Was macht Wulff eigentlich falsch? Eine schmutzige und eine bürgerliche Antwort

Ergab es nicht eine leichte Irritation, dass Christian Wulff von der Springer-Presse gejagt wird, als ob er von der SPD wäre? Natürlich ist Wulff ein übler Politiker, ein unwürdiger Präsident, ein unsympathischer Mensch. Aber das ist doch für die Springer-Presse nicht Grund genug, alle Mittel zu seiner Absetzung aufzubieten.

Parallel wittert Der Spiegel Skandale und Skandälchen, denen er nachgehen kann – geschenkt. Die FAZ prangert Verstöße des in die bürgerliche Elite erst aufgestiegenen Filous gegen den bürgerlichen Ehrenkodex „Mehr sein als scheinen“ an und brandmarkt die Amoral, mit der der Politiker Wulff den Anschein demokratisch-unbestechlicher Politik zerstört – allzu verständlich. Aber Bild, Welt und B.Z.? Reicht es aus, die Professionalität der Redaktionen und das große öffentliche Interesse an der Wulff-Affäre als Erklärung für ihre Präsidenten-Hatz anzuführen?

Was könnte sonst noch dahinter stecken? Zwei assoziative Exegesen ausgewählter aktueller Medienberichte und -kommentare könnten den Weg weisen.

Die schmutzige Moral von Sex und Macht

Offenbar treiben sich Springers Spürhunde derzeit überall herum, wo es etwas über Wulff zu berichten geben könnte. Sie treffen „Menschen, die zum Teil sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben mit dem heutigen Bundespräsidenten“. Aber keiner dieser Menschen will reden. Das erklärt die Presse zum Beispiel damit, dass diese Menschen moralische Bedenken haben, „sich so auf eine Stufe zu stellen mit ihrem früheren CDU-Landesvorsitzenden“. Wulff hatte also keine Skrupel, andere bei Kai Diekmann anzuschwärzen? Gut vorstellbar.

„Parteidisziplin“ wird auch als Grund für die Schweigsamkeit genannt. Kann man in der CDU nichts werden, wenn man Wulff in die Pfanne haut? Das klingt ganz normal für die CDU. Freidenker waren die noch nie, mit Transparenz kommen die auch nicht so recht klar. Kadavergehorsam ist es häufig, der dort zählt. Bei Springer gilt das sonst als erwünschtes Verhalten – SPD, Grüne, Linkspartei, Piraten, früher auch mal die FDP: Alle wurden sie stets verhöhnt wegen Illoyalitäten und internen Streitigkeiten. Warum stört sich die Springer-Presse nun daran, dass die CDU eine Führer-Partei ist?

„Wieder andere haben schlicht und ergreifend Angst, dass sie am Ende noch einmal den Kürzeren ziehen. Sie alle erzählen unterm Strich die gleiche Geschichte, nach der Christian Wulff in seiner niedersächsischen Zeit ziemlich skrupellos unterschied zwischen ‚für mich‘ und ‚gegen mich‘.“

Wulff schüchtert also seine „politischen Freunde“ ein. Das klingt nicht nett, aber das ist für Springer doch ebenso nur ein wohlfeiles Argument gegen Wulff. Als ob Merkel nicht genauso agiere.

Dann aber kommt eine alte Rechnung zur Sprache, die womöglich noch jemand mit Wulff offen habe: Seine Gegner mussten also immer Angst vor ihm haben, weil er so skrupellos war.

„Wobei Gegner bis zu seiner eigenen Scheidung auch war, wer sich von seinem Ehepartner trennte. Die Verletzungen, die Wulff damals zugefügt hat, sind vermutlich eine Ursache für die schiere Unendlichkeit der Präsidentenaffäre.“

Dass Wulff sich früher gern als Moralisten darstellte, dem Affären anderer „physische Schmerzen“ bereiteten, ist bekannt. Aber wen soll Wulff zwischen 1994 und 2006/08 so gedisst haben, weil derjenige sich scheiden ließ, dass er heute auf Rache sinnt und die ganze Affäre aus dem Hintergrund steuert? Kai Diekmann (Scheidung 1997), Angela Merkel (Scheidung 1982), Horst Seehofer (Scheidung 1982) oder doch Gerhard Schröder (Scheidung 1972, 1984 und 1997)? Kann schon sein, dass Wulff private Rechnungen noch nicht „in bar“ beglichen hat. Aber derjenige müsste schon ein PR-Genie sein, um nennenswerten Einfluss auf den Verlauf der Wulff-Affäre zu nehmen. Außer es ist Kai Diekmann. Der hat nennenswerten Einfluss auf die Wulff-Affäre.

Dass die christdemokratische Ehemoral etwas mit der Affäre zu tun haben könnte, belegen die immer wieder auftauchenden Anspielungen auf außerehelichen Sex. Diesmal wird Groenewolds Handy als schmutziges Werkzeug zur „Affäre“ mit Bettina Körner, Wulffs heutiger Frau, stilisiert:

„Man ahnt zudem, dass auch niedersächsische Ministerpräsidenten anonyme Zweit-Handys nutzen, bevor sie die Ehefrau irgendwann endgültig wechseln. Ein solches Gerät wurde ihm offenbar ebenfalls von Groenewold zur Verfügung gestellt, wie die ‚Welt‘ erfuhr. Auch eine Art von Freundschaftsdienst.“

Doch das ist ein gefährliches Spiel. Würden die Andeutungen und das Geraune in knallharte, offene Aussagen umgewandelt, würden doch 80 Prozent der Deutschen sagen: Wulff hatte außerehelichen Sex? Na und? Let’s Do It, Let’s Fall in Love. Das ist – im Unterschied zu seinen Unternehmer-„Freundschaften“ – nun wirklich seine Privatsache.

Die FAZ deutet an, dass Groenewold nicht nur eine außereheliche Hotelrechnung und ein außereheliches Handy für Wulff bezahlt habe, sondern um 2006 regelmäßig mit diesem verkehrte.[1] Vielleicht hat Wulff deshalb immer ein paar Tausender in bar dabei gehabt, weil Groenewold seine Rechnungen bezahlte, als Wulffs Ehe noch intakt schien.[2] Das wäre nur zu verständlich. Wulff sollte das offen zugeben.

Niemand aus Wulffs Umfeld will noch mit Springer-Reportern reden. „Man kann also ganz froh sein in diesen frösteligen Tagen von Hannover, wenn man Mechthild Ross-Luttmann trifft.“ Warum froh sein? Die sagt doch auch nichts. Exner stellt es aber so dar, als ob ihr von Wulff übel mitgespielt wurde. Demnach ist Wulff ein machtbewusster Politiker, der Leute aus seinem Kabinett entlässt, wenn sie ihm weniger nützlich erscheinen als andere. So what? Das ist es doch, was sich Springer unter einem erfolgreichen Politiker vorstellt.

„Das ist doch schrecklich“, wird die CDU-Frau abschließend zitiert. Ja, richtig. Wulff ist schrecklich. Die Wulff-Affäre ist schrecklich. Und die Methoden, mit denen die Springer-Presse den Bundespräsidenten abzusetzen versucht, ebenfalls.

Dann noch ein Aussetzer: „mit Aygül -zkan die erste Muslimin in einem deutschen Kabinett“. Die Welt schreibt – kein Witz – den Namen der Ministerin Aygül Özkan nicht aus, sondern lässt den Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens weg.[3] Das ist ein solch seltener Faux-pas, dass man sich fragen muss, ob der Ernennung Özkans zur Ministerin größere Bedeutung zukommt: Ist das der eigentliche Grund für die Jagd von Springer auf Wulff?

Vielleicht spielt das bei Springer eine Rolle, aber bei Spiegel und FAZ müsste es anders aussehen.

Die kleinbürgerliche Moral vom unwürdigen Aufsteiger

Frank Schirrmacher glaubt an eine Filmaffäre Christian Wulff.[4] Wulffs Verbindungen ins Filmgeschäft reizten die Medien schon lange. Nun sind es die akutesten Vorwürfe, die die Wulff-Affäre noch köcheln lassen.[5] Dirk Kurbjuweits „wichtiger Kommentar“ für den Spiegel von morgen wird von FAZ-Schirrmacher schon heute empfohlen.[6] Es geht um Vergünstigung, Aufwertung und Selbsterniedrigung.

David Groenewold ist die neue Symbolfigur in der Wulff-Affäre. Nach Geerkens, Maschmeyer und Schmidt ist es der vierte „Freund“ Wulffs, der Wulff als Unternehmer gefällig war, und dem Wulff womöglich als Politiker gefällig war. Wulff hat – das ist der Unterschied zwischen den Springer-Medien und der bürgerlichen Presse um FAZ und Spiegel – die falschen Freunde, aus den falschen Gründen.

„Christian Wulff hat nicht den Charakter, um das höchste Amt im Staat bekleiden zu können.“

Das ist die Schlussfolgerung Kurbjuweits aus seiner Vorwurfs-Trias gegen Wulff. Vergünstigung: „Die Jagd nach dem kleinen Preis kommt aus einem kleinen Gemüt, es sei denn, sie geschieht aus der finanziellen Beengung heraus.“ Aufwertung: „Wenn Pubertierende vom großen Leben träumen, dann träumen sie vom Film. […] Die Demokratie hat Wulffs kindische Sehnsucht nach dem Filmglamour nicht verdient.“ Selbsterniedrigung: „Da stand also der Ministerpräsident von Niedersachsen und zählte einem 14 Jahre jüngeren Mann ein Bündel Geldscheine in die Hand. Wenn das nicht gelogen ist, wünschte man sich beinahe, es wäre gelogen, weil es so unwürdig ist.“

Die Selbsterniedrigung liege im Streben nach Vergünstigung, nach Aufwertung, aber auch im Anruf bei Diekmann und „in krasser Weise“ in Wulffs Verteidigungshaltung. Wulff, der Präsident, den man Lügner nennen darf, ist wie ein alter Straßenköter, den jeder treten kann. Vielleicht schnappt er nochmal, aber dann wird ihn der Hundefänger holen.[7]

Jeder kleine Mann würde sich gern von reichen Freunden zu luxuriösen Urlauben einladen lassen. Er würde liebend gern in einer höheren Klasse als gebucht fliegen. Er bekäme leuchtende Augen bei der Aussicht auf einen verbilligten Kredit für das Eigenheim. Und er würde nur deshalb ein Auto fahren, weil er dafür einen Rabatt bekommt. Und das ist für FAZ, Spiegel und andere das Problem an Wulff: Er ist ein kleiner Mann, der sich in eine Glitzerwelt wünscht.[8]

Christian Wulff ist geradezu ein Vorbild für den Jungen aus einfachen Verhältnissen, der ganz nach oben will, weil es dort viele reiche Leute gibt, die dann gern seine Freunde sein wollen und ihn einladen nach Mallorca und nach Sylt, in ihre Limousine und zu einem Business-Class-Flug. Das ist ein einleuchtendes Bild einer Kindheit, die später dazu motiviert, Politiker zu werden. Wulffs Kindheit ist in dieser Hinsicht die katholische Variante der subproletarischen Kindheit Gerhard Schröders.[9] Wulffs Eltern waren zwar nicht so bettelarme Habenichtse wie Schröders. Dafür war Wulff ein Scheidungskind, die Mutter alleinerziehend, in Wulffs Jugend schwer krank. Bei genauem Hinsehen dürfte auch Wulff über sich sagen können, was Schröder 2004 offenbarte: „Wir waren die Asozialen“.[9] Die Scheidungskind-Geschichte verweist wieder auf die oben erwähnte Ehemoral. In den 1960ern und 1970ern in Osnabrück waren geschiedene Eltern gewiss hinreichend für gesellschaftliche Ausgrenzung im katholischen Milieu.

Für Wulff wird das heute zum Verhängnis. Schon Schröders Verhalten wurde oft als das eines proletarischen Gernegroß gebrandmarkt („hol mir mal ne Flasche Bier“, Armani-Kanzler, Cohiba-Kanzler). Aber der war von der SPD. Den bürgerlichen Medien ist eine nichtssagende Pfarrerstochter die beste Repräsentantin des Staates. Echter Adel (Richard von Weizsäcker, der letzte große Bundespräsident) ist gerade nicht verfügbar, da Guttenberg im Exil weilt. Ohnehin favorisieren eher die Boulevardblätter solche Adeligen. „Würdige“ deutsche Politiker entstammen im Idealfall dem protestantischen Pfarrhaus, das ist gut untersucht.[10]

Natürlich schaden Wulffs Rabattjagd, sein Wunsch nach Glamour, sein Verzicht auf bürgerliche Ehre der Demokratie. Ob sie daher verboten sind, das muss die Justiz entscheiden. Aber die Verachtung, die bürgerliche Journalisten solchen Wünschen des kleinen Mannes entgegenbringen, ist von diesen nicht hinreichend reflektiert. Dass sich jemand verhält, als ob er nicht aus gutbürgerlichem Hause käme, ist in einer echten Demokratie jedoch keine überzeugende Begründung für eine Rücktrittsforderung.

„Manche glauben inzwischen, nicht Wulffs Gebaren sei der Skandal, sondern der Jagdeifer der Presse.“

Wulffs „Gebaren“ ist das Ergebnis seiner Lebensgeschichte. Wenn er sich derzeit fragt, warum plötzlich alle so gemein zu ihm sind, wird er vielleicht auch zu diesem Schluss kommen. Die Konsequenz, die er daraus ziehen könnte, wäre dann nicht mehr der Rücktritt, sondern die ehrliche öffentliche Debatte über die eigenen Wünsche, ihre Ursachen, und die Verfehlungen, die aus ihnen folgten. Könnte Wulff bis zum Ablauf seiner Amtszeit eine gesellschaftliche Debatte über Ausgrenzung, sozialen Aufstieg und die Schwierigkeiten der Anpassung an fremde Moralkodizes antreiben, dann wäre der Klebstoff auf seinem Stuhl nicht verschwendet.

Bisher befasst sich die Wulff-Debatte nicht hinreichend mit der Frage, welche moralischen Ansprüche genau wir an unsere Politiker eigentlich stellen sollten. Korrupt sollen sie nicht sein, aber ehrlich. Aber wie sollen sie mit ihren Freunden umgehen, und welche Regeln müssen sie im Bett beachten? Muss ihr Auftreten in der Öffentlichkeit wirklich „repräsentativ“ sein wie das Schloss eines Fürsten oder der Anzug eines Großbürgers? Oder können solcherlei Forderungen nicht offen diskutiert werden, sondern müssen den Zeitungsredaktionen zur freien Verfügung überlassen werden, damit diese aus unbewussten Vorbehalten Stimmungen evozieren können?

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2 Antworten zu “Was macht Wulff eigentlich falsch? Eine schmutzige und eine bürgerliche Antwort

  1. Rudolf Müller

    In der Causa Wulff bitte nicht nachlassen: Der Mann ist eine unerträrgliche Belastung für das Ansehen des höchsten Stattsamtes gerworden, auch wenn er (wahrscheinlich zu Recht) in seiner zynischen zur Schau getragenen Biedermeiermaske hofft, das alles aussitzen zu können. Sein korruptes, von Mittelmäßigkeit geprägtes Naturell kennt soweit den politischen Betrieb, dass er hoffen kann, im täglichen Medienbetrieb irgendwann einmal nicht mehr beachtet zu werden. Wohlfeile Reden zu Nazimorden, entsprechen inszeniert, werden Frau Merkel irgend wann wieder zu der Feststellung ermutigen, dass „der Bundespräsident noch wertvolle Arbeit“ leisten werde. Ende er Affaire.
    Man wird damit leben müssen.
    Mit freundlichen Grüßen an den wie immer kritischen ‚Spiegel‘
    Rudolf Müller

  2. Pingback: Der Wulff und seine Jäger | Erbloggtes

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