Über Trolle – und transnationale Öffentlichkeiten

Erlesene Stücke aus den englischsprachigen Medien The Guardian und The Observer übersetzt die Wochenzeitung der Freitag gern ins Deutsche, zum Beispiel:

Geary erzählt von ihrem Erstaunen, als sie „ihren Troll“ traf und verstand. Über Trolle berichtet dieser Text jedoch gar nicht. Das macht Geary, und zwar lesenswert. Hier geht es um die Form:

Die Übersetzung von Gearys Guardian-Blog-Artikel durch Holger Hutt ist wie gewohnt gut lesbar. Was diesem Textformat „Übersetzung und Zweitverwertung“ schmerzhaft fehlt, sind aber Angaben zum ursprünglichen Erscheinungsort. Dass solche Hinweise den Leser abschrecken könnten, weil es ja um Themen aus anglophonen Ländern gehe, kann der Freitag nicht ernsthaft annehmen. Sonst würde er diese Themen nicht als für das Freitag-Publikum relevant auswählen. Auch dass der typische Leser kein Bedürfnis nach der Information hätte, wann und wo ein Text denn zuerst erschienen sei, kann man in der Freitag-Redaktion doch nicht denken. Richtet man sich dort nicht an gewöhnlich gut informierte, oft akademisch gebildete Kreise, die es gewohnt sind, Informationen anhand ihrer Quellen zu bewerten?

Wo ein Artikel zuerst veröffentlicht wurde, wann das war, wer der Autor ist und – muss man das noch dazusagen? – ein Link auf die ursprünglich(st)e Online-Präsenz: Dies sind wichtige Angaben, die mit wenig Platz und Mühe den Wert eines Artikels beträchtlich vergrößern.

Ohne diese Quellenangaben handelt es sich bei den übersetzten Texten im Freitag um eine simulierte Öffentlichkeit, um die Illusion, dass bestimmte Diskurse auch in deutschsprachigen Medien stattfänden. Mit Quellenangabe könnte dieser Ansatz des Freitags aber auch ein Schritt zu einer wirklich transnationalen Öffentlichkeit sein – über Sprachgrenzen hinweg. Der Guardian hat mit The Guardian Weekly schon 1919 erste Gehversuche in dieser Richtung unternommen. Die globale Wochenzeitung enthält etwa Übersetzungen aus Le Monde und Materialien für Englischlerner.

Der ursprüngliche Internationalismus der Arbeiterbewegung scheiterte 1914 am Vorherrschen nationaler Perspektiven. 100 Jahre später gibt es die Chance, durch eine transnationale Öffentlichkeit einen wichtigen Schritt zur Überwindung dieses Problems zu gehen – gestützt von den Realitäten der Globalisierung und den Chancen des Internets. Dazu sollte der Freitag gerne seine internationalen Kooperationen ausweiten, auch in Russland und Brasilien gibt es wohl übersetzenswerte Artikel. Jedenfalls aber sollte er seine Quellen offenlegen.

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