Ein Phantom kehrt zurück 5: Der Ghostwriter, das geistige Eigentum und alles auf Anfang

Er dankte es den Hinweisen von Plagiatssuchern, dass er nun klarer sah, und sich dennoch stets neue (alte) Fragen stellten. In der Tat war Guttenbergs plagiierter Aufsatz von 2004 bereits im Februar aufgeflogen. Damals gab es auch schon eine Stellungnahme aus Guttenbergs Abgeordnetenbüro.[1] Vor diesem Hintergrund muss man sich natürlich fragen, wie die Staatsanwaltschaft Hof gegen Guttenberg ermittelt hat. Mit welchen juristischen Kunstgriffen macht man aus einem Betrüger einen (für) Kinderspender? Eines der Plagiats-Opfer, Sonja Volkmann-Schluck, hat Akteneinsicht beantragt, heißt es. Ob davon zu Lebzeiten des Lügenbarons noch etwas an die Öffentlichkeit dringen wird?

Wenn Guttenberg nun erneut Schutzbehauptungen wie die aufstellt, dass der betreffende Aufsatz ja „nur“ ein politisches Positionspapier gewesen sei, bei dem weder Urheberrechte noch Quellenangaben eine Rolle spielen würden,[2][3] schön und gut. Aber wie die Staatsanwaltschaft Hof das öffentliche Interesse bei einem notorischen Räuber geistigen Eigentums leugnen kann, eröffnet sich daraus nicht. Da könnte man ja geradewegs zu der Schlussfolgerung gelangen, dass es „geistiges Eigentum“ gar nicht gibt, dies nur eine halbherzige Hilfskonstruktion im deutschen Recht ist, um den Wünschen der Content-Mafia zu entsprechen.

Die Kleinen hängt man, die Großen …

Das erfordert einen Exkurs zu aktuellen Meldungen im Urheberrechts-Bereich: Unter dem Titel „Wie meine Tweets im ZDF wieder auftauchten“ berichtete am Freitag die freie Texterin Ada Blitzkrieg davon, dass Gags, die sie auf Twitter formuliert hatte, bald darauf von ZDFneo-Mitarbeitern recyclet wurden. Zweifellos gibt es eine Geschädigte und Nutznießer bei diesem heimlichen Besitzerwechsel geistigen Eigentums. Es ließe sich darüber streiten, ob man in 160 Zeichen urheberrechtlich Relevantes unterbringen kann. Aber die Tradition literarischer Kurzformen spricht wohl dafür. Auf Twitter löste die Story, in der die Texterin beklagt, dass sie auf Einkünfte aus ihrem literarischen Job angewiesen ist, einen regelrechten Hype aus.[4]

Am selben Tag berichtete dpa, dass einer der Macher der Streamingplattform Kino.to für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis muss.[5] Er hatte nicht etwa die Werke anderer Urheber für seine eigene geistige Schöpfung ausgegeben oder diese Werke verkauft. Einen Schaden für die Urheber festzustellen hätte die Staatsanwaltschaft Hof wohl auch in diesem Fall vor unüberwindliche Probleme gestellt. In Leipzig war man da weniger zimperlich. Nicht nur Klaus Graf sieht das kritisch.

Von Anfang an waren Guttenbergs Leitlinien erkennbar

Zu diesem Zeitpunkt lohnt sich eine Re-Lektüre erbloggter Überlegungen vom 16. Februar 2011, dem Tag 1 der Guttenberg-Affäre: Das Verhältnis zwischen Recht und „Moral“. Dort finden sich bereits einige Leitlinien der folgenden Entwicklungen, darunter die dümmliche „Unschuld vom Lande“, die der Freiherr stets gab, und die Befürchtung, es gebe „Bereiche, in denen das moderne Rechtssystem keine umfassende und durchgreifende Regelungswirkung“ besitze. Dass das auch für das Urheberrecht im Bereich Oberfranken zutreffe, war damals aber noch nicht absehbar.

Dagegen stellten sich die medialen Fronten rasch auf. Die Bildzeitung schob gern, ganz der Freiherr, allen anderen jede Schuld zu, selbst als sie noch die Existenz jeder Schuld leugnete. Die FAZ zeigte sich hingegen von Anfang an vergrätzt:

„Die Bildzeitung leugnet und lässt Doktorvater Peter Häberle die Verantwortung übernehmen: ‚Die Arbeit ist kein Plagiat. Sie wurde von mir in zahlreichen Beratungsgesprächen eingehend kontrolliert.‘ Doch noch ist die Affäre nicht vorbei. Zeitungen wie die NZZ und die FAZ verstehen nämlich beim Klau ihrer Inhalte keinen Spaß, auch nicht bei vormaligen Medienlieblingen. Sie fordern Geständigkeit und Reue.“[6]

Ein letzter Punkt, der auch damals bereits auftauchte – übrigens ohne Not von Guttenberg selbst in seiner ersten Stellungnahme ins Spiel gebracht – ist die Ghostwriter-Frage:

„Und sollte jemand auf die Idee kommen zu behaupten, Mitarbeiter meiner Büros hätten an der wissenschaftlichen Erarbeitung meiner Dissertation mitgewirkt, stelle ich fest: Dies trifft nicht zu. Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung.“[7]

Dass die neue Verteidigungsstrategie im Fall des Aufsatzes von 2004 nun anders aussieht, die Mitwirkung von Ghostwritern zentraler Bestandteil ist, lässt am Geschick der Strategieberater zweifeln. Der Aufsatz sei ein „politisches Papier, das in meinem Bundestagsbüro – unter Mithilfe meiner Mitarbeiter – im Rahmen meiner Mandatstätigkeit entstanden ist“,[3] sagte Guttenberg der Welt. So hätte er wohl auch – entsprechend seiner Persönlichkeitsstruktur – von Anfang an in der Affäre um seine Doktorarbeit die Verantwortung auf andere geschoben, wenn es nicht nötig gewesen wäre, eine Eigenleistung zu beanspruchen.

Ghostwriter und die Schwierigkeiten, den richtigen Mann für den Job zu finden

Mit diesen Informationen lässt sich die vage Ghostwriter-Hypothese derart spezifizieren, dass sie verschiedene Aspekte der Guttenberg-Affäre erhellt: Von vornherein scheint festzustehen, dass der Ghostwriter den Namen Philipp trägt. Alle in den Debatten auf GuttenPlag genannten Kandidaten tragen diesen Namen, abgesehen von Guttenbergs Ehefrau Stephanie. Die lässt sich jedoch recht gewiss ausschließen, da sie sogar für ihr eigenes Buch eine Ghostwriterin (oder zwei) benötigte.[8]

Mit Guttenbergs Hinweis auf den Verdacht, „Mitarbeiter meiner Büros hätten an der wissenschaftlichen Erarbeitung meiner Dissertation mitgewirkt“, wird auch die Autorschaft von Guttenbergs Bruder Philipp unwahrscheinlich. Als wahrscheinlichsten Ghostwriter kann man daher einen Mitarbeiter Guttenbergs ausmachen: Dr. Hartmut Philippe war 2002-2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter Guttenbergs. Er wird jedoch als überqualifiziert eingeschätzt. Unter der Voraussetzung, dass er seinen eigenen Doktortitel ordentlich erworben hat und genug Zeit gehabt hätte, Guttenbergs Dissertation zu verfassen, ist dieses Machwerk einfach zu schlecht geworden. Es bleibt „ein heißer Kandidat“: Philipp Freiherr von Brandenstein.[9]

Letztere Hypothese könnte auch erklären, warum eine von einem bezahlten Ghostwriter verfasste Arbeit so schlecht sein konnte, warum Guttenberg weiter die Existenz eines Ghostwriters leugnet, und wie die Kenntnis von Guttenbergs problematischer Arbeit im Jahr 2010 bereits so weit hatte streuen können.[10] Brandenstein sah sich von CSU-Intrigen gestürzt,[11] nachdem er von Januar 2007 bis Dezember 2008 bei Guttenberg angestellt gewesen war. Er munkelte nach seiner Entlassung wegen eines Fotos aus den 1990ern, auf dem er als Jugendlicher den Hitlergruß zeigte, von „Heckenschützen“, die seinen Aufstieg an Guttenbergs Seite stoppen wollten.[12]

Selbst Doktorand, könnte er bis 2006 genug Zeit gehabt haben, um Guttenbergs Dissertation zu verfassen. Sein rasanter Mit-Aufstieg neben seinem Patron könnte auf dessen erhöhte Dankbarkeit hindeuten. Sein plötzlicher Fall (wie eine heiße Kartoffel) wirft dann jedoch die Frage auf, in was die Dankbarkeit umgewandelt wurde. Taugt Brandenstein als Ghostwriter?

Die Sprachmuster im „Brandenstein Blog“ erinnern zuweilen an die pomadig-umständliche und bedeutungsschwanger-inhaltsleere Sprache in Guttenbergs Dissertation, jedenfalls in den „selbstverfassten“ Teilen. Als Brandenstein am 3. März 2011 Guttenbergs Rücktritt begrüßte als „Ausdruck des autonomen Willens des Menschen Guttenberg, seine Ehre zu bereinigen“[13], da erinnerte sein Geschwafel von der Ehre, die teurer sei als das Leben, doch sehr an die Kairos-Seeligkeit in Guttenbergs Vorwort.

Über Stilvergleiche zwischen Blog und Dissertation ließen sich wohl Annäherungen an eine Antwort auf diese Frage erreichen. Andererseits: Wem soll das nützen?

————————————————————

2 Antworten zu “Ein Phantom kehrt zurück 5: Der Ghostwriter, das geistige Eigentum und alles auf Anfang

  1. Pingback: Früh übt sich, wer ein Dr. Strg-C werden will. | KnackBockBlog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s