftlichen Werten folgt nämlich nicht unmittelbar, dass Guttenberg eine Täuschungsabsicht hatte. Wenn man diese Verbindung jedoch weglässt, funktioniert das Modell nicht mehr. Es fehlen dann Aspekte, die erklären können, warum sowohl konservative Akademiker als auch intensiv im Internet Recherchierende so klar von einer Täuschungsabsicht Guttenbergs überzeugt waren – selbst wenn sie, wie vielfach betont wurde – ihn zuvor sympathisch fanden.

Diese Psychologisierung durch kognitiv-affektive Kartierung ignoriert die Rolle der Massenmedien und der von diesen präsentierten Deutungsmustern. Und sie ignoriert die Rolle der für Wissenschaftler und Interessierte offen dokumentierten Analyse von Guttenplag: Jeder, der sich genug Zeit dafür nahm, konnte am Morgen des 23. Februar überprüfen, dass bereits auf 78,12 Prozent der Seiten von Guttenbergs Dissertation Plagiate gefunden worden waren, und in welchem Ausmaß Guttenberg seine Dissertation zusammengeklaut und als eigene Schöpfung ausgegeben hatte. Wer das ernsthaft überprüft hat, konnte nicht mehr wahrhaftig die absichtliche Täuschung leugnen.

Die Menschen, die zu diesem Zeitpunkt dennoch bekundeten, Guttenberg sage bestimmt die Wahrheit und habe lediglich etwas schlampig promoviert, müssen also entweder gelogen haben, oder sie hatten das auf Guttenplag präsentierte Material nicht ernsthaft überprüft. Der letztere Fall ist für die Rolle der Massenmedien besonders wichtig: Der normale Zeitungsleser überprüft ja meist nicht selbst, was die Zeitung ihm berichtet. Dass es bei Meinungsumfragen offenbar auch nach dem 23. Februar noch so breite Zustimmung zu Guttenberg gab, muss daher so erklärt werden, dass die Massenmedien die Bedeutung und Beweiskraft der Guttenplag-Dokumentation nicht an den Teil ihres Publikums vermittelt haben, der nicht selbst ins Internet gegangen ist und Guttenbergs Text mit den Fragmenten seiner Opfer verglichen hat.

Auch hier gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, die Massenmedien konnten dies nicht vermitteln. Oder sie wollten es nicht vermitteln. Das mag auch von Medium zu Medium unterschiedlich gewesen sein.

Mediendarstellung und Mediennutzung

  • Christa Schaffmann: Titel, Titel über alles (Interview mit Prof. Fritz Strack). In: Report Psychologie 36, 2011, Heft 9.

Selbst innerhalb „eines“ Mediums war die Wirkung der Guttenberg-Berichterstattung verschieden. Der Sozialpsychologe Fritz Strack verwies auf die sich zurücklehnenden Zeitungsleser, die der Darstellung „ihres“ Mediums ausgeliefert waren:

„»Bild« hat mehrere Umfragen gemacht – eine auf »bild.de«, eine unter den Lesern der Printausgabe. Internetnutzer, die neben »Bild« noch mehrere andere Informationsquellen nutzen, waren viel kritischer ihm gegenüber als die reine Leserschaft der Zeitung.“

Insgesamt ist die Medienlandschaft für Strack der Ursprung von Guttenbergs Erfolg:

„Mit Guttenberg konnten sich Leute identifizieren, die sich sonst wenig mit Politik beschäftigen. […] Illustrierte und Fernsehen haben viel dazu beigetragen, dass die Bilder in seinem Fall so eine entscheidende Wirkung bekamen.“

Solche politikfernen Mediennutzer hat Guttenberg dann auch in der Plagiatsaffäre durch seine visuell-szenische Strategie als Unterstützer hinter sich versammeln können:

„Für die Mehrheit waren die Fakten nur schwer einschätzbar. Mit solchen Bemerkungen zu Guttenberg, wie der, dass er bei einer Neuauflage seiner Doktorarbeit (man stelle sich das vor!) ein paar Fußnoten werde anders setzen müssen, hat er Leute verwirrt, die wenig darüber wissen, wie eine Doktorarbeit entsteht, wie sie aussieht, welche Maßstäbe angelegt werden etc. Sie glaubten ihm offenbar, als er da stand und »in aller Demut« seine Sicht der Dinge beschrieb. […] Insbesondere dann, wenn man den Sachverhalt nicht nachvollziehen kann, neigen Menschen dazu, dem persönlichen Eindruck zu trauen.“

Antipolitiker: Massen-„Wir“ und Establishment-„Die“

  • Christa Schaffmann: 5 Fragen an… Prof. Dr. Michael Hartmann. In: Report Psychologie 36, 2011, Heft 9.

Der Elitenforscher Michael Hartmann ergänzt diese Perspektive durch Verweis auf Guttenbergs Selbstinszenierung als Antipolitiker: Guttenberg sei es gelungen, sich als „einer von uns“ darzustellen, einer der nicht zum Establishment gehöre, ein Macher, der nicht redet, sondern handelt:

„Das erstaunliche ist, das einige von ihnen [den Antipolitikern] – bei zu Guttenberg war das besonders krass – eigentlich viel stärker zur Elite der Gesellschaft gehören als die etablierten Politiker. Zu Guttenberg war der mit Abstand der reichste Minister, den wir jemals hatten; Berlusconi ist der reichste Mann Italiens; die Tea-Party-Bewegung wird durch zwei der reichsten Männer der USA finanziert und auch Haider war reicher Großgrundbesitzer. Die Bevölkerung nimmt die Differenz zwischen der Person und dem öffentlichen Bild nicht wahr und hofft, da sei endlich einer, der die Probleme anders anpackt. […] Die Leute sind die traditionellen Politiker so leid wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik.“

Seine Ikonisierung als „einer von uns“ Nicht-Etablierten nutzte Guttenberg auch in der Plagiatsaffäre:

„Er war nicht wie die anderen und wurde nun von den ‚Großkopferten‘, wie man in Bayern sagt, von denen mit Doktortitel angegriffen. Damit war er der Mann des Volkes, dem die da oben den Doktor nicht gönnten. […] [S]o bestätigte sich für die Masse der Bevölkerung im Grunde ihre vorherige Einschätzung: Er kommt bei den Etablierten in die Kritik.“

Tatsächlich waren es aber nicht „die da oben“, die Guttenberg den Doktor nicht gönnten. Das zeigt nicht zuletzt das, was man über die Mitarbeiter von Guttenplag weiß.

„In der Wissenschaft selbst haben am schnellsten und heftigsten nicht die etablierten Wissenschaftler reagiert, sondern die, die selbst noch in der Promotionsphase sind. Für sie kommt ein solcher Vorfall einer Abwertung ihres angestrebten Titels gleich und bedeutet eine Reduzierung ihrer Berufschancen. Wenn er im Kabinett geblieben wäre, dann hätte das bedeutet, dass sich der enorme Aufwand für eine ordentliche Doktorarbeit offenbar überhaupt nicht lohnt; der Doktortitel wäre desavouiert. […] Als die jungen Wissenschaftler so massiv in die Öffentlichkeit gegangen sind, mussten andere wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft nachziehen und reagieren. Aber einschließlich der Uni Bayreuth und Guttenbergs Doktorvater geschah das mit großer Verzögerung.“

Postdemokratische Politik

Alle drei präsentierten Theorien haben gemeinsam, dass sie voraussetzen, dass demokratische Politik nicht (oder nicht mehr) funktioniert. Die Theorie der motivierten Kognition geht davon aus, dass man dem Publikum nur emotional geeignet besetzte Aspekte in Zusammenhang mit einer komplexen Sachfrage präsentieren muss, und schon ignorieren die Menschen die Sachaspekte und beschränken sich auf ihre emotionale Motivation: Wenn die Finanzkrise eine Rettung Italiens erfordern sollte, wäre die öffentliche Meinung durch eine besondere Betonung von Speiseeis demnach leicht im Sinne Italiens zu beeinflussen.

Die Rolle der Medien zeigte, dass komplexe Beurteilungen von Sachlagen nicht (mehr) angemessen an ein breites Publikum vermittelt werden. In den Vordergrund rückt daher die Inszenierung politischer Figuren und Inhalte für ein Publikum, das nicht als fähig oder willig angesehen wird, inhaltliche Fragen ernsthaft zu diskutieren und in seinem Sinne zu entscheiden. Sachfragen gehen das Publikum nichts mehr an. Die Herrschenden repräsentieren ihre eigene Großartigkeit vor dem Volk, statt das Volk zu repräsentieren. Das kennzeichnet eine refeudalisierte Öffentlichkeit. Passend dazu interpretiert der Kunsthistoriker Johannes von Müller ein Foto von Guttenberg in Kampfmontur vor einem Eurofighter als Plagiat der „geharnischten Feldherren-Porträts des 16. und 17. Jahrhunderts“.[1]

Die Selbstdarstellung als Antipolitiker schließlich, als „Mann des Volkes“, ohne Mann des Volkes zu sein, deutet auf einen klassischen Politikstil hin: Die Popularen waren eine „Partei“ in der Krise der Römischen Republik; Caesar war ihr klassischer Vertreter. Sie zeichnete sich jedoch nicht durch ein Programm aus, sondern durch einen Politikstil, der sich auf den Willen des Volkes berief. Insbesondere das Amt des Volkstribunen und die Institution der Volksversammlung waren Säulen der Popularen-Politik. Bei inhaltlicher Beliebigkeit in den rund 100 Jahren bis zum Prinzipat des Augustus war die formale Konstante in der popularen Politik der Wille, dem Volk seinen Führer zu geben, dem es zujubeln konnte, und der schon wisse, was das Beste für das Volk sei.

Wie man Guttenberg sonst noch verstehen kann

Ach ja, Caesar musste, um eine nachträgliche Bestrafung der illegalen Taten zu verhindern, die er auf dem Weg zur Macht begangen hatte, den Rubikon überschreiten und mit seiner Armee nach Rom marschieren. Er jagte das politische Establishment fort und ließ sich als neuer Herrscher bejubeln. Guttenberg hat das zum Glück nicht nötig, er lässt sich vielleicht einfach von der heimischen Staatsanwaltschaft begnadigen, das ist ja ein Klacks bei nur wenig mehr als 100 Anzeigen gegen ihn. Wer denkt, dass seine Freunde vom Boulevard ihn so oder so ähnlich dafür bejubeln, dass man die Kleinen hängt, die Großen laufen lässt, der irrt:

Die herrschaftliche Hauspostille erwähnt gar nicht erst, dass es ein Ermittlungsverfahren gibt. Stattdessen berichten sie, wie ihr Held die Redaktion in New York besucht, wie ihr Held Ground Zero besucht, wie Jan Josef Liefers ihren Helden in einem TV-Film darstellen soll. In einem TV-Film? Ja. Die Guttenberg-Satire soll auf Sat.1 laufen. Dass die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Gutt „ein großartiger Filmstoff“ wären, wussten einige schon wenige Stunden nach seinem Rücktritt.[2] Und dass man sich gar nicht genug über den Plagiator lustig machen kann, da ist auch etwas dran.[3]

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2 Antworten zu “Versuche, den Fall Guttenberg zu verstehen

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