Als Guttenbergs Welt noch in Ordnung war

Erlöser oder Böser?

Erinnerte sich noch jemand an die Zeit, als der Name „Guttenberg“ noch nicht für Plagiate, Promotionsbetrug, Aufschneiderei und alle Missstände des politisch-wissenschaftlichen Komplexes stand? Gestern vor einem Jahr titelte das Medien-Portal Meedia:

„Der Hype um Karl Theodor zu Guttenberg und seine Frau. Der Reserve-Kanzler und das Medien-Biest“[1]

Stefan Winterbauer analysierte darin das Verhältnis der Medien zu Guttenberg:

„Seine Vorliebe für posenhafte Fotos, als Wirtschaftsminister auf dem Times Square oder als Verteidigungsminister im Truppen-Flieger, und das Drängen seiner Frau in den Trash-Kanal RTL II, liefern immer neues Bilder- und Geschichten-Futter für den notorisch unersättlichen Medien-Apparat.“[1]

Guttenberg wurde sogar als der bessere Kanzler dargestellt:

„Als tristes Gegenbild muss dabei stets die Immer-Noch-Kanzlerin Angela Merkel herhalten. Sie hält keine schönen Reden, hat meistens heruntergezogene Mundwinkel und ihr Ehemann hält sich vor den Medien versteckt (was sein gutes Recht und wahrscheinlich keine so dumme Idee ist).“[1]

Der Hype machte womöglich sogar Karl-Theodor selbst etwas Angst:

„Nun bemüht sich ‚KT‘ seit diesem Wochenende mit abwertender Wortwahl (‚Mumpitz‘, ‚Bizarr‘) die wild ins Kraut schießenden Kanzler-in-Reserve-Berichte im Zaum zu halten, die er selbst und seine Frau mit angefeuert haben.“[1]

Man beachte, dass seine Wortwahl in einer solchen beängstigenden Lage ganz ähnlich der nach der ersten Aufdeckung seiner Plagiate ist: „abstrus“.[2] Zwei mögliche Schlussfolgerungen: Entweder, Guttenberg beherrscht nur das pejorative Dementi, weil er sich so viel über allen anderen verortet – oder er hatte auch am 16. Februar bereits Angst um Doktor und Amt. In beiden Fällen war Guttenbergs Äußerung ein wichtiger Katalysator für die entschlossene Reaktion der Empörten, die sich zu Guttenplag zusammenschlossen und durch minutiöse Analyse für seinen Fall sorgten.

Doch zurück in den Oktober 2010: Auch Michael Spreng hatte bereits vor einem Jahr orakelt: „Wann kommt Ikarus Guttenberg der Sonne so nahe, dass er abstürzt?“[3] Guttenbergs Gegner und Fans eine der Gedanke: „Wann stürzt er ab? Das kann doch nicht mehr lange gutgehen.“[3] Die eigentliche Gefahr für Guttenberg gehe von seinen „Parteifreunden“ aus, denen er alle Medienaufmerksamkeit entzieht: „Schlagzeilen, die zu Guttenberg macht, fehlen den anderen Politikern, den Ministern, auch der Kanzlerin. […] Irgendwann aber wagen die gedemütigten Zwerge den Aufstand.“[3] Aber dann überwog bei Spreng doch die Kanzler-Hoffnung: Guttenberg habe gute Chancen, 2013 Kanzlerkandidat zu werden:

„Wenn sich Angela Merkel über die Landtagswahlen des Jahres 2011 endgültig als Garant für Mandatsverlust erwiesen haben sollte, wird derjenige – wenn auch zähneknirschend – Kanzlerkandidat, der den Mandatsträgern den Erhalt ihrer Wichtigkeit zu garantieren scheint.“[3]

Im Februar 2011 ist Merkel ihren bestaussehenden Konkurrenten gerade noch rechtzeitig losgeworden, bevor die Wahlniederlagen begannen. Alle ihre anderen Konkurrenten sitzen inzwischen in Vorständen, in Brüssel oder im Schloss Bellevue. Wie der Dicke zuvor, hat nun auch Merkel ihren Alleinvertretungsanspruch für die Union auf Jahre gesichert.

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