60 Jahre Bildzeitung – Zeit für neue Medienkritik

Erscheint es als gemeingefährlicher Triebtäter oder als autopoietisches System – das Blatt, bei dem Günter Wallraff Hans Esser war? Wallraff meint, dass eine Angleichungstendenz zwischen der Bildzeitung und anderen Medien erkennbar ist, so dass die Bildzeitung heute auch deshalb als weniger schlimm empfunden wird, weil die Qualitätsmesslatte des Journalismus deutlich niedriger hängt. Damit erklärt er auch den rasanten Niedergang der Auflagenzahlen.

Auflagenentwicklung 1998-2012

Auflagenentwicklung 1998-2012

Das wichtigste Thema rund um die Zeitung und ihr 60. Erscheinungsjahr ist die Rolle in der Wulff-Affäre. Zuletzt mündete dies in die Ablehnung des Henri-Nannen-Preises durch SZ-Journalisten um Hans Leyendecker – die Qualitätsjournalisten wollten nicht gleichzeitig mit den Leuten vom bösen Stiefbruder ausgezeichnet werden. Bei bestehenden Angleichungstendenzen kommt der demonstrativen Abgrenzung neue Bedeutung zu. Wallraff zum Bild-Geburtstag:

„Ja, die Boulevardisierung, Personalisierung bis zur Hysterisierung, und wenn ‚Bild‘ dann das Feindbild einmal schafft, dann hechelt alles hinterher, dann möchte jeder als Erster den Fangschuss geben. Und wenn dann noch der ‚Spiegel‘ mit einsteigt, dann kann es eine gnadenlose Jagd werden. Also das sehe ich schon auch, aber ‚Bild‘ erübrigt sich vielleicht aus anderem Grund: Diese Sensationsbedürfnisse und diese, ja, niederen Instinkte, die da bedient werden, das geschieht zum Teil auch heute doch kostenlos übers Internet, und auch die Gerüchteküche, die Wahnwelten, die da aufgebaut werden, oder auch durch bestimmte Boulevardsendungen im Fernsehen.“[1]

Die Anti-Wulff-Koalition hieß hier schon eine Woche vor der Mailbox-Kampagnes des Blattes: „Bild, Erzkatholiken, Rechtspopulisten und Islamophobe, Verschwörungstheoretiker und Rotlicht-Rauner. Alle anderen machen nur mit“.[2] Doch nach Wallraffs Analyse machte vielleicht auch die Bildzeitung nur mit, gehörte bloß zum System, das in Boulevardisierung, Personalisierung und Hysterisierung einer bestimmten Bedürfnislage in der modernen Massengesellschaft nachkommt. Diese Bedürfnislage artikuliert sich am direktesten im Internet; insofern ist auch dem FAZ-Feuilletonisten Claudius Seidl zu widersprechen, der zum Bildzeitungs-Geburtstag meinte, die Bildzeitungs-Redaktion rekonstruiere täglich das, was sie für die Meinung ihrer Leserschaft halte, und diese Lesermeinung werde wiederum „wesentlich durch die Lektüre der ‚Bild‘ bestimmt“.[3]

Seidls Ansatz, die Zeitung nicht als Manipulationsapparat zu betrachten, sondern als Wirtschaftsunternehmen, das (vor allem) nach Profit strebe, ist sehr sinnvoll. Die bürgerliche Bildzeitungs-Kritik beruht in weiten Teilen auf einer Habitusdifferenz zwischen bürgerlichen Schichten, die sich für etwas Besseres halten, und der subproletarischen Bildzeitungs-Zielgruppe. Für Seidl ist es ein feiner Unterschied des Geschmacks, kombiniert mit einem bürgerlichen Selbstbild vom „Volk“:

„Dass ‚Bild‘ so häufig missverstanden wird, liegt wohl daran, dass man, als bürgerlicher Mensch, mit Manieren, Geschmack, einem Sinn für Diskretion, die Zeitung intuitiv verabscheut, weil sie genau diese Werte leugnet und verhöhnt. Weil man aber zugleich vom Volk nichts Schlechtes denken will, kann man sich das Verhältnis zwischen ‚Bild‘ und den Lesern nur als Verblendungs- und Verblödungszusammenhang, als Hetze, Manipulation und Meinungsmache vorstellen.“[3]

Übertrieben erscheint es jedoch, mit Seidl die Bildzeitungs-Inhalte als reine „Hölle der Selbstreferenz“ zu beschreiben. Dass die Bildzeitung sich stets nur auf ein Bildzeitungs-Weltbild beziehe, ist wiederum Seidls Bedürfnis nach demonstrativer Abgrenzung geschuldet. Denn auch die FAZ gehört zum Referenzrahmen, in dem eine Angleichungstendenz zwischen der Bildzeitung und anderen Medien feststellbar ist. Nur hat die FAZ eine andere Zielgruppe, eine mit „Manieren, Geschmack, einem Sinn für Diskretion“ und womit der Bildungsbürger von heute sich sonst noch von der „Masse“ abzuheben gedenkt.

Das Watchblog Bildblog reagierte auf die Angleichungstendenzen der Bildzeitung mit anderen kommerziellen Medien, indem es seine Tätigkeit im April 2009 als „Bildblog für alle“ auf den deutschsprachigen Medienmarkt ausdehnte. Seitdem ist augenfällig, dass der Unterschied zwischen der Bildzeitung und anderen Medien vor allem ein gradueller ist: In Bildblog-Artikeln gemessen, die sich mit einem Medium befassen, steht heute die Bildzeitung (547 Artikel) zwar ganz vorne, aber die „Bild am Sonntag“ liegt mit 41 Artikeln noch hinter Spiegel Online (83) und der Nachrichtenagentur dpa (67); die Online-Präsenz des Kölner Stadt-Anzeigers, ksta.de, mit 6 Artikeln noch hinter taz.de (7) und weit hinter sueddeutsche.de (31). Wer in der Medienauflistung nicht vorkommt, ist nicht etwa besser als andere, sondern für das Label „Journalismus“ einfach irrelevant.

Die Angleichungstendenzen sind Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen. Deshalb ist Medienkritik ohne Gesellschaftstheorie blind. Über die Bildzeitung und ihren 60. Geburtstag kann man gar nicht anders schreiben als abfällig, wenn man sich einem anderen Medium (Konzern, Milieu) zuordnet und kein analytisches Interesse mitbringt.[4][5][6][7] Bei der Bildzeitung ist diese Abgrenzungsdemonstration wohlfeil – und selbst Ausdruck allgemeiner Angleichung in Richtung auf Boulevardisierung, Personalisierung, Hysterisierung. Theoriefreie Medienkritik droht sich dabei zwischen Unterhaltung und externem Lektorat aufzulösen.

Medienjournalisten täten daher gut daran, nicht als Teil des Systems über das System berichten zu wollen. Denn damit verdoppeln sie lediglich die Medienwirklichkeit. Eine Alternative – und ein archimedischer Punkt – könnte stattdessen die sozialwissenschaftliche Medienforschung bieten, die in den letzten 100 Jahren einige wichtige Einsichten hervorgebracht hat. Da könnte moderne Medienkritik ansetzen, um vernünftig auf die Erkenntnis zu reagieren, dass der Zustand der Medienlandschaft vorwiegend nicht von den persönlichen Unzulänglichkeiten der Medienmacher herrührt, sondern systembedingt ist. Ändern lässt sich daran nichts durch Optimierung und Rationalisierung. Welche Medien gesellschaftlich benötigt werden, ist vielmehr eine eminent politische Frage.

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Eine Antwort zu “60 Jahre Bildzeitung – Zeit für neue Medienkritik

  1. Rumpelstilzchen1812

    Bin noch an etwas Oberflächlichem hängengeblieben: Wenn ich die Grafik zur verkauften Auflage richtig lese, dann hat auch ein Chefredakteur und Gesamtherausgeber Kai Diekmann den Niedergang um etwa 1 Million nicht verhindern können. Welcher Chefredakteur eines anderen Mediums hat sowas schon mal ‚überlebt‘?

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