Wulff gegen Presse – tolle Show

Er kritisierte sich selbst, Richard Gutjahr, und seine gesamte Zunft, und schrieb offen über die intransparenten Bande zwischen Politikern und Journalisten, die Eitelkeit der Redakteure, die Vorteilsnahmen und Abhängigkeiten. Seine Analyse:

„Das Schmierentheater ‚Bild‘ gegen ‚Bundespräsident‘ – in Wahrheit ein Kampf zwischen Massenmedien und Politikern um die Gunst jener neuen, nicht länger nur zum Schweigen verdammten Öffentlichkeit.“[1]

Zwar überzeugt es nicht ganz, dass „Bild“ und „Bundespräsident“ um die Gunst einer quantitativ irrelevanten Gruppe buhlen sollten – doch dass durch deren Auftreten die Regeln des traditionellen Polit-Medien-Gemauschels verändert würden, da ist etwas dran. Gutjahr stützt sich darauf, dass schon einmal ein Bundespräsident über Blogger stürzte: „Wirklich, Herr Köhler? Öffentlich zur Durchsetzung wirtschaftlicher Ziele durch militärische Gewalt aufrufen?“ war die Initialzündung der Köhler-Affäre.[2]

Gutjahr sieht andererseits auch Anzeichen dafür, dass Wulff die unausgesprochenen Vereinbarungen mit der Presse aufgekündigt habe. „Die ‚embedded journalists‘ in den Parteizentralen lieben es, an den Fleischtöpfen und Büffets der Amtsträger mitzuessen.“[1] Offen drohte Wulff ihnen mit Liebesentzug. Vielleicht will Wulff wirklich weitermachen und seine Drohungen wahr machen. Für das Publikum würde das ein unterhaltsames Spektakel, aber er selbst braucht dazu ein dickes Fell.

Die Tanzbären-Metapher

A propos Spektakel, dickes Fell und Publikum: Eine der meistgelesenen Metaphern in der Wulff-Affäre ist neuerdings der Tanzbär: „Sämtliche Medien von Links bis Rechts lassen sich vom über Bande spielenden Springer-Verlag am Nasenring durch die Arena ziehen“,[3] heißt es da etwa, oder auch dass Wulff nun nach Diekmanns Pfeife durch die Manege tanze.

Die Metapher hat Wulff selbst ins Spiel gebracht, in den ersten Tagen der Affäre tauchte sie auf, wenn auf Wulffs Rede vor den Nobelpreisträgern am 24. August 2011 zurückgeblickt wurde. „Politik darf sich nicht länger am Nasenring durch die Manege führen lassen“, wurde Wulff da zitiert unter der Überschrift „Bundespräsident Wulff kritisiert EZB scharf“.[4] Wulff (oder sein Redenschreiber) dachte offenbar damals schon, dass ein publikumswirksamer Kampf um die Oberhand geführt werde. Die NZZ vermerkte damals ganz am Ende ihres Artikels auch, wer sich nach Wulffs Ansicht nicht mehr als Dompteur aufspielen solle: Wulff habe gesprochen „von Banken, von Rating-Agenturen oder sprunghaften Medien“.[4]

Banken und Rating-Agenturen hören derzeit kein Peitschenknallen mehr aus Deutschland. Medien und Politik haben genug mit wechselseitigen Dressurversuchen zu tun. Auch die deutsche Rüstungsindustrie freut sich: Bald fließen die ersten Milliarden zur Griechenland-Rettung durch Athen und direkt wieder zurück nach Berlin: „Hauptprofiteur der griechischen Aufrüstungspolitik ist dabei ausgerechnet Europas Sparmeister Deutschland.“[5] Und niemand merkt’s, weil ein provinzieller Präsident in eine Hunderttausend-Euro-Show verwickelt ist. (Siehe dazu auch das Ende des Artikels zur „Anti-Wulff-Kampagne“.)

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Eine Antwort zu “Wulff gegen Presse – tolle Show

  1. Während es bei Wullf „nur“ um Kreditzinsen und einen geharnischten Telefonanruf geht, greifen andere munter in die Kassen, bleiben gar uneinsichtig und bekommen dennoch nur minimales Medienecho:

    Mal eben eine halbe Million abreifen
    http://www.modersohn-magazin.de/2012/01/09/kvberlin-vorstand-uebergangsgeld/

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