Universitäten und die neue Unmündigkeit zu denken

Erheitert es oder bestürzt es eher, wenn deutsche Unis nun von Minderjährigen überschwemmt werden? Frühe Einschulung, Klasse überspringen, Abitur nach zwölf Jahren, kein Wehr- oder Zivildienst: Fertig ist der nicht voll geschäftsfähige Erstsemester.[1][2] Nachdem das früher ein Einzelfallproblem war,[3][4] liegen inzwischen auch AStA-Empfehlungen zum Umgang mit minderjährigen Studienanfängern vor. Demnach werden Studenten unter 18 Jahren ebenso gegängelt wie alle Minderjährigen:

Entscheidungen, beispielsweise über die Teilnahme an Exkursionen, treffen nicht sie selbst, sondern die Erziehungsberechtigten. Das zuständige Ministerium hat abgesegnet, dass solche Junior-Studenten nur mit von den Eltern unterschriebener Einwilligungserklärung an universitären Reisen teilnehmen können.

Besonderen Nachdruck müssen die Veranstalter von Kursfahrten darauf legen, dass Minderjährigen der Konsum härterer Alkoholika nicht gestattet ist. Glücklicherweise sind die meisten Studienanfänger aber über 16, so dass Exkursionsleiter sich nicht in der Gefahr sehen müssen, „durch Gewähren oder Verschaffen von Gelegenheit“ wegen Kuppelei nach § 180 StGB zu bis zu drei Jahren Haft verurteilt zu werden.[5]

Unmündigkeit als Denkhindernis

Diese Entmündigung Studierender über den Umweg, ihren Studienbeginn früher zu terminieren, wirft ein bezeichnendes Licht auf jüngere Entwicklungen der Hochschullandschaft. Jemandem, der seinen Wohnsitz nicht selbst wählen darf, kann man auch nicht zumuten, Entscheidungen über Studienschwerpunkte oder Veranstaltungen selbst zu treffen, geschweige denn über das Studienfach. Der Erziehungsberechtigte hat den Daumen drauf, und die deutschen Universitäten bieten passenderweise auch für unmündige Menschen geeignete Studiengänge an.

Immanuel KantKann man von minderjährigen Studenten erwarten, dass sie versuchen, selbst zu denken? Schließlich gilt für sie der Wahlspruch der Aufklärung nicht, den Kant formulierte: „Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“[6] Denn „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“[6] kann ja aus rechtlichen Gründen erst nach Vollendung des 18. Lebensjahrs beginnen. Damit ist Kant völlig d’accord gegangen. Für ihn gab es außer der rechtlichen Unabhängigkeit von einem Vormund noch eine weitere Bedingung für das Selbstdenken: die wirtschaftliche Unabhängigkeit, sei es vom zahlenden Papa, sei es vom weisungsbefugten Dienstherren.

Studenten, die weder von einem Arbeitgeber noch von ihren Eltern finanziell abhängig sind, gibt es heute kaum noch, wahrscheinlich weniger als Studenten unter 18.

Der erste, der vor langer Zeit das Abituralter in Deutschland unter 18 drückte, wollte übrigens auch keine mündigen Bürger, sondern mehr Offiziersanwärter für die Wehrmacht.[7]

————————————————————

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s