Plagiatsaffäre Schavan: Was war – was sein wird

Ergab es sich von selbst, wie die Schavan-Affäre weiter gehen würde? Ließen sich aus Vorbildern – nicht Schavans Vorbildern, sondern jenen des Plagiatsdiskurses – Prognosen für den weiteren Ablauf der Ereignisse ziehen? Man wird sehen.

Was bisher geschah

Die Plagiatsaffäre Guttenberg brauchte vier Tage vom ersten Fund bis zur Veröffentlichung, eine Woche von der ersten Veröffentlichung bis zum Titelentzug, eine weitere Woche bis zum Rücktritt. Die Plagiatsaffäre Schavan brauchte vier Monate vom ersten Fund bis zur Veröffentlichung, fünf Monate bis die Position des Promotionsausschusses zum Titelentzug feststand, und eine Woche, bis der Promotionsausschuss einen Beschluss fasst. In letzterer Woche wurde geleakt und geleugnet, mit dem Finger gezeigt und skandalisiert, und es wurden Schavans Verteidigungsreihen in Stellung gebracht: Namhafte Forschungsorganisatoren, die in die Hand nicht beißen wollten, von der sie stets gut gefüttert wurden, während die Universitäten ohne Abendessen zu Bett gehen mussten.

Was haben sie alle gewarnt „davor, die Plagiatsaffäre […] zu verharmlosen. Man dürfe nicht mit zweierlei Maß messen“. – „Wir Forscher können niemanden einsperren, das kann nur ein Richter, aber die Strafe der Wissenschaft ist, dass man für immer am Pranger steht.“ – „Leute, die so etwas machen, sind in der Wissenschaft erledigt.“ – „Von entscheidender Bedeutung ist auch, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler […] die scharfen Mechanismen der Selbstkontrolle in der Wissenschaft und der strengen Sanktionierung von Fehlverhalten kennen und diese mittragen.“

So kommentierten etwa der ehemalige und der amtierende DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker und Matthias Kleiner den Fall Guttenberg.[1][2] Im Fall Schavan galt freilich das Gegenteil. Denn Guttenberg, meinte die Wissenschaft, das sei ja keiner von ihnen. Das sei ein arroganter Adelsspross ohne intellektuelle Substanz. Aber er habe stets die Haare schön gehabt.

Die Schavan hingegen, das sei eine angesehene Wissenschaftlerin, Ehrendoktorin, Honorarprofessorin. Und eine von ihnen, meint die Wissenschaft, könne doch gar nicht plagiieren. Wegen der Selbstkontrolle und so. „Wie kann man eine Arbeit über das Gewissen schreiben und dabei täuschen?“ Ausgeschlossen, warf sich der Doktorvater in die Bresche.[3] Da wussten sie freilich noch nicht, dass der zuständige Promotionsausschuss sich bereits in langwieriger Kleinarbeit eine gemeinsame Position erarbeitet hatte. Das wurde erst am Spätnachmittag des 16. Oktober bekannt,[4] als die Herren Professoren sich bereits tagelang über Quisquilien echauffiert hatten, um von der Plagiatsaffäre Schavan abzulenken und aus ihr eine „politische Aktion“, eine Gutachter-Affäre, eine Hexenjagd, Tugendterror oder ähnliches zu machen.

Wie es nun weitergeht

Es müsste doch möglich sein, wenigstens die Grundzüge des weiteren Ablaufs zu präkonstruieren. Hier ein Versuch, möglichst konkret, und mit zunehmender zeitlicher Distanz zunehmend ungewiss – Glaskugelei eben:

  • 17. Oktober 2012: Promotionsausschuss empfiehlt die Entziehung des Doktorgrades und fordert von Schavan eine schriftliche Stellungnahme an.
  • 18. Oktober bis 5. November 2012: Mediales Schlachtgetümmel.
  • 6. November 2012: Fakultätsrat entscheidet auf Grundlage der PromA-Empfehlung und der Stellungnahme Schavans, ihr den Doktorgrad zu entziehen.
  • 8. November 2012: Dr. Kristina Schröder erklärt, sie als Wissenschaftlerin, die in etwa sieben Jahren neben ihrer Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junge Mutterschaftsanwärterin in mühevollster Kleinarbeit promoviert habe – und sich dabei nichts habe abschreiben lassen -, schäme sich nicht nur heimlich, dass sie sich im Mutterschutz von einer falschen Doktorin vertreten ließ. Höchststrafe.
  • 9. November 2012: Schavan kündigt rechtliche Schritte gegen die Universität Düsseldorf an und erklärt ihren Rücktritt, um Partei, Ministerium und Bildungsstandort Deutschland vor Schaden zu bewahren.
  • 10. November 2012: Schavan zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück und begibt sich in die innere Emigration in eine Hütte in Todtnauberg. Dort empfängt sie fortan Intellektuelle wie Robert Spaemann, Ernst-Ludwig Winnacker, Wolfgang Frühwald, Martin Walser und Joseph Ratzinger.
  • 16. Februar 2015: Giovanni di Lorenzo kommt nach einer angemessenen Karenzzeit zu Besuch nach Todtnauberg. Am offenen Kamin gibt sich Schavan kämpferisch.
  • 10. Juni 2015: Schavans Memoiren erscheinen unter dem Titel „Person und Gewissen – der zweite Versuch“.

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15 Antworten zu “Plagiatsaffäre Schavan: Was war – was sein wird

  1. Pingback: Wer hat das Schavan-Gutachten geleakt? Rekonstruktion der vergangenen Woche | Erbloggtes

  2. Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    Unter meiner Kalotte haben sich einige Ideen angesammelt, die ich hier gern äußern würde, doch mein Urteilsvermögen dürfte in der vorliegenden Angelegenheit sehr zu wünschen übrig lassen, will sagen: der gewohnten, wünschenswerten Objektivität entbehren.

    Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

  3. Lieber Herr von Eichenbach,
    wo es selbst DFG-Präsidenten und andere Wissenschaftsfunktionäre, die die Aufgabe haben, die Wissenschaft vor Schaden zu bewahren, nicht schaffen, die wünschenswerte Objektivität (d.h. Sachbezug) walten zu lassen, existiert keinerlei Objektivität.
    Daher assoziieren Sie ruhig frei, welche Ideen sich bei Ihnen verfestigen. Die Urteilskraft, Ihren besonderen Fall mit dem besonderen Fall Schavan zu verknüpfen und das Allgemeine dazu zu suchen, leistet dann schon die Urteilskraft der Öffentlichkeit.

  4. Welt online meldet soeben: „Es gebe ein Schreiben ihrer Anwälte, „die darauf bestehen, dass zu den bisherigen Ergebnissen, der Untersuchung und derer unmittelbarer Konsequenzen ohne die Zustimmung von Frau Professor Schavan keine Information an dieser Stelle weitergegeben werden dürfen“, sagte der Rektor der Hochschule, Michael Piper, nach einer Sitzung des Promotionsausschusses.“
    Ich hoffe sehr, dass der Maulkorb Ihren Glaskugelblick nicht allzusehr trübt. Was meinen Sie, kann man in der Nennung als ‚Frau Professor‘ zwischen den Zeilen etwas herauslesen?
    Vielen Dank jedenfalls für dieses sachliche Blog!

  5. Aus der „Frau Professor“ kann man zwischen jedem Buchstaben lesen. Aber was ich lese dürfte ich hier nicht schreiben. Das wäre üble Nachrede, denn ich müsste behaupten, dass der arme Piper zwischen den Buchstaben justiziable Sachen über Schavan sagt. Und das kann ja keiner wollen.

    Wegen des Maulkorbes können wir nun leider nicht einmal prüfen ob die Vorhersage für den 17. Oktober 2012 zutreffend war. Die Aussichten für die nächsten Tage sind jedenfalls weiterhin als richtig einzuschätzen.

    Allerdings sind meine Hoffnungen, dass Schavan den Rücktrittsfahrplan einhält, deutlich gesunken. Aber wer weiß: Der Maulkorb könnte sich auch in dreierlei Hinsicht als Bumerang erweisen:
    1. Die einschlägigen Medien, die bisher ja stramm hinter der armen Schavan standen, wirken nun not amused,[1][2][3] da Schavan ihnen das erhoffte Spektakel vorenthält.
    2. Wissenschaftler, die sich bisher unter Verweis auf Vertraulichkeitsforderungen eher pro Schavan geäußert haben, reagieren üblicherweise auch gar nicht positiv darauf, wenn die Politik in ihre Autonomie eingreift, auch nicht wenn rechtliche Schritte gegen sie eingeleitet werden. Wissenschaftler sind da auch gern stur, weil sie sich im Besitz der Wahrheit glauben, und die zu sagen darf ihnen niemand verbieten.
    3. Politiker werden den massiven Eingriff der Bundesbildungsministerin in die Freiheit der Wissenschaft ebenfalls nicht einfach so durchgehen lassen. Das ist eine Vorlage, um sie ihrer falschen Einstellung zur Wissenschaft zu zeihen. Selbst die sonst so behäbige Piratenpartei lässt sich diese Vorlage nicht entgehen. Der Vorsitzende Bernd Schlömer kommentiert:

  6. Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    Offener Brief an Frau Schwan:

    Sehr geehrte Frau Schwan,
    Sie haben sich vor den Karren der Missgunst spannen lassen und mit dafür gesorgt, dass ich entschärft wurde. Ich konnte mir einen sehr deutlichen Begriff davon machen, wie grundverschieden wir beide sind; so ist dem ritterlichen Tugendkanon die Schadenfreude fremd, und ich halte mich im Vergleich mit Ihnen für wesentlich romantischer. Ich hoffe für Sie, dass die Nachwelt Sie wenigstens als Fußnote aufbewahren wird.

    Ihr Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

  7. Nichts gegen Gesine Schwan, bitte!

  8. Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    Ich muss höllisch achtgegen um zu vermeiden, dass ich mich selbst anders als „von Eichenbach“ heiße, und je ferner mir bestimmte Leute sind, umso eher komme ich mit den Namen durcheinander, die nach h.M. ohnehin nur Schall und Rauch sind.

  9. Ich muss jetzt unbedingt mal aufhören, „Erbloggtes“ zu lesen. Ich mach mir hier nämlich permanent vor Lachen in die Hose.
    Das muss aufhören.
    Ich muss aufhören.
    Das schaff ich. Bestimmt.

    WANN VERDAMMT KOMMT ENDLICH DER NÄCHSTE BEITRAG AUF „ERBLOGGTES?“
    (Isser vielleicht schon da … ?)

  10. Danke sehr! Ich sollte mir einen Werbevertrag für Inkontinenzvorlagen verschaffen.
    Nach Nachfrage produzieren kann ich leider nicht. Im jüngsten Beitrag hat Gastautor Plaqueiator richtig darauf hingewiesen, dass die einen – die Profis – ihre Arbeit nicht hinreichend machen, während die anderen – die Amateure – sie unentgeltlich erledigen.
    Aber gern.

  11. Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    Ich habe eine sehr kritische Auffassung von der Tätigkeit dieser „Plagiatsjäger“ (und der wie sie verantwortungslos dilettierenden „Kommissionen“), was sicher auch mit meiner Sondersituation zu tun hat. Diese ewig herumschnüffelnden Namenlosen haben in meinen Augen nur ein einziges Ziel: Die Wissenschaft unseres Vaterlandes international in Misskredit zu bringen. Man sollte ihnen das Handwerk legen, bevor es zu spät ist!

    Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

  12. @Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach:
    Durchlaucht, niemand kann ermessen, welch schrecklich Leid Euch angetan wurde! Wie anders könnte ein solches Vergehen an Euch gesühnt werden, als die Verursacher dieses Übels demselben Schicksal zuzuführen, wie es einst ein Francois Ravaillac nur folgerichtig empfangen musste? Ich hoffe derweil, dass Euer Schmerz ein wenig Linderung dadurch erfahren möge, dass eine an Eurem Sturz nicht minder Beteiligte nunmehr von der Reichsacht bedroht ist. Überglücklich durfte ich jedoch die Nachricht aufnehmen, welche Euer Ziehvater just dieser Tage den Gazetten ins Pergament diktierte: Dem Vernehmen nach plant der treue Seemüller Hans Eure baldige Repatriierung, nicht nur in Euer angestammtes Land sondern zugleich in Amt und Würden, auf dass Ihr vielleicht schon bald wieder den Oberbefehl über Eure Truppen zurück erlangen und an deren Spitze unser Vaterland in eine glorreiche Zukunft führen möget.
    Untertänigst, Euer treuer Diener Paul

    http://www.merkur-online.de/nachrichten/politik/seehofer-gibt-guttenberg-nicht-2557202.html

  13. Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    Lieber Paul,

    nach der nunmehr – durch unsere Gastgeber professionell und dankenswerterweise – erfolgten Veröffentlichung von Teilen der Privatkorrespondenz zwischen H.A. Seemüller und mir erwartet meine Gattin die Beantwortung einiger Fragen. Sobald das geschehen ist, werde ich Herrn Seemüller simsen und ihm meine Rückkehr zusagen, bei der es ganz wesentlich auf den richtigen Zeitpunkt ankommen wird; m.E. wäre eine unerträglich erscheinende Krisensituation ideal. Ihren Namen, bester Freund, werde ich mir gut einprägen, um mich Ihnen gegenüber erkenntlich zu zeigen. Nur sehr wenige stehen zurzeit so offen wie Sie zu mir. Könnten Sie sich vorstellen, nach meiner Auferstehung als mein oberster Kraftfahrer zu arbeiten?

    Ihr Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

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