Die Wulff-Affäre: Konjunkturen einer inszenierten Demontage

Er bloggte schon mehrfach: Wulff ist als Bundespräsident nicht mehr tragbar. Aber die Kampagne, die einige Medien gegen ihn führen, ist ebenfalls nicht mehr erträglich. Man muss Wulff verstehen: Er findet das alles ganz normal, was er gemacht hat, und er will im Amt bleiben. Man muss die Medien verstehen: Wenn jemand, dem sie bananenrepublikanisches Verhalten nachgewiesen haben, Staat und Bürger weiter zu repräsentieren beansprucht, dann müssen sie die Wunde offen halten, um ihre Selbstachtung nicht zu verlieren.

Wie die Stimmung der politisch einigermaßen interessierten Öffentlichkeit sich entwickelt, das gehört inzwischen zu den umstrittenen Fragen. Zumindest die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für die Wulff-Affäre lässt sich recht gut darstellen anhand eines einfachen Indikators:

Konjunktur der Wulff-Affäre, Abrufzahlen des deutschen Wikipedia-Artikels zu Christian Wulff

Abrufzahlen des Wikipedia-Artikels zu Christian Wulff seit 60 Tagen

Die Abrufzahlen (laut stats.grok.se) des Wikipedia-Artikels Christian Wulff zeigen, dass die Affäre in verschiedenen Phasen verlief. Beginnend mit dem 13. Dezember 2011 köchelte die Affäre zunächst vor sich hin; Wulff wiegelt den Vorwurf, den Landtag belogen zu haben, damit ab, dass er formal korrekt geantwortet habe. Merkel spricht ihm ihr „volles Vertrauen“ aus. Nachdem Egon Geerkens Wulffs formalistische Ausrede Lügen straft, verdoppelt sich die Aufregung am 18. Dezember, während Wulff äußert, er könne sein Handeln verantworten, und Merkel ihm ihr „vollstes Vertrauen“ ausspricht.[1]

Bis zu Wulffs öffentlicher Erklärung am 22. Dezember ist das Interesse ungebrochen, zumal die ironische Finanzierung Maschmeyers für Wulffs Buch „Besser die Wahrheit“ ans Licht kommt. Die dann über die Weihnachtsfeiertage verfügbaren Daten sind weniger aussagekräftig. Zumindest für den 24. und 25. Dezember fehlen Abrufzahlen ganz; bis zum 27. Dezember kühlt sich die Aufregung ab, es geht nun um Zinsdetails und den Kredit der BW-Bank.[1] Bis zum Neujahrstag sinken die Abrufzahlen weiter; nur noch doppelt so viele Klicks wie vor der Affäre zielen auf den Artikel.

Allerdings gibt es sicher auch einen Zusammenhang mit verändertem Medien- und Wikipedia-Konsum an Feiertagen und im Weihnachtsurlaub. Denn obwohl die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bereits am 1. Januar über Wulffs Mailbox-Nachricht berichtet,[2] steigen die Abrufzahlen erst ab dem 2. Januar rasant und weit über das vorherige Niveau an, kulminierend bei über 70.000 Abrufen am Tag des TV-Interviews, dem 5. Januar.

Seitdem reduzieren sich die Abrufzahlen alle paar Tage deutlich. In den nächsten Tagen dürfte es weiter bergab gehen. Das ist dann noch nicht gleichbedeutend damit, dass die Affäre ausgesessen ist. Denn die Abrufzahlen des Wikipedia-Artikels sinken natürlich auch, wenn das Publikum über Wulff hinreichend informiert ist und neue Informationen allein aus den Nachrichten bezieht. Für Medien, die einerseits den Druck auf Wulff aufrecht erhalten wollen und andererseits auch auf das Interesse des Publikums Rücksicht nehmen müssen, dürfte es künftig schwierig werden, das Thema ohne echte Neuigkeiten prominent zu platzieren.

Abrufzahlen des englischen Wikipedia-Artikels zu Christian Wulff seit 60 Tagen

Abrufzahlen des englischen Wikipedia-Artikels zu Christian Wulff seit 60 Tagen

Im Vergleich mit den Abrufen des englischsprachigen Wikipedia-Artikelszeigt sich das selbe Muster auf deutlich niedrigerem Niveau: Nach Weihnachten sind die Abrufzahlen des englischen Artikels niedriger als vor der Affäre. Und inzwischen sind sie fast wieder auf den Stand von vor der Affäre zurückgekehrt.

Abrufzahlen des Wikipedia-Artikels zu Bettina Wulff seit 60 Tagen

Abrufzahlen des Wikipedia-Artikels zu Bettina Wulff seit 60 Tagen

Die Zahlen des deutschen Artikels zu Bettina Wulff zeigen an den Spitzentagen größere Ausschläge nach oben und nach Weihnachten ein erhöhtes Aufmerksamkeitsniveau. Das lässt sich so deuten, dass zwar der Massenmedien-Zirkus Pause machte, im Internet aber erhöhte Gerüchtdichte hinsichtlich „Bettina Wulffs Strumpfhose“ herrschte. (Das ist übrigens irritierenderweise die häufigste Suchwortkombination, die im Januar Leser auf dieses Blog führte.) Im Vergleich:

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Die Sinkende Aufmerksamkeit für Wulffs Verfehlungen geht offenbar einher damit, dass Kritik an der Rolle der Medien in der Wulff-Affäre größeres Interesse weckt. Bereits in der internationalen Presseschau der Welt waren zwar viele Wulff-kritische Stimmen vertreten, aber die Kumpanei von Medien und Politik, die durch ihre Aufkündigung erst sichtbar wurde, regte die Korrespondenten ebenfalls auf.[3]

In diesem Sinne kritisierte auch Günter Wallraff, dass „Bild-Chefredakteur Kai Diekmann über viele Jahre vertrauliche Gespräche mit einem Politiker pflegt und diesen dann plötzlich vorführt und öffentlich bloßstellt. Man hat den Eindruck, Bild will ihn vernichten.“[4] Ex-Bild-Chef Röbel warb um Verständnis für die vertrackte Lage der Bildzeitung, deren Leserzahlen seit langem kontinuierlich sinken: Im Internet habe sie es schwer, da „journalistische Regeln und Gesetze ein paar Mausklicks weiter außer Kraft sind – und keiner sich wehrt“.[5] Schlimm, wenn der Oberschurke es mit Leuten zu tun bekommt, die noch skrupelloser sind.

Und während die üblichen Verdächtigen noch Bild und Wulff hinterherhecheln und nach diesem und jenem zusätzlichen Rücktrittsgrund suchen,[6][7][8] hat die taz sich stärker auf die Rolle der Bildzeitung konzentriert und deren „Präsidenten“ Diekmann in die Wulff-Rolle befördert.[9][10][11][12] Damit enthüllt sie freilich auch performativ die Anti-Wulff-Kampagne, die die Verfehlungen des Delinquenten genüsslich auskosten und immer noch ein Stückchen weiter drehen will. Die taz setzt auch auf das Wiki-Prinzip, nach dem im Netz die Mailbox-Nachricht zusammengesetzt wurde.[13] Ursache könnte auch sein, dass die Bild nur an die taz keine Inhalte von Wulffs aufgeregtem Anruf durchgestochen hat.

Ein weiterer möglicher Umgang mit der Affäre ist es inzwischen, Wulff für unschuldig und die deutsche Medienlandschaft für manipulativ, totalitär und insgesamt verdorben zu erklären, wahlweise auch für einzigartig gnadenlos, verbissen und brutal, hochtourig hämisch und gehässig, hart und zynisch, beleidigend und exzessiv wichtigtuerisch, anmaßend tugendwächterisch und inquisitorisch scharfrichterlich; wutbürgerlich, maßlos, haltlos, stillos und verschwörungstheoretisch nicht zu vergessen.[14] Wer so redet und solche Rede bejubelt, sich dann aber einen „unparteiischen Beobachter“ nennt, leidet unter schwerer kognitiver Dissonanz. Immerhin erspürt der „unparteiische“ Autor, der auch sonst eine Vorliebe für krude Positionierungen hat,[15] seinen eigenen Wunsch, dass „man einmal auf demselben polemischen Niveau geantwortet hätte, das in vielen Beiträgen gegen Wulff gang und gäbe ist.“[14] Wunsch erfüllt und alles, was auch nur grob in diese Richtung geht, zusammengefasst.

Auf solche Vorhaltungen, eine diffuse Volksseele liebe den Präsidenten, und die Massenmedien sollten sich stärker an dieser orientieren, hat die FAZ bereits einige Tage zuvor abschließend geantwortet.[16] Im Zeichen des Kampfes gegen eine angebliche politische Korrektheit die angebliche Ansicht einer „schweigenden Mehrheit“ in Stellung zu bringen gegen die veröffentlichte Meinung der Massenmedien, das kann jeder, nach Belieben. Gegen eine „Medienmeute“ ohne Rückhalt in einer angeblich genervten Bevölkerung gebe es einen Mechanismus, so Harald Staun:

„Der genervten Öffentlichkeit aber kann man nur raten: Wer den Klatsch aus Bellevue nicht mehr hören will, weil er meint, man müsse ein Amt nur ein Weilchen in Ruhe lassen, damit sein Inhaber es wieder in Würde tragen könne, der sollte einfach nicht mehr jede neue Petitesse anklicken, die im Internet steht. Dann lässt auch ‚Spiegel Online‘ das Thema fallen. Ganz automatisch.“[16]

Tut es. Gerade kommt Wulff auf der Startseite von Spiegel Online nur in einer Randnotiz vor, sowie im Titel des neuesten Matussek-Videos. Darin macht er sich gleichermaßen über seine Journalistenkollegen wie über den Präsidenten und seine Freunde lustig.[17] Das ist, wie hier schon länger vertreten, immer gut.[18] Das bestätigt beruhigenderweise, dass die Massenmedien weiter innerhalb der von der Systemtheorie Luhmanns beschriebenen Parameter funktionieren. Ihr Code ist Information/Nichtinformation, das heißt, sie unterscheiden zwischen diesen Möglichkeiten und fühlen sich für erstere zuständig. Gemessen wird die Informativität unter anderem durch Publikumsreaktion. Womöglich muss man als weiteren Code Emotion/Nichtemotion hinzunehmen, aber das ist auch keine neue Entwicklung.

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Eine Antwort zu “Die Wulff-Affäre: Konjunkturen einer inszenierten Demontage

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