Arbeitsfelder für Historiker – heute: Geheimdienst

Ermöglicht es der Geheimdienst einem ansonsten für den außeruniversitären Arbeitsmarkt weitgehend unbrauchbaren Berufsstand, ein geregeltes Leben zu führen, auch wenn man die akademische Karriere verpasst hat? So kann man wohl die häufige Verwendung von Historikern in Geheimdiensten beurteilen. Der ehemalige Thüringer Verfassungsschutzpräsident Helmut Roewer wurde heute erneut im Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss befragt. Haskala.de (die Homepage der Die-Linke-Abgeordneten Katharina König) protokolliert:

10:16 Der Abg. Kellner befragt zu Einstellungen im Landesamt für Verfassungsschutz. „Es wurden vorwiegend Kunsthistoriker eingestellt, nach welchen Kritieren ist man da vorgegangen?“
10:17 Roewer: „Es wurden vorwiegend Kunsthistoriker eingestellt, nach welchen Kritieren ist man da vorgegangen?“ – „Der Innenminsiter Dewes hat von mir verlangt, dass das Amt intelligenter werden müsse. Das ist nichts ungewöhnliches, wenn man die Stellen des höheren Dienstgrades mit Akademikern bestückt. Es war seine Vorgabe, es sollten Akademiker aus dem Lande sein, also aus Thüringen.“
10:20 Kellner fragt nach den Hintergründen: „Geschichte, Altphilologie, Archäologie – welche Kriterien, welche Erwartungshaltungen gab es da?“
10:25 Roewer: „Die Vorauswahl wurde aus einer Vorauswahl einer Vorauswahl getroffen […] Nach meiner Kenntnis sind diese Personen heute noch im Landesamt tätig“, demnach könne die Entscheidung ja nicht so schlecht gewesen sein.“[1]

Vergleichsfall OSS

Roewer, selbst Rechtshistoriker, geht damit auf die Frage natürlich nicht ein. Die einzige in seiner Antwort suggerierte Erklärung lautet, Historiker machten „das Amt“ intelligenter. Tatsächlich werden Historiker und verwandte Geisteswissenschaftler auch in anderen Geheimdiensten gern genommen. Das Office of Strategic Services (OSS), 1942-1945 der erste Auslandsgeheimdienst der USA und damit Vorgängerorganisation der CIA, rekrutierte eine große Zahl von Historikern, von Universitätsprofessoren bis zu Doktoranden, darunter auch später sehr berühmte Leute.

Eine Wikipedia-Abfrage nach Historikern, die beim OSS waren, ergibt bereits eine stattliche Liste, überraschenderweise fast völlig unterschiedlich in der englischen und in der deutschen Ausgabe der Enzyklopädie.

In der deutschen Version sind es: Arthur Marder, Barrington Moore Jr., Franz Rosenthal, Franz Schehl, Friedrich Wilhelm Hack, Golo Mann, Gordon A. Craig, Hajo Holborn, Joseph Freiherr von und zu Franckenstein, Jürgen Kuczynski, Paul Langdon Ward, Serge Elisseeff und Walter L. Dorn.

In der englischen Version ist nur Golo Mann gleich: Carl Emil Schorske, Frederick W. Mote, Golo Mann, Martin Quigley, Jr., Richard N. Frye, S. Everett Gleason, Walter Lord, William Colby und William L. Langer.

Wie gewinnt man einen Krieg mit Historikern?

Insgesamt dürfte es sich um mindestens 40 Historiker im OSS gehandelt haben, darunter mehrere spätere Präsidenten der American Historical Association. In den obigen Listen fehlen beispielsweise Felix Gilbert und Fritz Epstein. Wie diese beiden waren wohl mindestens neun aus Nazideutschland emigrierte Historiker im OSS tätig und analysierten für den Geheimdienst die Entwicklung in Deutschland. Die Research-&-Analysis-Abteilung des OSS nennt der Historiker Barry M. Katz „The historians’ Manhattan Project“,[*] und damit gibt er einen Hinweis auf die Ursachen der überproportionalen Historikerverwendung in Geheimdiensten:

Physiker setzt man zur Entwicklung von Waffen und anderen technischen Systemen ein, Historiker (und andere Geisteswissenschaftler) zur Analyse und Entwicklung von Texten und anderen geheimdienstlichen Erkenntnissen. Auch dass es beim Thüringer Verfassungsschutz „Akademiker aus dem Lande sein [sollten], also aus Thüringen“, ist nicht etwa dem Lokalpatriotismus geschuldet, sondern der genauen Kenntnis der regionalen Verhältnisse durch die Eingeborenen – so wie man im Zweiten Weltkrieg beim US-Geheimdienst gern Historiker aus Deutschland engagierte.

Die Erträge der OSS-Arbeit gaben dieser Personalpolitik Recht. Jedenfalls haben die besten Analysen des Faschismus, die Historiker und Sozialwissenschaftler nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichten, ihre Wurzeln in deren OSS-Tätigkeit. Darüber hinaus nutzten die OSS-Historiker ihre dort gewonnenen Kompetenzen – unter anderem Interdisziplinarität – auch auf anderen Forschungsfeldern für innovative Untersuchungen.

Arbeitsmarktchancen für Historiker

Ein weiterer Grund für die Anstellung von Historikern ist freilich der Arbeitsmarkt: An den Universitäten konkurrieren zahlreiche Absolventen um die wenigen Stellen, und bis zur Professur hat der Großteil der Geisteswissenschaftler nur kurz- bis mittelfristige Verträge. Promovierten Historikern bieten sich zudem wenige außeruniversitäre Arbeitsstellen an, und wenn ein Historiker Familie hat und sich eine Festanstellung wünscht, könnte er auf Geschichtslehrer umschulen – oder zum Geheimdienst gehen. Letzteres dürfte im Schulwesen der vergangenen Jahrzehnte die bessere Wahl gewesen sein. Bei der anstehenden Abschaffung der Verfassungsschutzämter muss man freilich Anschlussverwendungen suchen.

Jedenfalls ist es aber zu begrüßen, dass in spezifischen Aufgabenfeldern des Staatsdienstes nicht ausschließlich Juristen die akademisch vorgebildeten Positionen einnehmen, da es sich dabei doch um eine Berufsgruppe mit sehr spezifischer Weltsicht handelt. Dass allerdings der Thüringer Verfassungsschutz anregende Wirkung auf die Geschichtswissenschaft entfaltet, das darf man wohl getrost bezweifeln. Zwar schreibt Helmut Roewer in seinem Ruhestand historische Bücher, die erscheinen dann aber in rechtsradikalen Verlagen und dürften daher eine ganz spezielle Sichtweise präsentieren. Die OSS-Historiker gingen nach dem Zweiten Weltkrieg meist an die Universitäten zurück, die damals einen beispiellosen Ausbau erlebten. Dort konnten sie wie geschildert produktiv tätig werden. Solche Hoffnungen für Thüringen sind wohl allzu irreal.

[*] = Barry M. Katz: German Historians in the Office of Strategic Services. In: Hartmut Lehmann, James J. Sheehan (Hrsg.): An Interrupted Past. German-Speaking Refugee Historians in the United States after 1933, Washington 1991, S. 136-139.

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