Fall Schavan: „Plagiatsjäger, ihr nervt nur noch!“

Erreichte schnell nach Veröffentlichung eines Anti-Plagiatsjäger-Rants auf stern.de eine Entgegnung Erbloggtes, so soll sie hier auch rasch der geneigten Öffentlichkeit zur Kenntnis gegeben werden. Denn der „offene Brief“ von Kester Schlenz: Vorwürfe gegen Annette Schavan. Plagiatsjäger, ihr nervt nur noch! In: stern.de, 19. Oktober 2012, ist tatsächlich so offen, dass dabei nicht einmal die Kommentarfunktion geöffnet ist. Das Wort hat der ehemalige VroniPlag-Administrator Plaqueiator:

Offene Antwort auf den „offenen Brief“ von Kester Schlenz

Hey Kester, alter Sack! Dass unsereiner Dir auf den Sack geht, liegt vielleicht auch daran, dass Du Dich durch unsere Arbeit am Chillen in Deiner Restlebenszeit gestört fühlst. Irgendwie. Du weißt vielleicht nicht genau, wie und warum.

Ich will Dir mal ’nen Tipp geben: einfach mal die grauen Zellen einschalten, besonders bevor Du Bockmist, Halbgarheiten und Verdrehungen in aller Öffentlichkeit verzapfst wie in Deinem offenen Brief. Wenn ich denkfaulen Schwachsinn lese, krieg ich immer Pickel. Die hab ich grad.

Soll ich Dir mal was erzählen? In der Sache geht’s gar nicht um Schavan. Schavan ist nur eine der prominenten Spitzen des Eisbergs.

In der Sache geht’s um sowas wie eine Titelmafia, die nicht nur die Politik, sondern auch Wissenschaft und Wirtschaft untergräbt. Wenn man sich mit dem Thema mal nur ein bisschen näher beschäftigt, schaut man in Abgründe, wirklich: in Abgründe!

Es geht um das Problem, wie weit inzwischen bloße Netzwerker ohne Kompetenz und Substanz skrupellos Schlüsselstellen besetzen, nicht vor dem Mißbrauch fremder und allgemeiner Ressourcen zurückschrecken, um voranzukommen. Das verändert unsere Gesellschaft.

Die Blüten solcher Entwicklungen sind dann vielleicht, dass der Euro wankt, Milliarden an Subventionen verbraten werden. Wer sich den Doktorgrad erschleicht, der schreckt auch später nicht vor krummen Dingern zurück. Der hat auch später bei der Durchsetzung seiner eigenen Interessen keine Skrupel gegenüber der Gesellschaft. Der bringt sich in Stellung und zieht sich seinen eigenen Nachwuchs heran, dem er Ehrentitel und Stellung zuschanzt. So läuft das. Die werden nicht plötzlich aufrichtig!

Und die sollen wir in Ruhe lassen?

Wir tun das in unserer Freizeit, ja. Geht Dich gar nix an. Was mich dagegen was angeht, ist das, was Ihr – Du und Deinesgleichen – in Eurer Arbeitszeit so treibt. Wie wäre es mal mit ein wenig investigativem Journalismus? Ist Dir klar, daß wir freiwillig und unbezahlt Deine Arbeit tun?

Kriegt endlich Euren bezahlten Arsch hoch und stecht in die Eiterbeule Korruption und Begünstigung. Wir warten seit Guttenberg drauf, dass von Euch da mal was richtig mit Substanz kommt. Aber offenbar sind Stammtischparolen wichtiger, bringen doch so viel falschen Beifall und streicheln Euer Ego. IHR geht MIR ganz gehörig auf den Sack, aber so richtig.

Plaqueiator, ehemaliger Admin bei Vroniplag

17 Antworten zu “Fall Schavan: „Plagiatsjäger, ihr nervt nur noch!“

  1. Senf von Erbloggtes:
    Schavan ist nur ein kleines Licht in einem System. Allerdings ist sie auch die oberste Repräsentantin dieses Systems. Sie wäre die, die gegensteuern müsste gegen die (weiter) um sich greifende Substanzlosigkeit im Bildungssystem, dem man das Wort Bildung bereits aus dem Namen streichen müsste, wenn man ehrlich sein will.
    Kann sie das, als jemand, der vielleicht dachte, mal ein oder zwei Seiten abschreiben und sonst müde umformulieren, ohne anzugeben, wen und wo man umformuliert, das sei schon OK? Das genau ist Ausdruck des Systems. Guttenberg ist extern: Kein Teil des Systems, dessen Regeln waren ihm egal, er hatte auch keine Ambitionen auf wissenschaftliche Ergebnisse. Schavan war eine Ausgeburt des Systems. Als solche konnte sie es vielleicht gar nicht besser wissen – sagen nun ihre Verteidiger: erziehungswissenschaftliche Dissertationen seien damals eben so gewesen. Wenn das stimmte, dann wäre es tatsächlich eine Option, 100.000 Doktorarbeiten zu überprüfen und die Hälfte der Titel zu entziehen, wenn man damit das Ziel erreicht, das System von heute zu verändern. (Angebot: Wer dann ganz ohne Abschluss da steht, für den kann das Bildungsministerium ja eine Nachprüfung auf dem Niveau des Bachelor einrichten. Das sollten die Damen und Herren Ex-Doktoren doch zumindest schaffen können, oder?)
    Schavan kann nichts gegen das System unternehmen. Schavan arbeitet stattdessen heute mit genau den Mitteln, die Plaqueiator oben anprangert: Durch Netzwerken und das skrupellose Besetzen von Schlüsselstellen hat sie sich – völlig unabhängig von inhaltlicher Kompetenz – einen Unterstützerkreis herangezogen. Den mobilisiert sie nun, wie jeder sehen kann, der nach den persönlichen Verbindungen zwischen Schavan und ihren Unterstützern fragt. Dabei schreckt sie auch nicht vor dem Missbrauch fremder und öffentlicher Ressourcen zurück, um sich selbst vor berechtigter Kritik zu schützen. Der Missbrauch des Rechts als öffentlicher Ressource zur Abwürgung einer wissenschaftlichen und politischen Debatte ist erbärmlich. Der Missbrauch von hochbezahlten Spitzenfunktionären von Wissenschaftsorganisationen für Reinwaschungsversuche des eigenen Namens ist erbärmlich. Wie könnte man es anders nennen, wenn die Ministerin sagt: Hier habt Ihr das Gutachten, das ist so gemein zu mir, sagt doch auch mal was!
    Und die meisten missbräuchlichen Ressourceneinsätze Schavans kennen wir gar nicht, weil, wie Plaqueiator sagt, eine bestimmte Funktionsgruppe dieser Gesellschaft bezahlt nicht mehr die Arbeit macht, die nun andere unbezahlt und schlecht ausgestattet übernehmen. Aber das ist das Versagen eines anderen gesellschaftlichen Subsystems. Gewolltes Versagen wohlgemerkt. Nur: von wem gewollt?

  2. Welt.de war derselbe Tenor so wichtig, dass man gleich zweimal denselben Artikel unter anderer Überschrift veröffentlichte:
    http://www.welt.de/kultur/article109959861/Schluss-mit-der-Hexenjagd-auf-Annette-Schavan.html
    http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article110024484/Annette-Schavan-und-die-eilige-Inquisition.html
    Von der Substanz her ähnlich wie die Logorrhoe von Kester…

  3. Einmal Print, einmal online. Ist inzwischen üblich und gehört zum Versagen des seriösen Journalismus dazu. Für die Print-Ausgabe hat man sich eine neue, „lustige“ Überschrift einfallen lassen. Vielleicht damit das besser in den Umbruch passt.
    Aber danke für die Zusammenfassung. Dann lese ich das gar nicht erst.
    Ich habe ja sogar Zweifel, ob es richtig ist, den Schlenz-Artikel zu verlinken, um den es geht. Erbloggtes hat schließlich einen Bildungsauftrag. Und da könnte es Schaden anrichten, wenn jemand den Schlenz liest.

  4. Ich finde diesen offenen Brief hier vielleicht etwas forsch, aber in der Sache absolut treffend. Was ich noch richtig interessant finde ist, dass der betreffende Autor dieses offenen Briefes (also Herr Kester Schlenz ist gemeint) auch einen anderen offenen Brief mitunterzeichnet hat:
    http://local-heroes.de/szene/offener-brief-wir-sind-die-urheber-33081
    „Im Gegenteil: Es gilt, den Schutz des Urheberrechts zu stärken und den heutigen Bedingungen des schnellen und massenhaften Zugangs zu den Produkten geistiger Arbeit anzupassen“

    Vielleicht sollte man dem Herren mal erklären, dass „Plagiieren“ auch eine Art von Urheberrechtsverletzung darstellt.

  5. Pingback: Was soll man tun, wenn man plagiiert hat? | Wirtschaftsphilosoph

  6. Wer solche Feinde hat, braucht keine Freunde mehr

    Die Aufregung über diese und ähnliche Attacken verstehe ich nicht. Sie dokumentiert doch, dass „Plagiatsjäger“ derzeit eine hohe Medienaufmerksamkeit genießen. Ungünstiger wäre es, wenn gar nicht kommentiert würde.

    Herrn Kester hätte ich gerne entgegnet, dass er auch nicht über Plagiatsjäger schreiben müsste, falls er sein Plädoyer ernst meint. Stattdessen könnte er die von ihm erwähnten schlimmeren Probleme aufarbeiten und darstellen, damit sich die Öffentlichkeit stärker damit auseinandersetzt.

    Das Schlimmste, was Plagiatsjägern passieren kann, ist ignoriert zu werden. Mit den Attacken aus Stern und Welt (den Einstieg fand ich durchaus gelungen) wird das doch effektiv verhindert.

    Im Internet ist unendlich vieles zu finden, worüber nie berichtet wird und was deshalb keinen Impact hat. Das Schicksal teilen etliche Vroniplag-Fälle. Einige Plagiatsvorwürfe wurden inzwischen von den Universitäten abgewiesen: Sensburg, Teichgräber, Kayhan, Dähnert. Auch Volk wird wohl davonkommen. Neben diesen Vroniplag-Fällen haben Althusmann, Wöller, Hahn und weitere ihre Titel behalten.

  7. Nun ja, weil wir Schlenz so dankbar sind, kritisieren wir ihn ja hier, statt sein Machwerk totzuschweigen, wie er es eigentlich verdient hätte.😉

  8. Touché!🙂

  9. Bei dem Stern-Artikel handelt es sich wohl um eine Auftragsarbeit. Darin wird aktiv Propaganda für Schavan gemacht. Es geht wohl darum solche Hochstapler und Betrüger wie Guttenberg&Konsorten unsankioniert davonkommen zu lassen.
    Die entsprechenden Geldzahlungen durch die Politik an die Medien werden eines Tages nachgewiesen werden. Das Geld für diese Art der Korruption kommt entweder aus dem Bundeshaushalt oder aus schwarzen Kassen der CDU. Die dazugehörige Story werden wir in einigen Jahren noch zu lesen bekommen. Korruptionstechnisch im Mittelpunkt der Story dürfte wohl Merkel stehen.
    Wir haben es mit einem enorm korrupten Filz aus Medien, Politik und Wirtschaft zu tun. Echt gruselig!

  10. „Als man sich gerade über die Beschießung von Shanghai durch die Japaner erregte und ich Karl Kraus bei einem der berühmten Beistrich-Probleme antraf, sagte er ungefähr: Ich weiß, daß das alles sinnlos ist, wenn das Haus in Brand steht. Aber solange das irgend möglich ist, muß ich das machen, denn hätten die Leute, die dazu verpflichtet sind, immer darauf geachtet, daß die Beistriche am richtigen Platz stehen, so würde Shanghai nicht brennen.“ (Ernst Křenek)

  11. @ Paul

    „Von der Substanz her ähnlich wie die Logorrhoe von Kester…“

    Jacques Schuster hat Anfang Juli einen Artikel mit dem Titel „Hitler würde sich über Beschneidungsverbot freuen“ verbrochen. Bin mal gespannt, wann jemand die Plagiatsjäger mit den Nazis vergleicht…

  12. Wobei Schuster in seinem Schlußabsatz schon ziemlich nahe an eine Exemplifizierung von Godwin’s Law herankommt:

    „Doch Spaß beiseite und zurück in die Zeit Tucholskys. Damals war es die große Schwäche vieler Publizisten und Intellektueller – Golo Mann nannte sie „selbstzufriedene Rebellen“ –, alles und jeden zu attackieren und kleinzureden, bis es kaum noch Demokraten gab. Nur wenige von ihnen waren damals verantwortungsbewusst genug, auf die Folgen ihrer Zerstörungswut zu achten. Wir täten gut daran, den Fehler heute nicht zu wiederholen.“

  13. Für das topaktuelle ‚Wort zum Sonntag‘ empfiehlt sich vielleicht eine neue Kategorie: ERBROCHENES…

  14. Plagiatsjäger = Nazis ist eine sehr geläufige Darstellung, die schon in der Anfangszeit der Guttenberg-Affäre ihren Ursprung hat, als Guttenbergsche Spin-Doctors darüber nachdachten, was wohl noch unbeliebter sein könnte als ein kompetenzfreier und ehrloser adliger Emporkömmling.
    Kester Schlenz schreibt es auch schon in der Unterzeile: „Blog-Warte“ nennt er, sagen wir mal, Leute wie mich. Man muss sich das mal klar machen, wie mit einem – natürlich „ironisch“ abgewandelten – Begriff eine Gleichsetzung erzeugt wird zwischen dem prototypischen nationalsozialistischen Denunzianten, Propagandisten, Antisemiten und Zwangsvollstrecker, dem Blockwart, mit einem material machtlosen, oft anonymen und vom öffentlich Mitgeteilten überzeugten Blogger, der sich nicht auf Führererlasse und Parteifunktionen, nicht auf Schlägertrupps und die Gestapo stützt, sondern nur darauf, dass eine kritische Öffentlichkeit womöglich hört, was er zu sagen hat.
    Und Jaques Schuster? Der tut so, als berufe er sich auf Tucholsky und Golo Mann, vergisst aber zu erwähnen, dass Golo Mann wohl Leute wie Tucholsky meinte, falls er „selbstzufriedene Rebellen“ angeprangert haben sollte (was ich bezweifle, bis mir jemand die Belegstelle zeigt, weil Schuster so viel Unsinn schwallt, inklusive Idiotien über den Untergang der Weimarer Republik, dass man ihm kein Wort ungeprüft glauben sollte). Wir täten gut daran, solche Leute zu ignorieren, aber erwähnte ich bereits weiter oben.
    Auf die Kategorie Erbrochenes werde ich aus Mitgefühl mit dem Sonntagsfrühstück der Leser verzichten.

  15. Pingback: Medienkritisches, Erkenntniskritisches und Wissenschaftspolitisches zur Schavan-Affäre | Erbloggtes

  16. „Blockwartmentalität“ ist übrigens auch aktueller O-Ton Koch-Mehrin: Koch-Mehrin kündigt Rückzug aus Europaparlament an. In: SpOn, 20. Oktober 2010.
    Sie suggeriert, Plagiatsvorwürfe würden „bald“ gegen den Chef erhoben, weil er unfreundlich sei oder „gegen den Nachbarn, weil er die Hecke nicht geschnitten hat“. Dann führt sie noch den Rechtsstaat an. Ich denke doch über eine Kategorie Erbrochenes nach.

  17. Oder eine Kategorie: „Kriminelle und deren Kompagnons sind eingeschnappt.“
    oder : „Hilferuf der Lumpen: Warum die Gleichheit vor dem Recht so eine verdammt unfaire Sache für Kriminelle ist. Die Kriminellen werden verurteilt und die anständigen Bürger nicht. Sauerei!“
    oder …..

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