Verlagswesen in der Krise

Erledigte sich das Verlagswesen selbst, indem es an profitträchtigen Praktiken festhielt, die innere Widersprüchlichkeiten am laufenden Band produzierten? Für Wissenschaftsverlage hat Erbloggtes vor zwei Wochen einige Problemlagen vorgestellt (Wissenschaftliches Verlagswesen. Zwei Geschäftsmodelle im Vergleich). Wissenschaftler reagieren darauf mit Versuchen, neue Vertriebswege für ihre Publikationen zu erschließen. Auch die Belletristik nimmt an diesem Wandel teil.

Wissenschaft und Belletristik: Verlag oder Pseudoverlag?

Wer auf den „guten Namen“ verzichtet, den ein renommierter Wissenschaftsverlag den Autoren teuer verkaufen will, kann auch heute schon bei modernen Verlagen publizieren, für die das Gebaren der etablierten Verlage Marktlücken geöffnet hat: Für wissenschaftliche Autoren ist es bei solchen kleinen Verlagen meist möglich, ein Buch zu veröffentlichen, ohne dabei arm zu werden. Der Wissenschaftliche Verlag Berlin (wvb) etwa grenzt sich von der renommierten Konkurrenz mit den Worten ab:

„Vielleicht haben Sie schon schlechte Erfahrungen mit Verlagen gemacht, die intransparente und überzogene Druckkostenzuschüsse fordern, schlampig produzierte Ergebnisse liefern und Ihre Publikation nach Fertigstellung im Regal verstauben lassen?“[1] (Anm.: Erbloggtes zieht keine Vorteile aus der Erwähnung dieses speziellen Verlags.)

Der wvb verspricht, dass bei wissenschaftlichen Büchern „in den meisten Fällen eine kostenneutrale Veröffentlichung möglich“[2] sei. Das ist mehr, als Wissenschaftler sonst gewohnt sind.

Auch im Belletristik-Bereich scheinen die klassischen, großen Verlagshäuser aber eine gewisse Dysfunktionalität entwickelt zu haben. Großverlage können nur große Auflagen rentabel produzieren, wenn jedes Werk einen Anteil an den horrenden Renommee-Kosten (einschließlich vergoldener Wasserhähne in der Vorstandsetage) einspielen muss. Für kleinere Auflagen haben auch hier Unternehmen den Markt erobert, die an das Prinzip des Selbstverlags anknüpfen und von den Autoren einen Teil der Produktionskosten der Bücher verlangen. Ob man dies noch als Verlag bezeichnen sollte, ist umstritten, da manche Charakteristika des klassischen Verlagswesens dabei nicht mehr gegeben seien. „Verlage“ versuchen daher, diese Art der Konkurrenz als „Pseudoverlage“[3] zu desavouieren.

Das eigentliche Verlagssystem – ein Anachronismus

Dabei muss klar sein, dass jeder Autor, der seinem Verlag auch nur einen Euro überweist, nicht in einem Verlag veröffentlicht, der seinen Namen vom Verlagssystem, einer vormodernen Produktionsweise, ableiten kann. Im Verlagssystem trägt der Verleger das unternehmerische Risiko, indem er die Produktionsmittel vorfinanziert. Der Verlegte erhält für seine Arbeitskraft ein Honorar. Häufig wurde die Arbeitskraft der abhängigen Verlegten (und ihrer ganzen Familie) durch Textilproduktion mit niedrigsten Stück-Honoraren ausgebeutet. Im 18. und 19. Jahrhundert blühte das Verlagssystem in Deutschland: Heine hat „Die schlesischen Weber“ als Opfer des Verlagssystems berühmt gemacht.

Andererseits: Wie erstrebenswert ist es, Bücher weiterhin in vormoderner Produktionsweise zu vermarkten? Das Verlagssystem war vielleicht eine sinnvolle Möglichkeit zur wirtschaftlichen Tätigkeit bei spezifischen historischen Besitzverhältnissen. In Entwicklungsländern existiert es es heute noch; das Ausbeutungspotential ist enorm. In Industrieländern blieb dem Verlagssystem quasi nur der Buchmarkt: Autoren lassen sich noch auf diese Weise ausbeuten. Doch auch einige andere Produktionsbedingungen für Bücher sind, wie gesehen, nicht mehr zeitgemäß. In der Wissenschaft ist das traditionelle Verlagssystem gar völlig pervertiert: Der Autor ist nicht nur lohnloser Heimarbeiter (jedenfalls nicht vom Verleger angestellt), sondern streckt dem Verleger auch noch die Rohstoffkosten vor und erhält nicht mehr als einen symbolischen Anteil am Erlös.

In dieser Situation muss man darüber nachdenken, „wie überflüssig und behindernd die Verlage tatsächlich sind“,[4] ob sie noch eine gesellschaftliche Funktion in der Produktion von Literatur erfüllen, oder ob sie durch Methoden des Direktvertriebs vollständig ersetzbar sind. Große Verlage denken seit Jahren über „neue Wege“ nach – aber auch dort geht der Trend zum Selbstverlag.[5]

Amazon: Revolution von oben?

Der Online-Handelskonzern Amazon hat nun – im Kontext der technischen Veränderungen von Jahrzehnten – die ersten Schritte unternommen, die man als „Anfang vom Ende der Verlage“ ansehen kann.[4] Amazon verkauft Bücher nicht mehr nur, es produziert sie auch:

Unter fünf Markennamen will Amazon in diesem Herbst 122 Werke verlegen – und verkaufen. „AmazonEncore (Bestseller, neue Autoren), AmazonCrossing (internationale Bücher), Montlake Romance (Liebesromane), Thomas & Mercer (Thriller) – sowie das erst vergangene Woche gelaunchte 47North (Science-Fiction, Horror, Kultromane).“[6] Profitabel dürfte dabei auch sein, dass der Internetriese E-Book, Buch und Hörbuch aus einer Hand anbietet. Amazons Motto: „Leser brauchen keine Läden – und Autoren keine Verlage.“[6]

Ökonomische Analysen des Unterschieds zwischen Amazon und anderen Großverlagen stehen noch aus. Ihren „Systemkonflikt“ tragen die Kontrahenten derweil vor allem mit ideologischen Sprüchen aus: „Die Einzigen, die im Verlagswesen noch nötig sind […] sind der Autor und der Leser“,[6] meint Amazon; „Amazon behandelt seine Autoren als Partner“, lässt es zufriedene Autoren verlauten, „nicht als notwendige Übel.“[6] Verlage fürchten angeblich die „gigantische Machtkonzentration“, die den „Systemkollaps“ heraufbeschwöre.[6] Wie Google für die Zeitungsverleger, ist Amazon für die Buchbranche der böse Dunkelmann: „Amazon hält die gesamte Buchindustrie als Geisel […] Erst funkten sie den Einzelhändlern dazwischen, und jetzt sind es die Verleger und Autoren.“[6] Sogar dass Amazon angeblich „Amerikas Buch-Kultur zerstört“,[6] werfen Verleger dem Konkurrenten vor.

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2 Antworten zu “Verlagswesen in der Krise

  1. „Partner“ statt „notwendiges Übel“. Da ist was dran. Wer je erlebt hat, wie ihm die doppelnamige drittklassige Sekretärin eines viertklassigen Verlages in jedem Telefonat subtil bedeutete, daß man nicht Günter Grass ist, wird da hellhörig.

    Das ist eigentlich das Unschönste an den klassischen Verlagen. Die unfaßbare Arroganz des Personals. Das läuft gern zwischen Tür und Angel. Man hat ja noch Frank Sch(w)ätzing in der Leitung, ist mit Reich-Ranicki („Reich“) zum Mittagessen verabredet und jettet morgen auf die gaaanz wichtige Buchmesse. Wenn’s eng wird, ist man immer „außer Haus“.

    Das beste daran: diese hochfliegende Bagage produziert selber rein gar nichts. Die lassen nur neu verpacken. (Selbst die „Waschzettel“ schreiben die Autoren selber) Und dafür lassen sich die Herrschaften feiern, wenn sie nicht gerade auf Lesungen bedeutungsvoll über die Lesebrille blinzeln, um später am Buffett die gewaltigsten Schlachten zu schlagen.

    Fazit: ich würde denen keine Träne nachweinen.

  2. Ergänzungen zur Amazon-Entwicklung und zur Haltung der Verlage: „Bei Amazon wird es knirschen.“

  3. Hey,

    die Sache mit den Verlagen interessieren mich auch. Ob sie den Sprung ins digitale schaffen, ob das überhaupt nötig ist (werden ebook wirklich auf lange Zeit das Buch ersetzen?) und ähnliches.

    Ich hol mir einige interessante Informationen auf folgendem blog, der auch für euch interessant sein könnte 🙂

    veroeffentlichen-heute.de

    Da ich auch selber publiziere finde ich das Blog ganz toll um grade aktuelles über das Verlagswesen zu erhalten

    Gruß
    Norbert

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