Wer Gauck im Netz ungerecht behandelt findet, sollte lesen, was man mit Schramm machen kann

Erledigte sich Georg Schramms Nominierung als Bundespräsidentschaftskandidat – und Alternative zu Joachim Gauck – inzwischen selbst durch Schramms Absage und seine Forderungen nach Abschaffung des Amtes oder Direktwahl,[1] so lässt sich doch an einer ausführlichen kritischen Auseinandersetzung mit den Alternativen Schramm und Gauck demonstrieren, wie moderat und fair die Gauck-Kritik im Netz im Allgemeinen geblieben ist:

Der Blogger findet bei Schramm genau jene Themen wieder, mit denen er sich auch sonst befasst: „das ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­sche Milieu […] Pseudo-Kapitalismuskritik, Quer­front­be­stre­bun­gen und Anti­se­mi­tis­mus.“[2] Dazu identifiziert er den Kabarettisten Schramm mit seinen Bühnenfiguren (v.a. Lothar Dombrowski, einen renitenten preußischen Rentner) und deutet deren Texte als Meinungsbekundungen Schramms. Zu was dies führen kann, lässt sich anhand der aktuellen Debatte um die Kritik von Georg Diez am Roman „Imperium“ von Christian Kracht verfolgen.[3]

Darüber hinaus stützt sich die „Reflexion“ noch auf ein Youtube-Interview mit Schramm. Einerseits wird Schramm dafür gescholten, wem er dieses Interview gegeben hat. Dazu wird ihm eine Übereinstimmung mit seinen Interviewern unterstellt. Andererseits werden Aussagen Schramms grob fehlgedeutet:

Schramm wird beispielsweise, da er angibt, Geld bei der „Anthroposophen-Bank“ GLS Gemeinschaftsbank angelegt zu haben, gleich für allen Unsinn der Anthroposophie bis hin zu Rudolf Steiner (1861-1925) in Haftung genommen, und zwar mit folgendem Argument: „Die Bank, die von Schramm bewor­ben wird, ist ein Pro­jekt sei­ner [Steiners] geis­ti­gen Nachfolger_innen.“

Auf diesem Umweg wird Schramm zum Esoteriker und Rassisten gemacht. Schramms Begründung, warum er bei der GLS Geld angelegt habe, wird dagegen ignoriert. Der hatte sich nämlich nur auf die dortige Transparenz und Kontrolle seiner Geldanlagen berufen, sowie auf den Namen und die zuletzt gestiegene Popularität der Bank in Deutschland (Interview, Minute 16).

Der Autor fasst sein Zerrbild von Schramm auf Twitter zusammen:

„Der ist schon gruselig, dieser Schramm: Ein deutschnationaler Charakter, der Esoterik, Verschwörungsideologie und Ressentiments vereint.“[4]

Eine „Verschwörungs“theorie, der Schramm tatsächlich anhängt, lautet „dass man Leute, die blöd sind, besser regieren kann, weil man sie besser bescheißen kann.“ (Interview, Minute 9) Diese Auffassung ist allerdings bei Leuten, die sich selbst nicht für blöd halten, sehr weit verbreitet.

Wenn die Interviewer Schramm auf ihre Themen ansprechen, die Schramm in der „Reflexion“ umstandslos untergeschoben werden, namentlich den 11. September, „Chemtrails“ und Bilderberg-Konferenzen, geht er nicht auf deren mögliche Verschwörungsideologien ein, sondern macht sich eher über sie lustig (Interview, Minute 20).

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