Deutschsprachige Qualitätspresse, Gerüchte und Suchmaschinenoptimierung

Erstaunt es zumindest ein bisschen, dass Ex-Präsidentengattin Bettina Wulff ein halbes Jahr nach Ende der Wulff-Affäre ein Buch und ein Hörbuch herausbringen will, so muss als das eigentlich erstaunliche Phänomen der Medienhype gelten, der entstand. Genauer gesagt: der Medienhype, der darum gemacht wird.

Seit einiger Zeit ist bekannt, dass das Buch noch in diesem Jahr erscheinen soll, Investigativjournalist Hans Leyendecker deckte nun auf: Noch im September kommt es heraus. Um dieses brandneue Rechercheergebnis herum hat er eine ganze Seite (und mehr) in der SZ vollgeschrieben:

  • Hans Leyendecker, Ralf Wiegand: Notruf. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 208, 8./9. September 2012, S. 3 (NB: Es geht also auch ohne Leistungsschutzrecht, keine Zeitung wird gezwungen, ihre Qualitätsprodukte im Internet kostenlos anzubieten).
Werbung für das neue Buch von Bettina Wulff und Nicole Maibaum

Jenseits des Protokolls oder Meine Sicht der Dinge – ein Buch, (mindestens) zwei mögliche Titel

Unklar ist offenbar noch, wie das Buch heißen wird. Beworben wird es sowohl als „Meine Sicht der Dinge“ als auch unter dem Titel „Jenseits des Protokolls“. Leyendecker legt sich da nicht fest, was für seine gute Informiertheit spricht. Er berichtet über Gerüchte und über Berichterstattung über Gerüchte. Gemeint sind Gerüchte über Bettina Wulff, die nach Leyendeckers Darstellung (und wie in Erbloggtes schon früher nachzulesen) in der niedersächsischen CDU gestreut und verbreitet wurden, bis sie im Zuge der Wulff-Affäre am 18. Dezember 2011 in die TV-Talkshow „Günther Jauch“ reichten. (Erbloggtes hat sich damals auch dazu so seine Gedanken gemacht, von denen die meisten nun in Leyendeckers Überlegungen wieder auftauchen.) Gegen Jauch geht Wulff nun ebenso juristisch vor wie gegen Google, das durch seine Autocomplete-Funktion bereits ab Eingabe des Namensbeginns „Be“ entsprechende Vorschläge macht.

Leyendecker und Wiegand betreiben zugleich dasselbe Geschäft, das sie ausführlich anprangern: Sie verbreiten Gerüchte. Die konkreteste Angabe über den Ursprung der Rotlichtgerüchte lautet:

„Ehemalige Mitglieder des Kabinetts Wulff, solche, die vielleicht selbst gerne seine Nachfolge angetreten hätten als Ministerpräsident und solche, die unter seiner Regentschaft ihren Einfluss verloren hatten, stichelten gegen Bettina Wulff.“

Sie bleiben im Ungefähren, nicht nachprüfbar, nicht juristisch angreifbar. Konkreter werden sie, wenn es um die Online-Verbreitungswege des Gerüchts geht. Als Reportage aus einer Gerüchteküche legten sie ihr Stück an, besuchten einen 88-jährigen Klimaleugner, und seine 71-jährige Quelle, eine FDP-Politikerin und Klimaleugnerin mit Kontakten zur Niedersachsen-CDU, von wo sie erstmals das Rotlichtgerücht gehört haben will. Es sind billige Opfer, die sich die Investigativreporter da ausgesucht haben. Hinzu kommen Internetportale, bei denen man sich bereits auf den ersten Blick fragen muss, ob es wohl Menschen gibt, die so gutgläubig sind, dass sie dort Verbreitetem Glauben schenken.

Vermutlich gibt es unter bestimmten Bedingungen solche Menschen. Wie das funktioniert, erklären der Tübinger Medienwissenschafts-Professor Bernhard Pörksen und seine Mitarbeiterin Hanne Detel in einem ganz anderen Kontext:

„Die Konstellation, die das Gerücht zum Mem explodieren lässt, besitzt also die Note einer besonderen Konflikthaltigkeit und verweist auf das archetypisch vertraute Schema direkter Konfrontation: Gut gegen Böse, Schwarz gegen Weiß. Stets präsentiert man Zeugen. Stets suggeriert man Überprüfbarkeit durch die Nennung von Quellen. Stets stellt man die Fiktion des Faktischen her, indem man einzelne Details und einzelne Namen erwähnt, die den Kerninhalt des Gesagten eigentlich nicht berühren, die aber doch die Aura des Authentischen garantieren sollen.“[1]

Genau das tut auch Leyendecker, nur mit gegensätzlichen Vorzeichen: Er suggeriert die Überprüfbarkeit seiner Geschichte, in der Klimaleugner und Präsidentengattinnengerüchteverbreiter böse, Präsidentengattinnen hingegen gut sind. Vermutlich soll ihn diese klare Positionierung davor schützen, von Bettina Wulff ebenso verklagt zu werden wie die anderen Rotlichtgerüchteverbreiter. Die Aura des Authentischen wird erzeugt, ohne den Kern zu berühren: Die In-Umlauf-Setzung von Rotlichtgerüchten durch Wulffs Parteifreunde. Wer das wann, wie und warum war, Leyendecker sagt es nicht, vielleicht weiß er es nicht. Vielleicht stimmt es nicht einmal.

Glauben schenken kann man Leyendecker, wenn man seine Story als Mem gelten lässt. Der einzige Unterschied zwischen den Parteifreundgerüchten und den Rotlichtgerüchten ist, dass bei letzteren eine konkrete Person bezeichnet wird, bei ersteren nicht. Juristisch ist das ein unschätzbarer Vorteil.

Wie geht nun die Medienlandschaft mit der vorhersehbaren (und vorhergeplanten) Aufregung um? Zeit online muss unter der Masse der Berichte und Kommentare (ausgewählte Links unten), die angesichts leistungsschutzrechtlicher Anspruchswünsche der Verlage nicht mehr knapp zu würdigen sind, als markantes Beispiel herhalten. Ragnar Vogt titelt für die Zeitung: „Google beharrt auf ‚Bettina Wulff Escort'“.[2] Im Artikel wird noch zweimal „Bettina Wulff Escort“ geschrieben, außerdem weitere Suchwortkombinationen, die Wulff wohl gern unterdrückt sähe.

Das kann man konsequente Suchmaschinenoptimierung nennen. Mit Erfolg: Heute ist jener Artikel ganz oben in Googles Trefferliste zu genau dieser Suchwortkombination (mit Anführungszeichen). Damit übertrifft er die einschlägigen (vielleicht auch von Klimaleugnern stammenden) Verleumdungsblogs, die monatelangen Vorsprung bei dieser Kombination haben. Bravo, Zeit online! Bis Google die Autovervollständigung mit dieser Wortkombination untersagt wird, ist die Zeitung nun ganz oben mit dabei bei den Seitenaufrufen zu Bettina Wulff.

Was Pörksen und Detel anhand der Skandalgerüchte um Tiger Woods vorexerziert haben, lässt sich umstandslos auf den Fall Wulff übertragen:

„Die allmähliche Entfesselung der Gerüchteberichterstattung hat also, ökonomisch betrachtet, dazu geführt, dass zwei Märkte kollidiert sind, die von konträren Interessen regiert werden. Beide brauchen die Medienfigur Tiger Woods, aber eben in unterschiedlicher, letztlich gegenläufiger Art und Weise.“[1]

Bei Wulff ist jes aber nicht die klassische Werbeindustrie, die mit dem Markt der sensationsheischenden Medienindustrie konfligiert, sondern die politische Werbeindustrie oder Politindustrie. Der gute Ruf von Bettina Wulff ist dabei eine Ressource, die für ihre künftigen Chancen wichtig ist. Wer will schon eine Ex-Präsidentengattin als Botschafterin einer Organisation oder Aktion, die einen schlechten Ruf hat? Pörksen und Detel empfehlen folgende Vorgehensweise: Man müsse versuchen, „durch störungsfreie Verlautbarungen zu punkten und den Direktkontakt zum Publikum bei Bedarf herzustellen. In Zeiten des Web 2.0 gilt es also, einen eigenen Kanal zu etablieren.“[1] Das tut Wulff mit der Buchpublikation, und die Medienöffentlichkeit springt voll drauf an. Vom vielbeschworenen Streisand-Effekt keine Spur, vielmehr ist Wulffs Kommunikationsstrategie deutlich um ihr Buch als „Zentralorgan der privaten Gegenöffentlichkeit“ gestrickt. Von einer Pressereferentin kann man soviel Professionalität erwarten, schon als Bewerbungsmaßnahme für künftige Krisen-PR-Jobs.

Linksammlung: Streisand-Effekt?[3] – Presserecht[4] – Google[5] – Googlebashing[6] – Bigotterie[7] – Satire[8] – Jauch[9] – Bloggerrechtsunklarheiten[10][11] – Suchmaschinenrecht[12] – das eigentliche Problem[13]

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9 Antworten zu “Deutschsprachige Qualitätspresse, Gerüchte und Suchmaschinenoptimierung

  1. Wen wundert’s, dass eine PR-Assistentin „zufällig“ vor der Veröffentlichung ihres Buches eine Gerichtliche Klageoffensive gegen alle, die man halbwegs für die Veröffentlichung von Gerüchten gegen sie anprangern könnte durchführt. Dass diese Offensive gerade jetzt im Sommerloch kommt und nicht im letzten Jahr wo darüber berichtet wurde, sie aber leider kein Buch zur Veröffentlichung parat hatte ist bestimmt positiv für die Verkaufszahlen. Die Frage ist nur ob es sicht lohnt sich mit B-Promis zu befassen?

  2. Laut Wikipedia ist sie seit diesem Jahr selbständige PR-Agentin mit ihrer Firma „Bettina Wulff Kommunikation“. Man sollte das nicht absolut verdammen, wenn sie Chancen nutzt, die sich ihr bieten. Aber PR ist schon ein schmutziges Gewerbe (dem soll sie ja auch schon vor ihrer Ehe nachgegangen sein). Und wenn die eigentlichen Gründe für ihr konzertiertes Vorgehen nicht in ihrem Gerechtigkeitsgefühl und ihrem psychischen Leiden unter den Gerüchten der Parteifreunde zu finden sind, sondern in der Verkaufsankurbelung für ihr Buch und der Positionierung als professionelle PR-Tante, dann wäre das schon eine moralisch fragwürdige Instrumentalisierung des Rechtssystems, der Öffentlichkeit und der Moral.
    Aber was B. Wulffs wahre Beweggründe sind, werden wir nie erfahren, daher können wir nicht sicher sein, ob ihr Vorgehen verwerflich ist oder nicht. Dass es so eine starke Tendenz gibt, ihr Vorgehen zu verwerfen, liegt wohl auch daran, dass man PR-Profis (wie Politikern) alles böse zutraut. Dass PR – im Gegensatz zu Prostitution – ein unmoralisches Geschäft ist, ist letztlich der Treppenwitz der Wulff-Affäre.

  3. […] kann man im Moment auch nur spektulieren, kritisiert das Blog Erbloggtes. Wie die Klage Bettina Wullfs gegen Google […]

  4. Nein das Vorgehen von Bettina W. möchte ich nicht kritisieren. Mich ärgert’s nur dass die Medien kostenlose Werbung für die Bücher von Gestalten wie Wulff, Grass und Sarrazin machen (eigentlich wollte ich die jetzt nicht in einem Satz zusammen erwähnen). Wenn ich um 20:02 Uhr Werbung für mein Buch im öffentlich Rechtlichen schalten wollte, würde mich das ein Vermögen kosten. Nur weil diese Frei mit einem Kurzzeitpräsidenten verheiratet ist, heißt das doch noch lange nicht dass sie von öffentlichem Interesse wäre. Wäre es nicht viel Sinnvoller stattdessen über das Bürgerfest des Bundespräsidenten zu berichten?

  5. Ah, verstehe. Ja, das ist in der Tat noch ärgerlicher, zumal die Öffentlich-Rechtlichen wegen ihres gesetzlichen Neutralitätsgebots im Nachrichtenkontext gar keine Werbung machen dürfen. Zu kostenloser Werbung könnte man nun noch auf den „Artikel“ der Blödzeitung verlinken, der einen werbenderen Text über das Buch vorlegt als Amazon. Zeitgleich versucht sich das Blättchen in Suchmaschinenoptimierung und verwendet nicht nur in der URL das böse Wort, das doch angeblich für immer als Namensanhängsel gelöscht werden soll.
    Ja, man könnte es verlinken, wenn das nicht prinzipien- und würdelos wäre. Stattdessen sollte man besser das fast völlig neuigkeitslose Referat von Bildblog verlinken: Bettina Wulffs Frühstück mit Kai Diekmann. Eben dieses Frühstück ist anscheinend die Ursache von Gewaltphantasien und Rachegelüsten. Aber wenn Wulff sich (1.) damals wirklich beschämt gefühlt hätte und (2.) verstanden hätte, warum, dann hätte sie heute nicht dieses Buch schreiben lassen, das noch weniger glaubwürdig ist als die Blödzeitung selbst. Schließlich gibt es zu den meisten Behauptungen im Buch niemanden, der Wulff verklagen könnte, so seicht und introspektiv dümpelt es dahin.
    Noch ein kleiner Widerspruch zum Schluss: „das Bürgerfest des Bundespräsidenten“ ist auch nur eine reine Showveranstaltung, kein bisschen relevanter als die Show, die Wulff verkaufsfördernd abzieht. Sinnvoller wäre es, über die Vernetzung zwischen EZB, Bundesbank, Deutscher Bank und CDU zu berichten, aber das wäre ja Arbeit. Letztlich, das kommt oben schon ein bisschen zum Ausdruck, bin ich enttäuscht, dass Investivativlegende Leyendecker bei dem Zirkus ganz vorne mit dabei war.

  6. Ah ja, eins noch: Die Titanic hat den Konnex von Rufrettung und Buchverkauf analysiert und eine tiefgehende Analyse (bis unter die Gürtellinie) vorgelegt: Sexy Betty.

  7. Nicht zu vergessen: Die von Leyendecker als Ursprung des angeblichen Internet-Rufmords ausgemachte Bloggerin Hanna Thiele möchte damit eigentlich gar nichts zu tun haben.[1]

  8. Pingback: Bettina Wulffs Suchmaschinenoptimierung | Erbloggtes

  9. Pingback: Plagiat im Boulevard oder die nichtswissende Müllpresse | Erbloggtes

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