Piraten der feministischen See

Erlesene sozialpsychologische Erläuterung und Apologie der Piratenpartei im Konflikt mit dem Feminismus bietet:

Der Text basiert auf dem Gedanken, dass die Piratenpartei eine Emanzipations- und Antidiskriminierungsbewegung für die im hegemonialen gesellschaftlichen Diskurs unterdrückten Nerds ist, wie der Feminismus für die ebenso unterdrückten Frauen.

Piraten als Abziehbildchen des popkulturellen Nerd-Typus?

Insgesamt sehr bedenkenswert, wird der Text unfreiwillig komisch, wenn er 90er-Jahre-TV-Stereotype für bare Münze nimmt und (noch dazu grammatisch stolpernd) zur gemeinsamen Erfahrung „der“ männlichen Piraten stilisiert:

„Das Martyrium – des Schulhofes, des Hausaufgaben für die Angebete machen, damit sie von den tollen Jungs verarscht werden kann, des fehlenden ersten Kusses – wird erneut durchlebt und die gefühlte Ungerechtigkeit reproduziert.“[1]

Die Autorin verweist auf unbewusste Verknüpfungen des gegenwärtigen Piraten-Feminismus-Problems mit den prä-adulten sozialen Prägungen von Piraten – bis hin zu ödipal unterlegten Andeutungen über Nerd-Muttersöhnchen. Gerade solche Anspielungen sind weithin verständlich: Auch viele Nicht-Nerds kennen Geschichten wie jene, auf die Julia Schramm mit ihren Schilderungen verweist. Deshalb zitieren auch verweisende Blogs besonders gern Passagen wie die obige,[2][3] und in den Kommentaren – uiuiui. Jeder kann sich etwas darunter vorstellen, auch wenn es mit der Realität ebensowenig zu tun hat wie andere Vorurteile über andere Subkulturen.

Besonders lustig wird es, wenn die Autorin sich dabei in einer Weise vertippt, die als Freud’scher Versprecher durchgehen kann: Als die „Analen der Ideengeschichte“[4] müssten Nerds sprichwörtlich am Arsch sein und zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr die Grundlegung von Sozialkompetenz und Konfliktfähigkeit versäumt haben.

Tagespolitische Psychoanalyse?

Wenn der „durchschnittliche, männliche Pirat“ aufgrund seiner Sozialisationserfahrungen ein Problem damit hat, feministischen Vorwürfen angemessen zu begegnen – welche Problemlagen mag man dann bei einer Untersuchung der Sozialisationserfahrungen des „durchschnittlichen“ Sozial- oder Christdemokraten feststellen? Ist es generell ein gangbarer Weg zum besseren Verständnis des politischen Zeitgeschehens, die vorpolitischen Prägungen von Parteimitgliedern und -funktionären zu analysieren?

Und was ist damit gewonnen, wenn man etwa die Kriegspolitik der rot-grünen Regierung Schröder-Fischer mit der Beziehung der Kriegs- und Nachkriegskinder zu ihren Nazi-Vätern erklären würde? In welcher Phase der psychosexuellen Entwicklung mag der durchschnittliche FDP-Politiker steckengeblieben sein? Ist Psychoanalyse zur alltäglichen Politik(er)klärung geeignet?

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Eine Antwort zu “Piraten der feministischen See

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