Deutsche Zustände: Angst, Hass, Faschismus

Erstarkte soziale Abstiegsangst und mit ihr die Gefahr von Rechtsextremismus seit der Jahrtausendwende? Zu diesem Ergebnis gelangt eine große Studie der Universität Bielefeld über „Deutsche Zustände“:

Zu den Prämissen der Untersuchung, für die jedes Jahr 2000 Interviews durchgeführt werden, gehört es, dass jede Form Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) auf eine gemeinsame Ursache zurückgeführt wird, unabhängig davon, ob sich die GMF konkret gegen Fremde, Juden, Muslime, Frauen, Homosexuelle oder andere identifizierbarer Gruppen richtet und diese abwertet.

Wenn das stimmt – und die Untersuchung bringt überzeugende Belege dafür – dann lebt die Mehrheit der Politiker und Medienmacher von geistiger Brandstiftung, die nur die eigenen Abstiegsängste kompensiert. Der für die Studie verantwortliche Soziologe Wilhelm Heitmeyer spricht von einem „Klassenkampf von oben“.[1] Das ist ja so etwas wie eine deutsche Tradition.

GMF geht auch andersrum

Auch den von unabhängigen Konservativen vielfach beklagten Drang der Merkel-Regierung in die Mitte kann man vor diesem Hintergrund interpretieren: Indem die Union in die Mitte rückt, beansprucht sie stärker die Abwertung aller, die nicht so sind wie sie selbst. Das sieht man nicht zuletzt an einer Art von GMF, die in der Bielefelder Untersuchung nicht vorkommt, nämlich der Feindlichkeit gegenüber Neonazis:

Der Hass auf Glatzen wird nicht zuletzt von einer gesellschaftlichen Mittelschicht gestützt, die gern Überwachungsstaat und Polizeigewalt gegen jene einsetzt, die nicht so sind wie die Mitte selbst: Normalitäts-Abweichungen in Kleidung, Denken und Verhalten machen Neonazis zu typischen Opfern der GMF. Rechtsextremismus ließe sich nach den Ergebnissen der Studie nur wirksam bekämpfen, indem man seine Ursachen beseitigt, die mit den Ursachen der GMF zusammenfallen: Soziale Ungleichheit und die Ideologie einer gleichförmigen Gesellschaft.

Stattdessen dürfte die Hoffnung der wegen Springerstiefeln und Bomberjacken Ausgegrenzten im Rechtspopulismus liegen, der die Abwehrreflexe der Mitte wieder auf die traditionellen GMF-Opfer lenken könnte.

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Eine Antwort zu “Deutsche Zustände: Angst, Hass, Faschismus

  1. „Feindlichkeit gegenüber Neonazis“ ist keine GMF, sondern Notwehr.

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