Wissenschaftsgeschichte: Außenansicht

Er stellte sich vor, man könnte sich doch mal ganz dumm stellen, um sich vorzustellen und zu beschreiben, wie Wissenschaft von außen betrachtet ausgesehen haben dürfte. Beispiel heute:

Historiker in den 1950er Jahren

Männer fortgeschrittenen Alters betreten in ordentlichen Anzügen alte Gebäude mit langen Fluren. Sie setzen sich in kleine Räume, deren Wände hinter überfüllten Bücherregalen verborgen sind und beugen sich die meiste Zeit über weitere Bücher, die sich auf ihren Schreibtischen stapeln.

Manchmal schreiben die Männer auf Papier, mal mit Füllfederhaltern, mal mit Schreibmaschinen. Dabei blicken sie oft von Büchern zum gerade beschriebenen Papier und zurück.

Manchmal gehen die Männer in andere, bunkerartige Gebäude und setzen sich in mittelgroßen Sälen an Tische, auf denen Kartons und Bündel voller Papier liegen. Dort beugen sie sich stundenlang über die behutsam aus Kartons und Bündeln genommenen Papiere und schreiben mit Füllfederhaltern auf mitgebrachtes Papier.

Manchmal gehen die Männer auch in große Säle, in denen zahlreiche jüngere Männer sitzen und mit Füllfederhaltern auf mitgebrachtes Papier schreiben, während die alten Männer an einem Pult stehen und aus den maschinen- oder handbeschriebenen Papieren vorlesen, die vor ihnen liegen.

Manchmal sitzen die Männer auch mit anderen, ähnlich aussehenden Männern fortgeschrittenen Alters in kleineren Räumen und sprechen miteinander. Nach einer solchen Begebenheit kann es vorkommen, dass bald darauf ein neuer Mann nicht ganz so fortgeschrittenen Alters in einem ordentlichen Anzug ein altes Gebäude mit langen Fluren betritt und sich in einen kleinen Raum setzt, wo er sich über ein Buch beugt.

Benennung der beschriebenen Phänomene

  1. Lektüre von Forschungsliteratur und gedruckten Quellen
  2. Textproduktion von Entwürfen und Manuskripten
  3. Archivrecherchen und Quellenexzerpte
  4. Lehrbetrieb in Vorlesungsform
  5. Kooptation durch Berufungskommissionen

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2 Antworten zu “Wissenschaftsgeschichte: Außenansicht

  1. Da sehe ich nirgends Wissenschaft am Werk. Dumm rumsitzen kann jeder.

  2. Ja, Wissenschaft lässt sich aus dieser Außenperspektive nicht vom Dumm-Rumsitzen unterscheiden.
    Überhaupt lässt sich Wissenschaft nur aus einer sehr begrenzten Binnensicht unterscheiden von ähnlichen Praktiken wie Esoterik (vgl. völkische „Wissenschaft“), Mythologie (vgl. Dialektik der Aufklärung) oder göttlicher Eingebung (vgl. Meditationes).
    Was wir für Wissenschaft halten und was für Dumm-Rumsitzen, das ist sehr zeitbedingt. Wenn man versucht, den Wissenschaftsbegriff zu historisieren (& relativieren), dann kann man statt von Wissenschaftsgeschichte von Wissensgeschichte sprechen. Und wenn man dann weiter historisieren (& relativieren) will, dann kann man „Wissen“ ohne Wahrheitskriterium definieren.
    Normativ bringt das nicht weit voran. Aber epistemisch sind das nützliche Mittel.

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