Ein Phantom kehrt zurück 3: Guttenberg und Hitlers Steigbügel

Er bloggte selbst mit unhinterfragter Metaphorik vom „standesgemäßen Steigbügelhalter“ Guttenbergs, Giovanni di Lorenzo. Die Steigbügelhalter-Metapher ist in diesem Zusammenhang weit verbreitet. Google schätzt 13.800 Treffer für die Suche nach der Wortkombination Steigbügelhalter Guttenberg Lorenzo. Besonders markant:

Interview der Wochenzeitung Die Zeit mit Guttenberg, Ausgabe 48, 2011

Beschriebenes Foto: unten rechts

Inhaltlich leistet der Beitrag neben Hinweis auf die Vermischung von PR-Interessen Guttenbergs und Auflageinteressen von Medien eine Bildanalyse aus Guttenbergs Zeit-Interview:

„Karl-Theodor beim Kaffee – oder vielleicht ist es auch Tee, schließlich spielt die Szene in einem Londoner Hotel – dunkelblauer Pullover, hellblaues Hemd, Hand selbstreflektierend an der Unterlippe platziert. An der Tasse gegenüber sitzt der Interviewer: dunkelblauer Pullover, hellblaues Hemd, die Hand – ein wohlwollender Betrachter würde sagen – investigativ an der Unterlippe platziert.“[1]

Sprachlich interessant ist aber die im Beitrag mehrfach verwendete Steigbügelhalter-Metapher. Die Autorin hat sich offenbar gegen die Verwendung von bedeutungsähnlichen Wörtern wie Speichellecker, Handlanger, Claqueur, Lakai oder Scherge entschieden. Sie alle bezeichnen eine Person als ausführendes Werkzeug einer übergeordneten Person, der sie dienstbar zu Willen ist und nach dem Mund redet.

Der Steigbügel im dezenten Hitler-Vergleich

Eine Suche in der Wikipedia enthüllt das assoziative Umfeld von „Steigbügelhalter“: Unter 24 Treffern kommt das Wort 14 Mal in Verbindung mit Nationalsozialismus, Nationalsozialisten, Nazis, NSDAP, Faschismus oder Hitler vor. Weitere Male tritt der Steigbügelhalter als Lakai eines anderen Mächtigen auf, dagegen nur ein Mal in wörtlicher Bedeutung – im Artikel Reitsattel. Besonders prägnant ist in diesem Zusammenhang, dass Medien besonders häufig als Steigbügelhalter der Nazis bezeichnet werden, nämlich der Hugenberg-Konzern, der in der Weimarer Republik mit Springer, Berlusconi oder Murdoch vergleichbare Ausmaße entwickelte – durchaus auch als Vorreiter von deren antidemokratisch-apolitischer Ausrichtung angesehen werden kann.

Wenn nun also Medien heute weithin als Steigbügelhalter Guttenbergs bezeichnet werden, allen voran gerade nicht etwa die stets kampagnenverdächtige Bildzeitung, sondern die vermeintlich unabhängige Zeit, dann sagt das einiges aus – über das tatsächliche Wirken der Medien, mehr noch über die Wahrnehmung dieser Medientätigkeit, und Guttenbergs. Hypothesen für eine detaillierte Analyse könnten lauten:

  • Guttenberg wird wahrgenommen als der Hitler, nach dem die bundesrepublikanischen Massenmedien sich sehnen, weil er ihnen Auflage verspräche.
  • Guttenberg wird wahrgenommen als der Hitler, nach dem die bundesrepublikanischen Bürger sich sehnen, weil er ihnen pathetisch-heroische Politik verspräche.

Dabei ist Hitler natürlich wiederum eine Metapher aus dem Umfeld der Steigbügelhalterschaft. Sie steht führ einen (An-)Führer, der über Politik hinaus geht, Volksgemeinschaft verspricht, alle Verantwortung (und alle Macht) auf sich lädt, alle Probleme anpackt und zu lösen vorgibt, gern auch mit einfachen, aber radikalen Mitteln.

Wenn man den Hitler-Vergleich mal ernst nimmt…

In der Sonntagsausgabe des offiziellen Guttenberg-Feindblattes FAZ kommentiert Volker Zastrow bissig die enorme Machtfülle, die sich in Guttenbergs Medienpräsenz dieser Tage zeige. Eigentlich sei es in der Guttenberg-Affäre nur um eine Frage gegangen (die weiter ungeklärt ist): „ob schließlich das ganze Land diese einfachen Maßstäbe um dieses einen Mannes willen verschieben wollte. Indem es stattdessen ihn selbst zum Maßstab machte.“[2] Das hat nicht nur einiges vom nationalsozialistischen Führerprinzip, sondern auch von der Wahlkampfstrategie der NSDAP Anfang der 1930er Jahre: Ihr einziger, konsequent durchgehaltener Programmpunkt lautete damals: Hitler.

Ähnliche Tendenzen wurden oft als Personalisierung und Inhaltsentleerung der Politik beklagt, als Problem der Demokratie. Doch nie war die Personalisierung in der Bundesrepublik so groß wie bei Guttenberg. Aber damit enden sie nicht, die impliziten Hitler-Vergleiche. Zastrow schreibt: „Die Redaktionen wurden auf Linie gebracht, soweit sie sich nicht ganz von selbst drauf brachten, längst vor der Affäre.“[2] Er spricht – mit anderen Worten – über Gleichschaltung und Selbstgleichschaltung, die prägenden Phänomene der deutschen Gesellschaft um 1933.

Das Auf-Linie-Bringen der Medien erfolgt nach Zastrows Ansicht durch die Verleger, die das Verhaltens einer Redaktion gegenüber Guttenberg zur „Tendenzfrage“ erklären und so das Vorrecht beanspruchen, den Redakteuren vorzuschreiben, was sie wie berichten dürfen. Und die Verleger, sie sehen Guttenberg als „ihren Mann“ an, weil er die vermutete und gewünschte Zukunft ist, mit der sie sich gut stellen wollen. Seine Zukunftsträchtigkeit entspringt nach Zastrows Beschreibung seiner Begabung für Demagogie. Zastrow nennt es „die Gabe, Menschen zu bezaubern“.[2]

Guttenberg umschmeichle seine Gönner und könne „auch der Masse geben, wonach sie sich sehnt.“[2] Solche Hoffnungen waren gegen Ende der Weimarer Zeit auch über Hitler im deutschen Bürgertum verbreitet. Hitler als Werkzeug der eigenen Pläne gebrauchen, das gehörte zum Kalkül seiner Steigbügelhalter. Charmant zu denen, die ihn instrumentalisieren wollten, demagogisch zu den Massen, die auf der Straße gegen ihre Beherrscher aufbegehren:

„Nur wenige beherrschen beides zugleich. Guttenberg gehört zu diesen großen Meistern. Inzwischen klagt er die gesamte politische Klasse an, als Versager in der Euro-Krise, als Gleichgültige gegenüber den einfachen Leuten. Guttenberg spekuliert à la baisse – auch das wie alle seines Schlages. Er ist ein wahrhaft gefährlicher Mann.“[2]

Wenn sich die Geschichte wiederholt, dann als Farce. Guttenberg wird demnach in jenem Moment zur Macht gelangen, in dem die politische Elite es erforderlich findet und ihn als das geeignete Werkzeug ansieht, um den Pöbel zu beruhigen. Das dürfte noch etwas dauern. Aber im Angesicht der internationalen Finanzmärkte (die Hitler noch „internationales Finanzjudentum“ nannte) könnte die Panik vor dem kommenden Aufstand den Stern des Freiherrn rasch wieder aufsteigen lassen.

Alternativen zu Hitler

Die Sprache und das Denken der bundesrepublikanischen Medien ist weithin vom Nationalsozialismus als negativer Folie beeinflusst. Das erklärt den stets impliziten Hitler-Vergleich im Fall Guttenberg ebenso wie die massenmediale Häufigkeit von Hitler-Vergleichen allgemein. Ist etwas böse, vergleicht man es am besten mit Hitler, dem Idealtypus des Bösen. (Nimmt man das Vergleichen ernst, kommt zwar stets heraus, dass nichts und niemand so böse ist wie Hitler, aber sei’s drum.)

Im Fall Guttenberg wäre Caesar vielleicht der geeignetere Vergleichsgegenstand: Im Gegensatz zu Hitler aus bestem Hause, mit Ambition in die Wiege gelegt, unglaublich reich, mit gekauften Titeln, erfolgreicher Demagoge und Karrierist mit zahlreichen politischen Ämtern, Volkstribun und Feldherr. Tatsächlich greift man aber nicht zu Caesar, vielleicht weil er heute mehr für historische Größe steht als für die Diktatur.

Stattdessen scheint nach Hitler nur noch Jesus als Vergleichsobjekt für Guttenberg in Frage zu kommen. Für amerikanische Evangelikale eher der Antichrist, ist Guttenberg für viele Politiker, die da mühselig und beladen sind, eine Erlöserfigur. In diesem Sinne ätzt die FAZ zu Beginn der Adventszeit von der Ankunft des neuen Messias und perhorresziert den Anbruch des Jahres 1 KT.[3] Die Bayern, heißt es da, „verlangt es gerade in Krisenzeiten nach Ästhetik und Grandezza.“[3] Dabei ist Guttenberg gerade kein genuin bayerisches Problem.

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7 Antworten zu “Ein Phantom kehrt zurück 3: Guttenberg und Hitlers Steigbügel

  1. Guttenberg sei, ebenso wie Berlusconi, die „Popcorn-Variante des faschistischen ‚Führers'“, analysierte bereits im März sehr lesenswert Georg Seeßlen: Berlusconismus. Der Freiherr als Staubsaugervertreter. In: Der Freitag, 3. März 2011. Seine Prognosen bewahrheiten sich.

  2. Pingback: Ein Phantom kehrt zurück 4: Veni, vici, perdidi | Erbloggtes

  3. Pingback: Neue Versuche, den Fall Guttenberg zu verstehen | Erbloggtes

  4. Erbloggtes macht sich hier wichtige und IMO richtige Gedanken. Insbesondere hat mir die Bezugnahme auf Volker Zastrow gefallen. Am 30.12. hatte ich auf der Seite [1] den Aspekt der Gefährlichkeit angesprochen mit Bezug auf Zastrow, ohne da schon diese Seite hier gesehen zu haben:

    »Für mich hat Volker Zastrow den Nagel auf den Kopf getroffen, als er in seinem Online-Beitrag der FAZ vom 16.11. titelte: “Guttenberg – Ein gefährlicher Mann“.
    Ein solch “gefährlicher Mann“ verdient rechtzeitige kritische Aufmerksamkeit. Dies gilt ebenso für journalistische Steigbügelhalterei à la di Lorenzo (“DIE ZEIT“). Ein Thomas Walde (ZDF) als Interviewpartner hätte bei K-TzG sicherlich keine Begeisterung ausgelöst.«

    Sie haben hier einige wesentliche Aspekte der in ihrer summativen Wirkung potenziell hoch gefährlichen Figur Guttenberg aufgezeigt. Bereits zur Zeit der ersten Reaktionen zu Guttenbergs auf die Plagiatsvorwürfe fiel ein Verhaltensmuster auf, das ich damals in mehreren Stellungnahmen als Guttenbergs “idiosynkratische Art der öffentlichen Selbstverteidigung“ genannt hatte. Sein jüngster Schachzug, “Vorerst gescheitert“ setzt dies in Tradition fort.
    Ich muss gestehen, dass auch die Hitler-Assoziation vor Monaten bei mir auftauchte, doch mir schien ein solcher Vergleich zu gewagt, ihn zu kommunizieren. Wenn ich nun Ihren Gedanken folge, so kommt mir in diesem Moment beim Schreiben dieser Zeilen plötzlich in den Sinn, dass beide Existenzen biographisch als “vorerst gescheitert“ erst dadurch gefährlich sein können / konnten, dass sie die Massen für sich gewinnen und auf dieser Basis in der Folge zu Macht gelangen könnten / konnten.
    Besonders interessant ist das – auch von Ihnen hier angesprochene – Buhlen Guttenbergs nicht nur um des Volkes Gunst, sondern auch das Anbieten und Anbiedern ’nach oben’, nämlich die Welt der Mächtigen, und hier insbesondere des Geldes. Man denke an die “Kapitalströme“, auf die eigentlich die betreffenden Kreise nur in seiner Person einen kundigen Sachwalter sehen sollen, der ihre Sache gerne verträte, besorge man ihm die Machtstellung dafür.
    Also tut Beschäftigung mit dem ’Phänomen Guttenberg’ Not. Allerdings ist das eine zweischneidige Sache: Er wird weiter versuchen, öffentliche Kritik der ’Intelligenzia’ volksnah für sich als verfolgten ’Messias’ auszuschlachten.
    Ich gestehe, schon länger nicht mehr bei Erbloggtes reingeschaut zu haben. Anders als zu Guttenberg (“Wirkliche Besserung ist kaum absehbar.“, Vorwort der Dissertation) gelobe ich Besserung. 🙂

  5. Vielen Dank für die Blumen! Ich möchte auf die Unterscheidung zwischen der Figur Guttenberg und der Person Guttenberg hinweisen. Die Figur Guttenberg ist gefährlich, weil sie so manchem als für eigene Interessen benutzbar erscheinen wird. Die Person Guttenberg ist bestimmt ein lieber Mensch.
    Selbst ein Hitler wäre völlig ungefährlich geblieben, wenn andere ihn nicht für brauchbar zu ihren Zwecken gehalten hätten.
    Insofern würde ich auch widersprechen: Hitler hat nicht – vor allem – die Massen für sich gewonnen. Vor allem hat er deutschnationale Massenmedien, Industrie und Banken hinter sich bringen können, sowie die Bürokratie und die Reichswehr für sich gewinnen.
    Wir können nur hoffen, dass solche Kreise nicht erneut eine gescheiterte Existenz zur gefährlichen Figur aufbauen.

  6. d’accord! Auch ich sprach von der „hoch gefährlichen Figur Guttenberg“. Natürlich sprechen wir hier nur von dem öffentlichen Bild einer Person (Sie verwendeten oben den Begriff „Metapher“). Allerdings ist zu viel Vorsicht auch nicht angebracht, sonst mutiert demnächst noch Hitler zu einem privat bestimmt „lieben Menschen“ 🙂
    Auch bezüglich des zweiten Punktes sind wir nicht wirklich verschiedener Meinung: Genau in diese Richtung zielte der Passus um den Begriff „die Welt der Mächtigen“, also Banken, Industrie (s. „Geldströme“); die Massenmedien waren zuvor mit dem Begriff „Steigbügelhalter“ – BILD und ZEIT wollten ihn damals im Amt halten! – bereits angesprochen. Der Punkt ist ja gerade der, dass Guttenberg (anscheinend) darauf spekuliert, von beiden Seiten – den Mächtigen wie den ‚einfachen‘ Bürgern – als Symbiose ihrer Interessen gesehen zu werden. Das Heer brauchte er damals schon nicht mehr zu gewinnen, er war ja bereits Verteidigungsminister mit Rückendeckung; wen er nicht gewinnen konnte, den schmiss er raus.
    Und weil, wie Sie und ich es sagen, der Mann erst gefährlich wird, wenn diese Spekulation aufgeht und Mächtige und Volk ihm zur Macht verhelfen, heißt es eben: Wehret den Anfängen! Und genau deshalb sind allerorten solche Artikel und Blogs wie der Ihre wichtig. mfG W.S.

  7. Ja, alles richtig 🙂 man muss sich auch in Blogkommentaren nicht immer streiten. Interessanter Hinweis, dass Guttenberg das Militär nicht mehr hinter sich bringen müsste, um an die Macht zu kommen. Ich wäre gespannt, ob er heute in der Bundeswehr anders gesehen wird als vor einem Jahr.

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