Fall Althusmann: Uni Potsdam wird Uni Plagsdamm-Bruch

Erfährt es nun alles einen Backlash, nur neun Monate nach dem Beginn der Bewegung zur Sicherung der wissenschaftlichen Qualität deutscher Dissertationen? Auf die Einstellung der Ermittlungen gegen Guttenberg folgt der „Freispruch“ für Kultusminister Dr. Bernd Althusmann: „Trotz vieler formaler Mängel habe sich der Plagiatsverdacht nicht bestätigt.“[1]

Im Gegensatz zur als „Uni Buyright“ geschmähten Alma Mater Guttenbergs, die sich letztlich vehement vom Verdacht zu distanzieren versuchte, in ihren Mauern seien die Regeln des wissenschaftlichen Arbeiten nichts wert, folgt die Universität Potsdam in etwa der Verteidigungslinie Guttenbergs, wenn sie Althusmann weiter zu ihren erfolgreichen Absolventen zählen will: „Ein Plagiat habe nicht nachgewiesen werden können, eine Täuschung sei Althusmann nicht vorzuwerfen.“[1]

Wissenschaftliche Praxis, Potsdamer Stil

Dazu muss die Universität allerdings den Anspruch aufgeben, Wissenschaft zu betreiben, wie sie andernorts üblich ist:

„Der Potsdamer Universitätspräsident Thomas Grünewald sagte, Althusmanns Dissertation weise zwar eine Vielzahl formaler Mängel auf, die guter wissenschaftlicher Praxis widersprächen. Den Tatbestand wissenschaftlichen Fehlverhaltens, der zum Entzug des Titels geführt hätte, habe das Prüfverfahren jedoch nicht ergeben.“[1]

Grünewald unterscheidet in dieser Stellungnahme also (laut Agentur AFP) zwischen Vorgehensweisen, „die guter wissenschaftlicher Praxis widersprächen“ und dem „Tatbestand wissenschaftlichen Fehlverhaltens“. Dabei verkennt er, dass alles, was den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis widerspricht, als wissenschaftliches Fehlverhalten zu bewerten ist. Auf dieser Grundlage hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) schon 1998 ihre Denkschrift Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis: Empfehlungen der Kommission „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“ formuliert.[2]

Dort heißt es etwa in Empfehlung 1: „Regeln guter wissenschaftlicher Praxis sollen […] allgemeine Prinzipien wissenschaftlicher Arbeit“ umfassen (S. 7). Empfehlung 8 bezieht sich darauf, wenn sie über „Umgang mit Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens“ schreibt, dass Hochschulen unter anderem folgendes leisten sollen: „eine Definition von Tatbeständen, die in Abgrenzung zu guter wissenschaftlicher Praxis (Empfehlung 1) als wissenschaftliches Fehlverhalten gelten, beispielsweise Erfindung und Fälschung von Daten, Plagiat, Vertrauensbruch als Gutachter“. Daraus geht klar hervor, dass alles, was von „guter wissenschaftlicher Praxis“ abzugrenzen ist, „als wissenschaftliches Fehlverhalten gelten“ muss.

Was die Universität Potsdam dazu treibt, für den Präsidenten der Kultusministerkonferenz jesuitische Differenzierungen zwischen dem Verbotenen und dem Nicht-Erlaubten einzuführen, bleibt auch in ihrer Stellungnahme unklar. Die Pressemitteilung, die unmittelbar unter dem Ergebnis der Althusmann-Kommission auf der Homepage der Uni präsentiert wird, ist allerdings betitelt: „Uni Potsdam fordert Verzicht auf Kürzungen im Bereich Wissenschaft und Bildung“.[3] Die Uni kann wohl ein Lied davon singen, dass das Geld ja auch irgendwoher kommen muss – und woher, wenn nicht aus dem Kultusministerium?

Dass Althusmanns Dissertation mit objektiven Täuschungen arbeitet, leugnet die Kommission und verwickelt sich dabei in Widersprüche. Denn abschließend weist sie die Schuld am Fall Althusmann allein den Gutachtern seiner Dissertation zu: „Die Gutachter haben die Arbeit nicht ausreichend auf Verstöße gegen gute wissenschaftliche Praxis überprüft.“[4] Wenn aber eine objektive Täuschung gar nicht feststellbar wäre, dann hätten die Gutachter auch bei noch so genauer Prüfung der Arbeit keine Verstöße gegen gute Wissenschaftliche Praxis finden können.

Im Vergleich ist Althusmann ein Waisenknabe

Den Unterschied zum Fall Guttenberg hat Plagiatsexperte Stefan Weber bereits im Juli genau erläutert:

„Althusmann ist nach einer Methode vorgegangen, vor deren Grassieren ich bereits 2006 […] gewarnt habe: ‚Der Eigentext des Autors wurde früher mit einem ‚vgl.‘ abgeschlossen, wenn auf die soeben skizzierten Ideen in der existierenden Literatur oder auf weiterführende Literaturtitel verwiesen wurde. Heute heißt ‚vgl. XY‘ am Ende eines Satzes, Absatzes oder Abschnitts: Von der Quelle XY habe ich ab- oder ein wenig umgeschrieben. Die endlose Abfolge von ‚Vgl.’s dieser Art ist fast so schlimm wie die Aneinanderreihung von Plagiatstellen.'“[5]

Sicher lässt sich nach solchen Maßstäben ein Ranking erstellen, wer der übelste aufgeflogene Plagiator des Jahres ist; Althusmann steht dabei wahrscheinlich deutlich unter Guttenberg, Chatzimarkakis und Koch-Mehrin. Vermutlich hat die Potsdamer Kommission Recht, wenn sie die „Gutgläubigkeit von Herrn Althusmann im Hinblick auf die von ihm angewandte Methodik“[4] annimmt und ihm deshalb zubilligt, dass er nicht vorsätzlich zu täuschen beabsichtigt habe. Althusmann war einfach zu schlecht wissenschaftlich ausgebildet, um eine ordnungsgemäße Dissertation abliefern zu können.

Althusmann und die Systemfrage

Sollte er daher seinen Doktortitel behalten dürfen? Wenn staatliche Verwaltungen aus eigenem Verschulden Fehler machen, die Betroffene begünstigen, und die Betroffenen keine Täuschungsabsicht hatten, dann lassen sich Verwaltungsakte nicht leicht rückgängig machen. Daher wäre es schwierig, Althusmann den Titel abzuerkennen. Dies wirft jedoch zwei Fragen auf, erstens ob eine Universität als staatliche Verwaltung angesehen werden sollte (oder ob das ihre notwendige Unabhängigkeit einschränkt), zweitens ob die konkrete Universität Potsdam qualitativ geeignet ist, Doktortitel zu verleihen. Es ist ja nicht der einzige Fall von Plagsdamm-Bruch an dieser Hochschule.

Der Fall Althusmann stellt die Wissenschafts- und Universitätslandschaft vor größere systematische Probleme als der Fall Guttenberg. Sobald es nicht mehr um kriminelle Energie geht, sind Hochschulen wissenschaftlichen Windbeuteln schutzlos ausgeliefert, sobald diese ihre Doktorurkunde in Händen halten. Unfähigkeit schützt also vor Titelentzug – eine Strategie, auf die Guttenberg auch gleich nach Scheitern seiner „abstrus“-Ausflüchte setzte. Der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann darf sich weiter Doktor nennen, sollte das aber besser in Anführungszeichen setzen. Ein „Doktor“ der Uni Potsdam scheint etwa so viel wert zu sein wie eine österreichische Diplomarbeit.[5]

Keine gute Figur macht darüber hinaus Die Zeit, die am 6. Juli 2011 auf eigene Faust mit dem Fall Althusmann an die Öffentlichkeit gegangen ist,[6][7] nun aber unter Berufung auf Nachrichtenagenturen schreibt: „Althusmann war von anonymen Plagiatsjägern vorgeworfen worden, in der Arbeit fremde Gedanken versteckt als eigene ausgegeben zu haben.“[8] Mit Plagiatsjägern mag die Zeitung wohl nichts mehr zu tun haben, seit sie auf Joint Ventures mit Plagiatoren setzt.

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Eine Antwort zu “Fall Althusmann: Uni Potsdam wird Uni Plagsdamm-Bruch

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