Staatssportmedien reduzieren Kritik durch Reduzierung der Kritiker

Er bloggte sehr gern eine Solidaritätsadresse für Jens Weinreich, den Journalisten, den Deutschlandradio/Deutschlandfunk (DLF) rauswarf, weil er die Abart von Sportjournalismus kritisiert hatte, die auch der DLF gern betreibt. Hintergrund:

Die Kombination der verlinkten und zitierten Texte lässt eine schlüssige Rekonstruktion des tatsächlichen Geschehens in der Causa Weinreich weitestgehend zu, da beide Konfliktparteien zu Wort gekommen sind und sich bei der Schilderung des Ereignisablaufes nicht widersprochen haben. Der einzige Widerspruch des DLF gegen die Schilderung Weinreichs lautet nur pauschal, man weise die Vorwürfe zurück, und Weinreich sei selbst schuld daran, wie man mit ihm umgehe. Von Weinreichs Tatsachenbehauptungen bestreitet man dort offenbar keine.

Unter der Voraussetzung, dass die von Weinreich geschilderte Kausalbeziehung zwischen seinem Beitrag vom 6. März 2012 und der Einforderung einer „Ergebenheitsadresse“[1] korrekt ist, kann auch jeder selbst das Maß an Kritik, vermeintlicher Verunglimpfung, Kompetenzinfragestellung und Redaktionsfriedenbedrohung einschätzen, das der DLF zur Begründung des Rauswurfs herangezogen hat. Dabei stellt sich allerdings die Frage: Ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk so hierarchisch-selbstherr(schaft)lich organisiert, dass man dort einfach so (selbst)kritische Journalisten, deren herausragende Kompetenz unbestritten bleibt, feuern kann? Das kann man von einem Provinzblättchen erwarten, wenn etwas dem Chefredakteur nicht passt, oder von anderen Käseblättern, wenn jemand Friede Springer auf die Füße tritt.

Keine Solidaritätsadresse

Dieser Beitrag hat aber dann doch nicht das Zeug zur Solidaritätsadresse. Denn wenn Weinreichs Analysen des Systems von „Sport“, „Politik“ und „Journalismus“ (jeweils in nichtidealer, defizitärer Form) korrekt sind (Stichwort: letztlich nichts anderes als Marketing), dann ist kritischer „Sport“/“Politik“-Journalismus à la Weinreich in diesem System hochgradig dysfunktional. Niemand in der großen Marketingagentur namens „Sport“, „Politik“ & „Journalismus“ will, dass Weinreich als Mitarbeiter die Werbestrategie untergräbt und stattdessen eigene Kampagnen für Transparenz, Demokratie oder Rechtsstaatlichkeit fährt.

So weit so gut. Nun kann man sagen, jeder der statt der Dauerwerbesendung „Sport“ (mit „Politik“ und „Journalismus“) lieber Transparenz, Demokratie oder Rechtsstaatlichkeit wünscht, sollte in Weinreichs Blog regelmäßig spenden, flattern oder sonstwie einen Beitrag leisten, damit es auch noch kritischen Sportjournalismus (ohne Anführungszeichen, da in annähernd idealer, nichtdefizitärer Form) geben kann, wenn der DLF aus der Finanzierung aussteigt und sich lieber auf die besagte Marketingstrategie konzentriert. (Das darf man durchaus als Aufforderung verstehen.)

Aber: Wenn der ganze Komplex Marketing ist, dann berichtet der kritische Journalismus kritisch über Marketing. Das ist so ähnlich, als ob man täglich kritisch über TV-Werbespots berichten würde: Dass die lügen und einem was vorgaukeln, das weiß man vorher schon, das ist ja der Sinn des Ganzen, und so würde sich auch der Typ von der Werbeagentur verteidigen, wenn er mal ein ehrliches Interview gäbe. Es ist also weitgehend sinnlos, kritischen Journalismus über Marketing zu machen. Aber besser als unkritischer Journalismus über Marketing ist es allemal. Der wäre nämlich nur Marketing², etwa so wie das TV-Format „Die witzigsten Werbespots der Welt“.

Was ist die Alternative? Nicht mitmachen.

Wenn „Sport“, „Politik“ und „Journalismus“ nur Marketing sind, dann besitzt der ganze Komplex auch keine gesellschaftliche Relevanz, die journalistische Berichterstattung erfordern würde. Gut, man ist es gewohnt, dass Sportjournalismus, Politikjournalismus und Medienjournalismus existieren (ebenso wie das Feuilleton). Das heißt aber nicht, dass es auch so bleiben sollte. In Zukunft könnte es völlig in Ordnung sein, wenn das IOC/die FIFA/der Bundestag ihre Werbesendungen selbst organisieren und finanzieren. Ach, das tun sie ja schon, man nennt es Host-Broadcasting-Produktion/Olympic Broadcasting Services/Parlamentsfernsehen. Wenn das alles nur Werbesendungen sind, dann reicht es als journalistische Abdeckung völlig aus, wenn Fans in Online-Radiosendern Live-Kommentare senden und ein paar Blogger in ihrer Freizeit kritische Beobachungen mitteilen. Das spart Milliarden, die volkswirtschaftlich in andere Güter fließen können, etwa Ökostrom, damit das Internet auch morgen noch funktioniert.

Für Jens Weinreich ist das eine missliche Situation. Jahrzehntelang hat er sich Kompetenzen im nichtdefizitären Sportjournalismus angeeignet und davon vermutlich mehr schlecht als recht seinen Lebensunterhalt bestritten. Und nun soll er sich entweder den Marketingfuzzies andienen und Lobgesänge auf IOC, Sportausschuss und Sportjournalismus produzieren, oder er soll den gesamten Sportsektor verlassen und stempeln gehen? Das ist zynisch und nicht fair, entspricht aber dem kapitalistischen Grundsatz, dass wer die Musik bezahlt, bestimmt was sie spielt. Und wer bezahlt die Musik des Sportsektors? Ohne eingehende Marktanalysen lässt sich doch annehmen, dass 1. die Werbeindustrie, 2. der Staat und 3. die Medienkonzerne für die Umsätze im Leistungssport und seinem Umfeld sorgen. Letztlich bezahlt natürlich immer der Verbraucher und Bürger die Zeche, aber der übt in der Regel keinen Druck auf das System aus und wird wohl nicht für Weinreichs Wiedereinstellung sorgen (auch wenn das durchaus einen Versuch wert wäre).

No Future

Bei genauer Beobachtung ist der Fall Weinreich aber auch ein Anzeichen dafür, wohin die Reise im gesamten sogenannten Journalismus geht. Die sogenannten Kunden (Leser/Zuschauer/Hörer) waren vielleicht im 18. und 19. Jahrhundert noch finanzkräftig genug, um die damalige Medienlandschaft zu finanzieren. Das große Kapital liegt aber heute nicht mehr bei sich autonom fühlenden bürgerlichen Privatleuten, die die Zeitung zur Mündigkeit brauchten. Das große Kapital liegt heute an der Börse, und das bedeutet, dass sich Werbeindustrie, Medienindustrie und Industrie entsprechend der börslichen Regeln zusammentun. Und dazu gehört nicht die Finanzierung einer kritischen Öffentlichkeit, höchstens die von Dauerwerbesendungen. Der Staat, auf den man in dieser Hinsicht manchmal gesetzt hat, kann mit seinem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nur so lange ein Alternativangebot machen, wie sich seine eigenen werblichen Interessen nicht mit denen der Industrien vermischen.

Und dass Leistungssport, in dem der Bundesinnenminister die Musik bezahlt und bestimmt, welche Sportart sie spielt, nicht von industriellen wie staatlichen Werbeinteressen durchsetzt ist, das kann niemand glauben, der schon mal einen Medaillenspiegel gesehen hat: Werbung für die große Nation, die gefälligst „vorne mitmischen soll“ (DOSB-Generaldirektor Michael Vesper). Wer sich beim System Plansport an die DDR erinnert fühlt, liegt ganz richtig. Der Bedarf des Staates an Legitimation ist ja 1990 nicht plötzlich verschwunden. Und wer da nicht mitmachen will, für den ist kein Platz an den Futtertrögen des DLF.

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Eine Antwort zu “Staatssportmedien reduzieren Kritik durch Reduzierung der Kritiker

  1. Die Staatssportmedien haben in der Privatmedienlandschaft Konkurrenz von rechts: Nicht die Bundesrepublik soll dabei vorne mitmischen, sondern die wahrhaft große Nation EU, meint Die Welt: „Vergesst China! Europa ist die Sport-Weltmacht“. Alan „Milchmädchen“ Posener rechnet vor, die EU habe von den Goldmedaillen „70 gewonnen, das sind so viele wie China (36) und die USA (34) zusammen“. Ui, na da hat sie „uns“ ja einen Platz an der Sonne gesichert.[1]
    Es gibt da noch ein paar Vorschläge, wie man das Ergebnis der EU noch verbessern kann, so dass es großartiger ist als das von USA, China UND Japan zusammen: Kroatien tritt der EU ohnehin zum 1. Juli 2013 bei (+2 Gold). Mit der Türkei werden beschleunigte Beitrittsverhandlungen geführt, denn Pressefreiheit ist kein Problem mehr (+2 Gold). Und in die Schweiz können „wir“ doch einfach einmarschieren (+2 Gold). Und wenn Weißrussland (+3 Gold) und die Ukraine (+3 Gold) auch mitmachen wollen, dann kann uns keiner mehr was. Heute gehört uns die EU, und morgen die ganze Welt.

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