Proliferation und Propaganda: Massenvernichtungswaffen und Medien

Er dachte, so gebildet könne die Zielgruppe der Bildzeitung (auch gerne: Blödzeitung) gar nicht sein, dass man als ihr bekannt voraussetzen kann, was Proliferation meint. Dennoch benutzt der Online-Ableger Bild.de das Wort umstandslos und unerklärt in einem „37 Mio. E-Mails von Geheimdiensten überwacht“ überschriebenen Artikel mit dem Zeitstempel „25.02.2012 — 00:01 Uhr“.

Der Einsatz dieses seltenen Fremdwortes – das Wort „der“ kommt in der deutschen Sprache 131.072 mal vor, bevor einmal „Proliferation“ benutzt wird[1] – bedarf einer Erklärung: Entweder Dirk Hoeren, sonst „Bild“-Experte für Rentenlügen,[2] kannte das Wort nicht, hatte keine Zeit zum Nachschauen oder fand es einfach nur so schön kurz oder wohlklingend, dass er es nicht durch „Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen“ ersetzen wollte. Oder er wollte über die Schwerpunkte der geheimdienstlichen Tätigkeit hinwegtäuschen, die den massenhaften Scan von E-Mails auf bestimmte Schlüsselwörter nutzt.

Wahrscheinlicher ist letztgenannte Alternative. Schließlich zählt es zu den Hauptaufgaben der Bildzeitung, Angst unter ihren Lesern zu schüren. Also stellt sie Dinge, vor denen sich regelmäßige „Bild“-Leser ohnehin fürchten (sollen), als Kernbereiche der geheimdienstlichen Überwachung dar und vertuscht den eigentlichen Schwerpunkt, vor dem „Bild“-Leser ja eben keine Angst haben (sollen).

  • Dinge, vor denen die Zeitung ihre Leser das Fürchten lehren will, sind: Terrorismus und Ausländer – und besonders: Ausländerterrorismus.
  • Dinge, vor denen die Zeitung ihre Leser in Sicherheit wiegen will, sind: Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen – außer an muslimische Staaten, schließlich, so „Bild“-Logik, sind das vor allem Terroristen, Ausländer und Ausländerterroristen.

Deshalb suchen deutsche Geheimdienste laut „Bild“ in 37 Millionen E-Mails nach Anzeichen für Terrorismus und Schleuserbanden. Und nach Waffenschiebern, den Terroristen und Schleuserbanden brauchen Waffen, um ihren Job zu machen, zum Beispiel eine Ceska, Kaliber 7.65, so wie die Neonazi-Terrorzelle.[3]

Das ist – natürlich – alles Unsinn. Deutsche Geheimdienste suchen vor allem nach Hinweisen auf die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen. Sie suchen, wie selbst „Bild“ zugibt, nach Begriffen wie „Bombe, Atom, Rakete“ – und das viel stärker als nach Wörtern, die mit illegalen Grenzübertritten oder Terrorismus zu tun haben. Das ist ja auch gar nicht dumm. Wenn Terroristen illegale Grenzübertritte organisieren, um Massenvernichtungswaffen nach Deutschland (oder anderswohin) zu schaffen – was wirklich schlimme Bedrohungsszenarien ergibt – dann fällt das ja schon deshalb, wenn überhaupt, auf, weil es in E-Mails um Dinge im Zusammenhang mit Massenvernichtungswaffen geht.

Zentrale Text-Passage des Bild-Artikels

Screenshot von Bild.de, rote Markierungen von Erbloggtes

Proliferation, das mindestens 32 mal unbekannter ist als Massenvernichtungswaffen,[4] kann noch vieles anderes bedeuten, zum Beispiel in der Biologie, in der Wirtschaft oder in der Medizin. Selbst im Waffen-Kontext wird es heute auch für die Verbreitung von Kleinwaffen verwendet. Aber wie die typischen Begriffe „Bombe, Atom, Rakete“ anzeigen, geht es den Geheimdiensten in erster Linie um atomare, biologische und chemische Waffensysteme (ABC-Waffen).

Man kann „Bild“ ohne weiteres unterstellen, dass sie für die Proliferation von ABC-Waffen an NATO-Staaten und andere „Verbündete“ sind – und deshalb nicht erklären, was Proliferation bedeutet. Traditionell sind solche Staaten für die Springer-Presse „Nachwuchs“ in „unserer“ Schlachtordnung. „Nachwuchs“ ist übrigens auch die Übersetzung des Wortursprungs aus dem lateinischen proles. Das findet sich ebenso im Proletarier, weil dieser – zur Zeit der Wortschöpfung proletarius – nur seinen „Nachwuchs“ zum Staatswesen beitrug.

So ist das mit der Bildzeitung: Gegen Nachwuchs hat sie nur etwas, wenn die falschen Leute ihn haben.

Und das Schlimme ist: Wenn Agenturen und andere, angeblich seriösere Medien als „Bild“ dann den „Bild“-Bericht verwursten, dann gehen sie genau in die Richtung, die „Bild“ ihnen vorgekaut hat und spitzen sie noch zu: Bei AFP kommt Proliferation nicht vor, mit dem Suchwortbeispiel „Bombe“ suggerieren sie eine terroristische Ausrichtung.[5] Welt Online geht noch weiter, spricht in der Bildunterschrift nur von „Terroristen oder Schleuserbanden“ und überschreibt den Artikel als „Kampf gegen Terror“.[6] Und selbst in den Nachrichten des Deutschlandradio kommt nur das Suchwort „Bombe“ und der Verweis auf illegale Schleusung vor.[7]

Die haben das Wort Proliferation offenbar nicht verstanden und deshalb einfach weggelassen. Kann ja nicht wichtig sein.

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3 Antworten zu “Proliferation und Propaganda: Massenvernichtungswaffen und Medien

  1. Schöne Grüße an die Jungs von der Truppe (BfV, BND, MAD), die in diesem Artikel ein wahres Feuerwerk an verdächtigen Schlagwörtern finden!

  2. Pingback: blog.rhein-zeitung.de » Blog Archive » Wie viel ist viel? Geheimdienste erfassen nur 37 Millionen E-Mails

  3. Unbedingt dies lesen:
    Hadmut Danisch: Die Geheimdienste überwachten 2010 37 Millionen E-Mails und Datenverbindungen. In: danisch.de, 26. Februar 2012.

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