Neuer Bremer Uni-Rektor Bernd Scholz-Reiter – es lebe die Technokratie!

Er stellte sich vor mit einem Thesenpapier und wurde gestern zum künftigen Rektor der Universität Bremen gewählt: Bernd Scholz-Reiter, Professor für „Planung und Steuerung produktionstechnischer Systeme“ im Fachbereich 4 (Produktionstechnik). Ab 1. September 2012 wird er Nachfolger von Wilfried Müller und sechster Leiter der Bremer Universität seit 1970.[1]

Scholz-Reiter ist ein Kandidat der „Mitte“. Der Akademische Senat (AS) hat mit seiner Wahl für ein „Weiter so!“ gestimmt, und zwar mit 14 zu 7 Stimmen. Im ersten Wahlgang erreichte keiner der drei Kandidaten eine absolute Mehrheit. Der externe Kandidat, Neurobiologe Günther Zupanc, der lange an der Privathochschule „Jacobs University Bremen“ gearbeitet hatte, für einen wirtschaftsfreundlichen Kurs stand und alle nicht gewinnbringenden Bereiche der Universität am liebsten geschlossen sähe, schied aus. Seine Anhänger dürften sodann auf ihren zweiten Favoriten umgeschwenkt haben, schon um die Wahl des grün und interdisziplinär orientierten Professors Arnim von Gleich zum Rektor zu verhindern. Von Gleich hatte interessante Reformideen formuliert, die teilweise sogar gegen den Zeitgeist gebürstet waren.[2]

Regierungserklärung des Wahlsiegers

Doch darüber wird die Universitätsgeschichte gnädiges Vergessen breiten. Stattdessen ergeben sich aus dem Thesenpapier von Bernd Scholz-Reiter interessante, ernüchternde, erschreckende – ganz nach Gusto – Aussichten für die Zukunft der Universität Bremen:

Scholz-Reiter will „notwendig werdende“ Streichungen ganzer Bereiche umsetzen, „damit die Universität langfristig erfolgreich bleibt“, Beschlüsse darüber sollen „im Konsens zwischen Akademischen Senat und Rektorat getroffen werden. Denkverbote sollte es dabei nicht geben, aber am Grundgedanken einer Volluniversität darf nicht gerüttelt werden.“ (S. 2f.) Keine Denkverbote also, aber Hauptsache, das erste Denkverbot bleibt bestehen: Ob sich Bremen überhaupt eine Universtität leisten kann.

Standortfaktor Drittmittelabhängigkeit

Drittmittel sind Scholz-Reiters Heilmittel zur Finanzierung einer politisch nicht (mehr) bezahlbaren Institution. „Kooperations- und Stiftungsprofessuren sowie die Unterstützung investiver Maßnahmen“ durch die Wirtschaft wünscht er sich. Davon, kleine Logos der Finanziers auf die Forschungsergebnisse zu drucken, ist aber nicht die Rede. Stattdessen soll die PR der Uni künftig die „volkswirtschaftliche Bedeutung der Universität für den Standort Bremen und für den Wohlstand seiner Bürgerinnen und Bürger“ betonen. (S. 3) Auf Standortvorteilen liegt auch in anderen moralischen Fragen Scholz-Reiters Hauptaugenmerk: „Diversity ist ein Vorteil und ein Wert an sich.“ Und Gleichberechtigung ist „wettbewerbsrelevant“. (S. 6f.)

Den Standort Deutschland hat er gar im Blick, wenn er zur besseren Finanzausstattung der Bremer Uni eine Grundgesetzänderung fordert! Dass er statt von Artikel 91b von „§91b“ (S. 3) spricht, zeigt die Realitätsferne von Scholz-Reiters Plänen. Sicher wird das Grundgesetz nicht geändert, damit die Uni Bremen künftig ohne Zustimmung Bayerns Geld aus dem Bundeshaus erhalten kann.

Produktionstechniker der Wissenschaft

Entsprechend seinem Fachgebiet, „Planung und Steuerung produktionstechnischer Systeme“, stellt sich Scholz-Reiter auch die Produktion von Wissen und das zugehörige Qualitätsmanagement vor:

„Über Feedback-Prozesse wird kontinuierlich an der Verbesserung von Lehre und Studium gearbeitet.
Hohe Leistung in Lehre (qualitativ aber auch quantitativ) und Studium wird wertgeschätzt und belohnt.“ (S. 5)

In der zentralen Steuereinheit dieses Rückkopplungsprozesses sieht er sich selbst und den Akademischen Senat als die Bauteile an, die Ziele vorgeben und deren Erreichung evaluieren: „Die Kooperation zwischen Akademischem Senat und Rektorat ist konstruktiv und produktiv. Es gibt keine Veranlassung für Änderungen.“ (S. 8, Schlusswort) Das wird seine Wähler im AS sehr erfreut haben.

Bernd Scholz-Reiter ist schon jetzt eine zweite Amtszeit gewiss, wenn er in fünf Jahren wieder mit diesem Programm antritt. Sein Rektorat könnte unter einem traditionellen Motto stehen, das bei einer Wissenschaftseinrichtung noch etwas gewöhnungsbedürftig ist:

„Keine Experimente!“

Aber durch Verweigerung jeglicher Reform wird man wohl am besten den Ruf los, eine Reformuniversität zu sein. Gemäß der Haushaltslage von Universität und Land muss die Uni Bremen daran allerhöchstes Interesse haben, um überhaupt das nächste Jahrzehnt zu überstehen.

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Eine Antwort zu “Neuer Bremer Uni-Rektor Bernd Scholz-Reiter – es lebe die Technokratie!

  1. Bremen kann sich eine Uni leisten. Eine!

    Der eigentliche Skandal ist, dass die angeblich so private Jacobs University seit Jahren Millionen aus dem Etat der Uni Bremen erhält, die dort schmerzlich vermisst werden. An der Jacobs gibt es ca 1200 Studenten, meist aus den oberen gesellschaftlichen Schichten ihrer Heimatländer (ist ja auch nicht ganz billig dort zu studieren). Demgegenüber stehen 18000 Studenten an der Uni Bremen!

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