Der Impact des Impact Factor

Erlesenes aus Science darf der FAZ-Wirtschaftsredakteur im FAZ-Feuilleton vortragen, wenn er die Manipulationsmöglichkeiten des „Impact Factor“ bespricht:

Inhaltlich interessant, ist es doch schon bemerkenswert, wenn ein als Wirtschaftshistoriker promovierter Journalist gerade diejenigen quantitativen Maßstäbe kritisiert, die in „empirischen“ Wissenschaften so hoch geschätzt werden. „Betriebswirtschaft, aber auch Soziologie, Psychologie und Ökonomie“ sind demnach die Kernfächer der Manipulation von früher als quantitativ-objektiv angesehenen Maßstäben für wissenschaftliche Leistung.

Es ist kein Zufall, dass Zeitschriften solcher Fächer zu illegitimen Methoden greifen, um ihren Status aufzuwerten. Denn das Ansehen dieser Disziplinen an den Universitäten ist nicht allzu hoch, so dass sie Nachteile im Kampf um die letzten Fleischtöpfe hinnehmen müssen. Angesichts von bis zur Professorenbesoldung gehenden Einsparwünschen der Universitätsträger – denen zuletzt das Bundesverfassungsgericht einen Riegel vorschieben musste[1] – ist der Betrug der Sozialwissenschaftler wohl als Hilferuf in einem asymmetrischen Verteilungskampf mit den Naturwissenschaften zu verstehen.

Moralisierende Aufrufe zum Widerstand gegen illegitime Wissenschaftspraktiken – wie Plickert sie vorträgt – sind ebenso erfolgversprechend wie der Versuch, Promotionsbetrug durch die Förderung des Vertrauens zwischen Betreuer und Doktorand beizukommen.[2] Die Impact-Factor-Manipulation führt in den Kern des Systems. Nur dort ist sie zu bekämpfen. Dazu gehört auch allgemeine Kritik an Fachzeitschriften und ihrer Macht.[3] Beispielsweise hat Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, kämpft mit radikalen Ideen gegen den institutionellen Ballast von Jahrtausenden und hat eine Open-Access-Zeitschrift gegründet, die mit einem transparenten Peer-Review-Verfahren punkten soll.[4] Allerdings freut sich auch Snower über zweischneidige „große Fortschritte“ seiner Zeitschrift:

„‚Economics‘ ist seit diesem Jahr im Social Science Citation Index und bekommt einen Impact-Faktor. Ich bin sicher, dass danach die Zahl der Einreichungen deutlich steigen wird.“[4]

Jeremy B. A. Green vom King’s College London schlug der führenden Zeitschrift Science, die mit einer am 3. Februar 2012 veröffentlichten Studie (Vol. 335, No. 6068, S. 542f.) auch die jüngste Kritik am Impact Factor stimuliert hatte, schon am 5. Dezember 2008 (Vol. 322, No. 5907 S. 1463) in einem veröffentlichten Brief vor, doch auch mal etwas zu unternehmen, beispielsweise durch die Verabschiedung folgender Grundsätze:

“numerical factors applied to journals should not be used to evaluate individuals” [oder] “numerical journal factors should never be quoted without disclaimers explaining that they include falsified papers.”

Dass das nicht geschieht – geschenkt. Tatsächlich entwickelt sich derweil eine regelrechte Impact-Factor-Industrie. Die Quantität von Äußerlichkeiten scheint im Wissenschaftsbetrieb vielfach einen größeren Stellenwert zu haben als die Qualität von Inhalten. Das ist der Boden, auf dem Blender gedeihen. Übrigens merkt man schon, dass Journalist Plickert fachfremd wildert: Um Bruno Frey den sogenannten Matthäus-Effekt zuzuschreiben, muss man es schon versäumen, den in der Wissenschaftsforschung bekannten Terminus in der Wikipedia nachzuschlagen.

Mehr über die neue Science-Studie zur Manipulationsanfälligkeit des Impact Factor weiß:

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