Guttenberg getortet – Spaß verstehen oder unartige Auseinandersetzung?

Erheiterte Sahnetorte in Gesichtern früher die Massen, entlockt es den meisten heute kaum noch ein müdes Grinsen, wenn Guerilla-Clowns Karl-Theodor zu Guttenberg die Torte ins Gesicht drücken. Die „Digitalen Konditoren“ der „Hedonistischen Internationale“ haben laut ihrem Bekennerschreiben[1] samt Video die #OpCreamStorm durchgeführt und dem politischen Hochstapler in einer Berliner Bar ein süßes Andenken verpasst.

Guttenberg sprach dort gerade mit dem Piraten-Politiker Stephan Urbach über seinen neuen Job als Berater von Neelie Kroes, seine Qualifikationen und seine Ziele in dieser Funktion. Nichts Neues, nichts Interessantes, nichts Aussichtsreiches. Natürlich ist es sinnvoll, wenn Guttenberg mal mit echten Menschen zu tun hat. Für die Gesellschaft sinnvoll, aber auch für ihn selbst, wie der sympathische Tenor ‚er gibt sich immerhin Mühe‘ von Urbachs Gesprächsbericht[2] zeigt.

Das Video zeigt bei äußerst schlechter Beleuchtung einen Mann, anscheinend Guttenberg, dem jemand vorsichtig, fast zärtlich, eine Torte ins Gesicht drückt. Das Opfer der Aktion bleibt recht gelassen, scheint – oh Topos aus Stummfilmzeiten – die in seinem Gesicht zurückgebliebenen Sahnereste zu probieren. Unklar ist, warum die Digitalen Konditoren eine analoge Industrietorte von Coppenrath & Wiese verwendet haben.

Auf Netzpolitik.org wird die Aktion diskutiert, erntet aber überwiegend Kopfschütteln.[3] Sie sei propagandistisch ausschlachtbar für Guttenberg und die CSU, außerdem Kindergarten-Niveau. Dagegen ist allerdings einzuwenden, dass derartige symbolische Protestgesten, die ja immer wieder vorkommen, in der konkreten Situation polarisieren, langfristig aber zu markanten Zeichen für praktischen Widerstand gegen die betroffenen Personen und die von ihnen repräsentierte Politik geworden sind.

  • Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger wurde 1968 von Beate Klarsfeld geohrfeigt und als „Nazi, Nazi“ beschimpft. Damals gewalttätige Majestätsbeleidigung. Heute bekanntes Symbol für die Auseinandersetzung der 68er mit der NS-Vergangenheit ihrer Vätergeneration.
  • Kanzler Helmut Kohl wurde 1991 in Halle mit Eiern beworfen und stürzte sich daraufhin ins Handgemenge mit den Protestierern.[4] Damals unzivilisiert und gefährlich. Heute Sinnbild für das rasche Scheitern aller Träume von „blühenden Landschaften“.
  • Außenminister Joschka Fischer traf 1999 ein Farbbeutel am Ohr und verletzte sein Trommelfell. Damals sprach man zunächst von gefährlicher Körperverletzung.[5] Letztlich wurde der Täter, der sich auf sein Recht auf Widerstand gegen den völkerrechts- und grundgesetzwidrigen Kosovokrieg berief, wegen Körperverletzung in einem minder schweren Fall zu rund 1800 Euro Geldstrafe verurteilt.[6] Heute hat der Farbbeutel einen eigenen Wikipedia-Artikel und gilt manchen als legitimes Werkzeug zur Gewalt gegen Sachen. Die Regierung Schröder gilt hingegen als die bisher kriegerischste Bundesregierung.
  • George W. Bush entging 2008 knapp dem Schuhwurf von Muntazer al-Zaidi, der rief: „Das ist ein Abschiedskuss, du Hund. Dies ist von den Witwen, Waisen und allen, die im Irak getötet worden sind.“ Empfand das irgendjemand als unberechtigt? Al-Zaidi wurde misshandelt und zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, nach neun Monaten entlassen. Heute gilt er weithin als Held; Bollywood soll seine Geschichte verfilmen.[7] Schuhe gelten seitdem auch im Westen als politisches Protestsymbol.

Angesichts dieser Vergleichsmaßstäbe kann man nicht davon sprechen, dass Guttenberg Gewalt angetan oder er in irgendeiner Weise gefährdet worden sei. Er musste sich einmal öfter das Gesicht waschen.[8] Auch ist er keineswegs so bedeutend wie die genannten Opfer von symbolischer Gewalt. Daher ist der Einwand gegen die Aktion zu bedenken, dass Guttenberg durch so etwas nur unnötig aufgewertet wird, wichtigere Politiker in höheren Ämtern Sahnetorten eher verdient hätten.

Ach was. Spaßguerilla sind das Gegenteil von Terrorismus. Wer Guttenberg auf humoristisch-handfeste Weise mitteilen will, was er von ihm hält, wählt zwar besser aufgeblasene Windbeutel. Aber wenn man bereit ist, die möglichen unangenehmen Folgen zu tragen – Beobachtung durch den Verfassungsschutz, anyone? – dann ist nichts mehr gegen diese subversive Aktionsform einzuwenden.

Benjamin gewidmet.

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Eine Antwort zu “Guttenberg getortet – Spaß verstehen oder unartige Auseinandersetzung?

  1. Die Ernennung zu Guttenbergs als EU-Berater für Internetfreiheit ist eine echte Provokation denn hier wurde der Bock zum Gärnter gemacht.

    Guttenberg ist zusätzlich Berater am Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington D.C., USA und hat somit Interessenkonflikte, die es ihm unmöglich machen, die europäischen Interessen zu vertreten.

    Petition: zu Guttenberg muss die Europäische Kommission verlassen

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