Ansichten einer Plagiatorin: Bauernopfer im Bild

Erbrochenes wurde als weitere Kategorie für dieses Blog vorgeschlagen. Zornesröte evozierende Schamlosigkeiten können zwar durchaus auf den Magen schlagen, doch allenfalls Verbrochenes wäre ein angemessenes Thema weiterer Blogbeiträge. Koch-Mehrins wiederholte Weigerung, aus Gewissensgründen ihr mit erschlichenem Doktorgrad erschlichenes Mandat niederzulegen,[1] ist hier jedoch nicht Thema. Die „Blockwart-Mentalität“ (Koch-Mehrin) richtet sich gegen die Plagiate in der Dissertation von Annette Schavan, schließlich handelt es sich bei ihr um einen „unfreundlichen Chef“, weil sie „die Hecke nicht geschnitten hat“ (Koch-Mehrin).[1] Grund genug, mal augenfällig zu demonstrieren, wie das reine Gewissen Schavans aussehen mag:

Vergleich Schavan, S. 312, mit Hupperschwiller, S. 54f.

Vergleich Schavan, S. 312, mit Hupperschwiller, S. 54f.

Zu sehen ist links etwas mehr als eine Seite aus Schavans Dissertation und rechts fast eine Seite aus der zehn Jahre älteren Dissertation von Lutz Hupperschwiller: Gewissen und Gewissensbildung in jugendkriminologischer Sicht. Stuttgart 1970 (Dissertation an der Rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg im Breisgau 1969). Nur den violett hinterlegten Teil hat Schavan korrekt zitiert. Alles andere hat sie ohne korrekte Angabe von Hupperschwiller übernommen und leicht umformuliert. Dazu gehört natürlich auch die Struktur, wie die Abfolge der Farbmarkierungen zeigt. Schavanplag erläutert: „Man beachte, dass die Verfasserin an dieser Stelle eine andere Ausgabe der Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse nennt als im Literaturverzeichnis.“[2]

Wenn man Schavans Angaben in ihrer Dissertation Glauben schenkt, dann hat sie üblicherweise die 4. Auflage von Band XIV der Gesammelten Werke Freuds benutzt, erschienen in London 1968 (so Schavan auf S. 340). Nur hier hat sie zufälligerweise die bereits 1949 erschienene Erstausgabe von Band XIV der Gesammelten Werke Freuds konsultiert, aus der auch Hupperschwiller zitierte. Wer das glaubt, möge das in den Kommentaren kund tun und wird damit zweifellos zur Erheiterung der Mitlesenden beitragen.

Bauernopfer in Theorie und Praxis

So eine Plagiatsaffäre wie die Schavans produziert natürlich einigen Unbill. Auch für Journalisten, die genötigt werden, die gleichen Sachverhalte in immer neue Worte zu kleiden. Gezwungen? Nein. Das ist gar nicht nötig, wie eine mit der oben verwendeten Vergleichsfunktion von VroniPlag erzeugte Gegenüberstellung zweier Zeit-Artikel zeigt:

Vergleich von Spiewak, 18.10.2012, mit Spiewak, 10.05.2012

Vergleich Spiewak, 18.10.2012, mit Spiewak, 10.05.2012

Martin Spiewak gehört zu den besser informierten Journalisten in Plagiatsdingen. Ihm ist klar, was ein Bauernopfer ist. Er demonstriert das gekonnt, indem er im letzten abgebildeten Abschnitt seines neuen Artikels[2] mit „Um ein Bild zu wiederholen“ auf seinen alten Artikel[3] verlinkt. Dafür, dass auch andere Bausteine aus diesem Artikel in der neuen Ausgabe der Zeit gelandet sind, ist dieser Verweis das Bauernopfer. Von sich selbst abzuschreiben – und das im Journalismus – muss man nicht als Verfehlung werten. Lediglich einen Preis für originelle Recherche sollte man für wiederaufgekochte Artikel nicht verleihen.

FAS-Hoffmann statt FAZ-Schmoll: Dann klappt’s auch mit der journalistischen Unabhängigkeit

Originelle Recherche liegt auch nicht dem besten bislang in der deutschsprachigen Mainstream-Presse erschienenen Artikel über die Schavan-Affäre zu Grunde. Aber immerhin ein analytischer Ansatz, der weit über das Wiederkäuen von Interviewaussagen und Pressemitteilungen hinaus geht, das sonst überwiegt:

  • Christiane Hoffmann: Plagiatsaffäre Schavan. Cui bono? In: FAS, 21. Oktober 2012.

Die Autorin fasst prägnant einen erstaunlichen Prozess zusammen, der hier als Mobilisierung beschrieben wurde:

„Amtierende und vergangene Vorsitzende der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die Spitzen der Helmholtz-Gesellschaft, der Charité, der Humboldt-Stiftung, Wolfgang Huber und Kardinal Lehmann, das Zentralkomittee der Deutschen Katholiken, alle, alle beeilten sich, der Forschungsministerin beizuspringen.“[4]

Deren Argumentationen nimmt Hoffmann sodann auseinander, allein indem sie sie referiert, dabei aber nicht heftig nickt, sondern die Stirnfalten zu einem Fragezeichen zusammenzieht. Mit Skepsis gelangt Hoffmann auch zu einer angesichts des massenmedialen Mainstreams bemerkenswerten Konklusion:

Die Fülle von Schavans ministerialen Machtmitteln wirft demnach „die Frage auf, ob eine Forschungsministerin, deren Doktorarbeit wegen Plagiatsvorwürfen geprüft wird, wirklich im Amt bleiben kann.“[4] Völlig richtig, klar gesehen. Hier wurde dieses Problem etwa zeitgleich so beschrieben: „Lautet die Entscheidung, es liege kein Plagiat vor, und Schavan dürfe ihren Doktor behalten, dann wäre Schavan als Bundesbildungsministerin untragbar, weil sie dann den ihr allzu gefälligen Institutionen ihre Dankbarkeit tatkräftig erweisen könnte.“

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2 Antworten zu “Ansichten einer Plagiatorin: Bauernopfer im Bild

  1. Am besten gefällt mir der Beistand, den Schavan seitens der Charité erfährt. Diese Einrichtung ist ja bekannt für den schonenden Umgang mit Promotionsbetrügern.
    „Eine ungewöhnliche Lösung hat nun ausgerechnet die Charité im Blick, die derzeit in zahlreiche Fälschungsskandale verwickelt ist: Demnach lassen sich Doktorarbeiten nachbessern wie ein Hausaufsatz, auch wenn die Promotion Jahre zurückliegt.“
    http://archiv.sueddeutsche.de/Z5V38U/312239/print.php?id=A50491139_EGTPOGWPOOOOORGSPRTOOET
    Ich denke, zum Thema korrektes wissenschaftliches Arbeiten sollten sich Mediziner grundsätzlich nicht äußern (man schaue sich nur die haarsträubenden, auf VroniPlag dokumentierten Fälle an).

  2. Pingback: Plagiarismus und Geschreibe « Kultur oder Wissenschaft

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