Klick mich – eine Rezensionenrezension

Ergab es Erkenntnisse für die Rezensionsforschung, wissenschaftliche Besprechungen mit popkulturellen zu vergleichen, so sind vor allem augenfällige Evidenzen auf normativer Ebene zu nennen. Julia Schramm, die umstrittene Beisitzerin im Bundesvorstand der Piratenpartei, hat ein Buch geschrieben,[*] das (nicht nur) durch den angeblich vom Verlag bezahlten Vorschuss von 100.000 Euro Aufsehen erregte.[1]

SpOn-Spiele um Aufmerksamkeit und Aufregung

Pünktlich zum Erscheinungstermin veröffentlichte Spiegel Online heute eine Rezension, in der Ole Reißmann demonstriert, dass Polarisierung heute das Hauptmittel zum Verkauf von Publikationen – und nebenbei zur Erlangung von Prominenz – im semipolitischen Aufregungssegment ist. Das gilt gleichermaßen für die selbsternannte Internetexhibitionistin Schramm wie für das Onlinemedium SpOn, das mit der Rezension lauthals ins Netz hinein ruft: „Klick mich“ – erreg dich – sprich über mich und mach mich reich! (Dass dies hiermit geschieht, ist zugleich natürlich auch ein Aufruf zum Klicken dieses Beitrags, allerdings für Erbloggtes nichtkommerziell.)

Reißmann hat tief im Inneren verstanden, dass jede Aufmerksamkeit gute Aufmerksamkeit ist, wenn man mit Aufmerksamkeit sein Geld verdient. Doch das verleugnet er, indem er seine Ressentiments gegen die Autorin und ihre Positionierung unverhohlen persönlich ausdrückt:

„Schramm, Jahrgang 1985, weiß nichts zu erzählen und interessiert sich offensichtlich nicht im geringsten für ihre Leser“.

Wie so oft bei abfälligen Rezensionen, auch in der Wissenschaft, fällt ein solches Urteil auf den Rezensenten zurück. Über die eigentlich rezensierte Sache lautet das zentrale Urteil:

„Was folgt, ist eine Aneinanderreihung weitgehend zusammenhangloser Episoden, dahingestammelt in einem Schwall aus Plattitüden und Referenzen.“

Dasselbe ließe sich freilich über die Rezension schreiben, die dies per Referat verdoppelt, nur mit der negativen Bewertung Reißmanns aufgepeppt. Fragt man sich, woher der Grimm kommt, mit dem Reißmann dem Schrammschen Werk (über dessen Qualitäten hier mangels Kenntnis nichts, aber auch gar nichts behauptet werden soll) zu Leibe rückt, so sind seine Einleitungssätze aufschlussreich. Darin schildert er, wie der Kulturredakteur die Rezension abgelehnt habe, da das Buch nicht seinen Anforderungen an Hochkultur genüge. Reißmann hingegen wurde dann für das Ressort „Netzwelt“ genötigt, selbst eine Besprechung zu verfassen, da man angeblich qua Parteiamt nicht an Schramms Publikation vorüber gehen könne.

Unlust oder Unvermögen

Der Rezensent erweckt nicht den Eindruck, die Textgattung zu beherrschen. Auf seiner Homepage mit 558 Arbeitsproben ist jedenfalls die Kategorie „Bücher“, in die er die Schramm-Besprechung einordnete, nicht nur leer, sondern defekt. Weder unter Themen, noch unter Formen ist sie bisher verzeichnet. Mangelnder Erfahrung mit Literaturkritik kann man es auch zurechnen, dass der Rezensent es versäumt, den Untertitel des Buches anzugeben. Womöglich ärgerte er sich auch während der ganzen Lektüre über die Gemeinheit, ihm ein Buch zu lesen zu geben, das der versnobte Kulturredakteur ablehnen durfte.

So kommt es dann, dass der Leser nicht in die Lage versetzt wird, sich eine Meinung zu Schramms „Klick mich“ zu bilden. Er kann höchstens die Meinung Reißmanns übernehmen. Und die hat, wie erwähnt, weniger mit dem Buch als mit seiner Haltung zur Autorin zu tun. Aber auch das muss nicht Ausdruck von Unfähigkeit sein, sondern kann auf Absicht beruhen.

Eine informative Rezension desselben Werks findet sich hingegen im feministischen „Antiblog“:

Sie sei jedem empfohlen, der etwas über „Klick mich“ wissen will. Die anonyme Autorin stimmt Schramm nicht zu, ist durchaus kritisch, versucht aber wenigstens zu verstehen, was dieses Buch der Leserin sagen kann.

Eine Besprechung im Magazin der Süddeutschen Zeitung, jetzt.de, gelingt ebenfalls besser als das SpOn-Stück, auch wenn die Rezensentin viel stärker die Autorin rezensiert als deren Werk, und dabei auch kleine Gehässigkeiten sich nicht verkneifen kann:

Irritierenderweise zitieren die Rezensentinnen bei Antiblog und bei jetzt.de den Untertitel des Buches identisch und falsch, indem sie einen vorhandenen Bindestrich weglassen. Was der Leser an Informationen aber noch dringend brauchen kann, was aber weder vom Verlag noch bei Amazon bislang erhältlich ist, ist das Inhaltsverzeichnis. Der Dank geht an die Deutsche Nationalbibliothek, die es bereits eingescannt und online veröffentlicht hat.[2]

Normative Schlussfolgerungen: Was ist eine gute Rezension?

An normativer Einsicht in das Wesen von Rezensionen lässt sich aus dem Vergleich der Besprechungen extrahieren, dass eine ausgewogene Darstellung des Werkes geboten ist, ergänzt um eine genaue Verortung im Feld (Welcher Zielgruppe bietet das Werk welchen Gewinn?) und um fundierte Kritik, mit der der Rezensent es sich aber zu einfach macht, wenn er sein eigenes Missfallen zum Maßstab erklärt. Vielmehr ist zu fragen, aus welcher Perspektive sich welche Aspekte kritisieren ließen. Dass einem Rezensenten  dabei vor allem Kritikaspekte aus seiner eigenen Perspektive einfallen, bleibt unbenommen.

Aus der Perspektive eines potentiellen Lesers – und daran sollte sich eine Rezension wohl orientieren – ist es völlig uninteressant, ob ein Rezensent einen Autor mag oder nicht. Wichtig ist, zu erfahren, worum es in dem besprochenen Buch geht, und wie dieser Inhalt behandelt wird. Das empfiehlt sich als guter Rezensionsstil, sowohl in der Wissenschaft als auch im Feuilleton.

Doch diese Überlegungen weisen über den engen Bereich der Literaturkritik hinaus: Als die amerikanische Besatzungsmacht 1945 überlegte, wie sie eine demokratische Öffentlichkeit in Deutschland aufbauen könnte, lautete ihre wichtigste Einsicht: Die Hetzpresse musste weg. Die zentrale Maßnahme dazu war die Etablierung einer strengen Trennung von Nachricht und Kommentar in der Tagespresse. Diese strikte Trennung kann man kritisch betrachten und als Ideologie entlarven. Bis heute gilt aber: Hetzpresse ist in einer demokratischen Öffentlichkeit vollständig verzichtbar. (Und damit sind nun gerade keine angeblichen anonymen Verunglimpfungen in Blogs gemeint, sondern das Flaggschiff der deutschsprachigen Internetöffentlichkeit, das den Hetzbesprechungen – „Da lese ich lieber die Gelben Seiten. Auf dem Kopf.“ – auf Amazon im Ton kaum nachsteht.)

[*] Julia Schramm: Klick mich. Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin. Knaus, München 2012 (Inhalt).

————————————————————

Advertisements

2 Antworten zu “Klick mich – eine Rezensionenrezension

  1. Ebenfalls eine Rezensionenrezension, aber gleichzeitig eine Buchrezension: Julia Schramms „Klick mich“. Eine Rezension von Anatol Stefanowitsch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s