In der Plagiatsfalle: Wenn Wissenschaft nicht wissen will

Erstaunt es wohl manchen, wenn Wissenschaftler etwas nicht wissen wollen, so liegt dies wahrscheinlich an der naiven Vorstellung, die landläufig „Wissenschaftler“ genannten Menschen betrieben im Leben nichts anderes als Wissenschaft. Deren Ausgangsdefinition lautet:

„Wissenschaft (W.) ist der gesellschaftlich-politisch institutionalisierte und nur kollektiv realisierbare Versuch, systematisch und methodisch zu erkunden (erforschen), was alles in der Welt der Fall ist und warum es der Fall ist. Einige W. antworten teilweise auch auf die normative Frage, was der Fall sein sollte.“

So fasst es jedenfalls der renommierte Wissenschaftstheoretiker Holm Tetens (in: Enzyklopädie Philosophie, Bd. 2, Hamburg 1999, S. 1763). Es gibt zweifellos gute und schlechte Wissenschaft. Dies lässt sich explizieren als graduelle Unterteilung von Wissenschaft gemäß der Ausmaße, in denen die vier regulativen Ideale der Wissenschaft erfüllt oder nichterfüllt sind. Diese vier benennt Tetens so: Dies sind „das Ideal der Wahrheit, das Ideal der Erklärung bzw. des Verstehens, das Ideal der epistemischen Rechtfertigung (Begründung), das Ideal der Intersubjektivität.“

Ideale der Wissenschaft und die Nichtwissenschaft

Gute Wissenschaft wird also dem Ideal der Wahrheit in hohem Maße gerecht, erfüllt vorzüglich das Ideal von Erklären oder Verstehen, beachtet ausgezeichnet das Ideal der Begründung und kann auch das Ideal der Intersubjektivität stark berücksichtigen. Schlechter Wissenschaft gelingt das alles in geringerem Maße. Sie kann weitgehend unwahr sein, wenig verständlich machen, keine plausiblen Begründungen liefern und für andere nicht nachvollziehbar bleiben. Schlechte Wissenschaft hat also vieles mit Nichtwissenschaft gemeinsam, ob diese nun in Form von Pseudowissenschaft, Magie, Glauben, Phantasie oder sonstwie auftritt. Aber der Unterschied zwischen schlechter Wissenschaft und Nichtwissenschaft ist von größter Wichtigkeit:

Da es sich bei Wissenschaft nämlich um einen Versuch handelt, wie Tetens schreibt, ist nicht der Erfolg oder Misserfolg dieses Versuchs ausschlaggebend dafür, ob man etwas Wissenschaft nennen kann oder nicht. Wissenschaftlern misslingt es am laufenden Band, eine Erkenntnis über die Welt zu erlangen, nämlich immer dann, wenn sie zu Thesen gelangen, die irgendwann später widerlegt werden. Diese Widerlegung ist aber nur Ausdruck des wünschenswerten Fortschritts in der Wissenschaft, nicht eines Mangels an Wissenschaftlichkeit.

Gemäß den genannten Idealen kann man Wissenschaft von Nichtwissenschaft unterscheiden, indem man überprüft, ob ein Akteur den Versuch unternimmt, diesen Idealen gerecht zu werden. Denn, so Tetens, die Ideale stehen „Wissenschaftlern bei ihrer Arbeit mehr oder weniger deutlich vor Augen“, auch wenn sie sie oft nicht ad hoc aufzählen könnten. Ob jemand tatsächlich einen Versuch unternimmt und dabei scheitert, oder ob derjenige das Unternehmen eines scheiternden Versuchs nur vortäuscht, das lässt sich leider nicht auf Anhieb, etwa durch bloße Betrachtung des Versuchsresultates, sicher bestimmen. Das ist das Problem des Wissenschaftsbetrugs.

Unterscheidungsprobleme von schlechter Wissenschaft und Nichtwissenschaft

Wissenschaft – besonders schlechte – und Wissenschaftsbetrug können auf den ersten Blick gleich aussehen. Doch Wissenschaftsbetrug ist nicht einmal schlechte Wissenschaft, sondern gar keine Wissenschaft, weil sie eines oder mehrere der vier regulativen Ideale nicht nur nicht erreicht, sondern gar nicht erst anstrebt. Weil das aber nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, da es sich beim Anstreben um einen Zuständ im Geist des Akteurs handelt, versuchen Wissenschaftsbetrüger (die Betrug, nicht Wissenschaft betreiben) sich gern herauszureden, dass sie über etwa sieben Jahre neben ihrer Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit alle Ideale der Wissenschaft erfüllen wollten, dabei nur leider gescheitert seien. Verständlich. Tetens schreibt:

„Die Idee der W. ist eine normative Idee. Der Titel, W. zu sein, ist ein ‚Ehrentitel‘. Im Laufe der W.geschichte wird sein Erwerb mit wachsendem sozialen Prestige und materiellen Gratifikationen belohnt. Außerdem wird wissenschaftliche Forschung der Tendenz nach immer teurer und deshalb die Konkurrenz um die knappen Forschungsmittel immer härter. […] Auch in Zukunft werden deshalb immer wieder Kontroversen darüber aufbrechen, ob etwas W. ist oder nicht.“

Der materiellen Gratifikationen und des sozialen Prestiges wegen (das seinerseits wieder in materielle Gratifikationen umgesetzt werden kann) behaupten also ständig Leute, das, was sie getan hätten, gerade täten oder tun würden, sei Wissenschaft. Und darin liegt auch das grundsätzliche Problem, das die Wissenschaft mit dem Wissenschaftsbetrug hat. Denn solange der Betrug nicht abschließend, einhellig und möglichst wissenschaftlich (also im Streben nach Wahrheit, Erklärung, Begründung und Überprüfbarkeit) als solcher identifiziert und gebrandmarkt ist, besteht die Möglichkeit fort, dass der Betrüger und seine Helfershelfer sich als Wissenschaftler bezeichnen. Für jeden, der sich vom Betrug bereits überzeugt hat (strebend nach Wahrheit, Erklärung, Begründung und Überprüfbarkeit), bringt jede Behauptung seiner Nichtexistenz, jede Behauptung, es handele sich um Wissenschaft (zumindest schlechte), den Effekt mit sich, dass jeder dies Behauptende in den Verdacht gerät, Helfershelfer zu sein, also Mitbetrüger.

Nichtwissenschaftsverdacht: wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Argumente

Besonderes Gewicht erhält dieser Verdacht, wenn es sich bei den Verdächtigen um Akteure handelt, sie selbst beanspruchen, Wissenschaftler zu sein. Von Politikern etwa erwartet offenbar niemand das Streben nach den vier genannten Idealen, die können ruhig behaupten, was ihrer Partei nützt. Aber bei Wissenschaftlern es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass das Bemühen um Wahrheit, Erklärung, Begründung und Überprüfbarkeit, das sie stets vor sich hertragen, tatsächlich nur vorgetäuscht sein könnte – besonders wenn sie Wissenschaftsbetrug als Wissenschaft ausgeben oder diese Täuschung decken. Ganz besonders gilt das für die Fachkollegen. Wenn Zahnmediziner Zahnmedizinern bescheinigen, keinesfalls in betrügerischer Absicht gehandelt zu haben, sondern nur aufgrund kleinerer Nachlässigkeiten zu einem Ergebnis gekommen zu sein, das den freundlichen Pharmavertreter erfreut, dann stellt sich immer auch die Frage, ob es sich denn bei der ganzen Disziplin um Scharlatane handelt, oder um Wissenschaftler.

In der Sokal-Affäre ging das Ende der 1990er so weit, dass die Wissenschaftlichkeit aller Nichtnaturwissenschaften angezweifelt wurde. Immer gern in Frage gestellt wurde bei anderen Gelegenheiten auch die Wissenschaftlichkeit aller marxistischen Forscher, aller Psychoanalytiker oder aller Theologen. Der Kern eines solchen Vorwurfs ist immer eine Aussage über die Absichten der Akteure, also über Geisteszustände, über die keine empirischen Daten vorliegen. Wenn keine empirischen Daten vorliegen, gibt es grundsätzlich drei Möglichkeiten:

  1. Man kann Ersatzdaten beibringen und argumentieren, warum diese Rückschlüsse auf die fraglichen Geisteszustände zulassen. Durch die Erläuterung des Rückschlusses macht man also Ersatzdaten zu tauglichen empirischen Daten. Das geschieht in ordentlichen Plagiatsgutachten, indem etwa aus der Systematik des Vorgehens geschlossen wird, dass es auf eine Absicht beruhen müsse, weil es durch Missgeschick oder Unfähigkeit nicht erklärbar sei.
  2. Man kann darauf verzichten, Aussagen über etwas zu machen, worüber keine empirischen Daten vorliegen. Das ist durchaus eine wissenschaftliche Vorgehensweise. Die Devise „Abwarten, was die empirische Überprüfung ergibt“, ist immer angemessen, so lange die empirische Überprüfung noch nicht erfolgt ist. Oliver Lepsius hat das im Fall Guttenberg vorgemacht, als er diesen einen Betrüger nannte, da die empirische Überprüfung das belegte.
  3. Man kann auf empirische Daten verzichten und lieber mit rhetorischen Mitteln, Spekulationen, Glaubenssätzen, Vorurteilen, Ressentiments oder Schimpftiraden arbeiten. Dazu sucht man nicht nach Aussagen, die geeignet sind, Aussagen über Geisteszustände zu stützen oder zu widerlegen, sondern gibt an, was einen selbst an bestimmte Zustände glauben lässt, oder wovon man annimmt, andere würden nach entsprechenden Aussagen an bestimmte Zustände glauben.

Im dritten Fall stellt sich wieder die Frage, ob es sich um schlechte Wissenschaft handelt, weil beim Anstreben der vier Ideale untaugliche Mittel eingesetzt werden, oder ob es sich um Nichtwissenschaft handelt, weil zumindest eines der vier Ideale gar nicht angestrebt wird. Überprüfen lässt sich das schwer, aber man kann wiederum empirische Indizien zu den vier Wissenschaftsidealen sammeln:

  1. Wenn beispielsweise jemand betont, auf den wahren Sachverhalt käme es gar nicht an, sondern man müsse vor allem Formalia beachten, etwa die Unschuldsvermutung, dann lässt sich darauf schließen, dass derjenige nicht nach Wahrheit strebt, sondern nach formaler Gerechtigkeit.
  2. Wenn jemand behauptet, alles erklären zu können, dazu aber nur auf Spekulationen, Ressentiments oder verbreitete Vorurteile verweist, lässt sich darauf schließen, dass derjenige nicht nach Erklären oder Verstehen strebt, sondern nach Überredung.
  3. Wenn jemand seine Ansicht mit einer Begründung versieht, auf die Frage nach der Begründung dieser Begründung aber nur die Begründung wiederholt, lässt sich darauf schließen, dass er nicht nach Begründung strebt, sondern danach, Recht zu behalten.
  4. Wenn jemand sich auf Glaubenssätze beruft oder auf seine persönlichen Erlebnisse, die andere gar nicht haben können, lässt sich darauf schließen, dass er nicht nach Intersubjektivität strebt, sondern nach Erlangung der Deutungshoheit. (Insbesondere Selbstaussagen über die eigenen Absichten sind alles andere als intersubjektiv – sie verlangen, etwas unbesehen zu glauben.)

Nach diesen systematischen Erläuterungen lassen sich zahlreiche Stellungnahmen zur Schavan-Affäre, aber auch zu anderen Fällen von Wissenschaftsbetrug, leicht selbst einordnen. Es dürfte aber auch die tiefgreifende Problematik deutlich geworden sein, in der sich Wissenschaftler befinden, die einerseits bestimmten Personen den Rücken stärken wollen – sei es aus Abhängigkeit von ihnen, sei es aus persönlicher Freundschaft oder dem festen Glauben an ihre Redlichkeit – andererseits aber durch die Demonstration von Mängeln an ihrem wissenschaftlichen Ethos dafür sorgen, dass der faule Apfel nicht isoliert werden kann („Wir sind einem Betrüger aufgesessen!“[1]), sondern sich die Fäulnis auf alle Äpfel im Korb ausbreitet.

In der Falle: Berufsvertretung von wem?

So ist es nur zu verständlich, wenn der Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes (DHV) Michael Hartmer im neuesten Heft der Verbandszeitschrift kommentiert: „Schavan-Plag ist kein Schabernack. Die durch Plagiatsjäger ausgelösten Affären stürzen die Wissenschaft immer tiefer in ein existenzielles Glaubwürdigkeitsproblem.“[2] Der DHV, selbsternannte „Berufsvertretung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern“, leidet, wenn die Äpfel faulen.

Verschiedene Verfaulungsszenarien wurden in den Medien bereits vorgeschlagen, insbesondere, dass Geisteswissenschaften verrottet seien (in der Naturwissenschaft gäbe es ja keine Plagiate), dass die Erziehungswissenschaft verrottet sei (da käme man ja auch mit Plagiaten durch) und – mit maximaler Schadensbegrenzung – dass die Erziehungswissenschaft Anfang der 1980er Jahre verrottet gewesen sei, heute aber alles in Ordnung. Das sei damals nun mal so gewesen, dass man die Sekundärliteratur zu Freud umformulierte und dafür zum Doktor ernannt wurde, sagen mit Vorliebe solche Leute, die sich auf ihre reichhaltige Fach- und Lebenserfahrung stützen können und als heute emeritierte Pädagogikprofessoren die Zustände im Fach zu Beginn der 1980er Jahre geradezu versinnbildlichen. In ihren gern auch länglichen Stellungnahmen finden sich alle vier Indizien von Nichtwissenschaftlichkeit, was natürlich nur unterstreicht, dass das damals eben so gewesen sei. Es stellt sich natürlich die Frage, warum man ihnen heute glauben sollte, dass es ihnen um Wahrheit, Erklärung, Begründung und Überprüfbarkeit ihrer Behauptungen ginge, wenn sie selbst bekunden, dass es ihnen schon damals nicht darum gegangen sei.

Man kann natürlich auch behaupten, gar nichts sei verfault, und es handele sich bei allem nur um einen „Streit der Fakultäten“. Da ist dann die Frage, ob die Philosophie die Magd der anderen Fakultäten sei, oder die Theologie vielleicht Herrin aller übrigen. Heute behaupten dann vielleicht sogar Wissenschaftspolitiker auf der Suche nach dem „Ort der Bildung zwischen Lebenswelt und Wissenschaften“, dass die Wissenschaft die Dienerin der Lebenswelt und die Bildung die Herrin der Wissenschaft sei. Die Dienerin der Bildung ist dann natürlich nichts anderes als die Wissenschaft selbst. Wie also könnte die Bildungsministerin, die im „Streit der Fakultäten“ samt ihrer Sekundanten ordentlich mitmischt,[3][4][5] Nichtwissenschaft betreiben? Unmöglich!

Doch zurück zum DHV: „Schavan-Plag“ ist ja nach Hartmers Worten Schuld am Glaubwürdigkeitsproblem der Wissenschaften. Auf einer bestimmten Ebene mag das natürlich richtig sein, und Hartmer mag das auch so empfinden. Doch oben konnte erläutert werden, dass Wissenschaftsbetrug, der nicht deutlich als solcher markiert wird, hauptverantwortlich für das Glaubwürdigkeitsproblem der Wissenschaften ist. „Das ganze Wissenschaftssystem wird scheibchenweise zerlegt und öffentlich vorgeführt“,[2] konstatiert Hartmer, und sucht verzweifelt nach Auswegen aus dem, was ihm unausweichlich deucht. (Er scheint von der allgemeinen Verbreitung schlimmster Verhältnisse überzeugt, vielleicht weiß er sogar qua Amt davon.)

Tragödien griechischen Ausmaßes

Drei Lösungen schlägt er vor, doch an allen hat er auch Zweifel; Skrupel, könnte man meinen:

  1. „eine publikumswirksame Aktion der wissenschaftlichen Großfürsten ‚Wir haben abgeschrieben'“
  2. der „Versuch, die Netzaktivisten als […] Inquisition sozial zu stigmatisieren“
  3. die „Verjährung“ von Wissenschaftsbetrug.[2]

Erstaunlicherweise enthält keiner von Hartmers Lösungsvorschlägen die konsequente Aufklärung und Ahndung von Wissenschaftsbetrug durch Ausschluss aus der Gemeinschaft der Wissenschaftler. Bezeichnend, dass diese naheliegende Haltung ihm keine Option zu sein scheint. Dass seine Verzweiflung überhaupt eher der lieben Frau Ministerin gilt als der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft, darauf deutet hin, dass ihm Vorschläge wie „Wir haben abgeschrieben“, Desavouierung der Boten oder Straffreiheit für Wissenschaftsbetrug überhaupt in den Sinn kommen, bevor er sie deshalb verwirft, weil sie nicht geeignet seien zu verhindern, dass Plagiatsvorwürfe „den promovierten Prominenten“ die „Karrieren zerstören“. Man könnte auch sagen: Schavan kann das alles nicht mehr retten.

Mitleid und Furcht sind die Affekte der klassischen Dramentheorie, und in einer griechischen Tragödie fühlt sich offenbar auch DHV-Leiter Hartmer gefangen:

„Wahrscheinlich bleibt am Ende nichts anderes als die Erkenntnis, dass es tragödienhaft kein anderes Entrinnen aus der Falle gibt als duldsames Ertragen und Abarbeiten jedes einzelnen belegbaren Vorwurfs und alle, wirklich alle Kraft auf das Qualitätsmanagement heutiger Promotionsverfahren zu legen.“[2]

Tragödienhaft empfindet Hartmer also das grausame Schicksal der Wissenschaft. Wikipedia erklärt, dass „tragisch“ im Alltag zwar auch gleichbedeutend zu „sehr traurig“ verwendet wird, dass es aber in Bezug auf die Tragödie bedeutet, „dass jemand aus einer hohen Stellung ’schuldlos schuldig‘ wird und damit den Sturz über eine große ‚Fallhöhe'“[3] erleiden muss. Den Beispielen Ödipus, Orestes, Hamlet oder Maria Stuart würde Hartmer offensichtlich gern die seinem Empfinden nach schuldlos schuldigen tragischen Helden aus den Bundesministerien, zu Guttenberg und Schavan, hinzufügen.

Man könne nur, dem Sisyphos gleich, sein schreckliches Los duldsam ertragen und den Stein Mal für Mal den Berg hinauf rollen, oder man könnte „alle, wirklich alle Kraft auf das Qualitätsmanagement heutiger“ Promotionen legen, Hartmer kann sich da offenbar nicht so recht entscheiden, ob er sich in Grausen und mit aller Kraft von der Vergangenheit abwenden will, oder ob er sie notgedrungen – von gierigen Netzaktivisten gehetzt – abarbeiten will.

Doch auch in der goldenen Zukunft mit dem „Qualitätsmanagement heutiger Promotionsverfahren“ dürfte Hartmer sich wie in einem griechischen Schauspiel fühlen. Denn „Qualitätsmanagement“ mag vielleicht die Effizienz und den wirtschaftlichen Ertrag von Unternehmen verbessern, doch für die Qualität von Wissenschaft sind betriebswirtschaftliche Erwägungen gerade ein Hauptgrund für die Entstehung von Wissenschaftsbetrug: Indem außerwissenschaftliche Maßstäbe und Orientierungen in die Wissenschaft Einzug halten und dort an Bedeutung gewinnen, erscheinen die eingangs erwähnten materiellen Gratifikationen einigen als das eigentliche Ziel von Wissenschaft. Und die materiellen Gratifikationen, das weiß ein Mensch in Hartmers Job, lassen sich durch Qualitätsmanagement optimieren. Aber die Wissenschaft, die lässt sich nur durch die Orientierung an ihren vier regulativen Idealen optimieren.

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11 Antworten zu “In der Plagiatsfalle: Wenn Wissenschaft nicht wissen will

  1. Ein sehr guter Beitrag, der meine Gedanken anregt.

    Das Dilemma ist und bleibt die Untätigkeit der Ministerin für Bildung und Forschung, die dann ein Jahr nach dem Guttenberg-Skandal selbst als Plagiateurin entlarvt wird. Es bedarf der Wissenschaft selbst, um sich nun zu reinigen. Diese kritische Selbstreflexion ist notwendig, um den Fortschritt einzuleiten. Nur wenn ohne Kompromisse auch prominenten Wissenschaftsbetrügern die Tür gezeigt wird, ist die marode Vergangenheit zu bewältigen und eine bessere Zukunft zu erlangen.

    Diese Woche habe ich mit einem fast 80jährigen Betreuer einer Habilitation (noch nicht untersucht) gesprochen, weil die Dissertation des Absolventen derartig desaströs ist, dass klar ist, „der hat niemals selbst habilitiert“. Es fehlt dem Absolventen an der notwendigen Fähigkeit. Der Emeritus gestand, dass drei Professoren wochenlang an der Arbeit saßen, um wenigstens halbwegs ein Habilitationsniveau zu erreichen. Schließlich kam ein Anruf aus einem Ministerium, wann denn endlich die Habilitation fertig sei. Er bestärkte mich, den Plagiatsfall in der Dissertation anzuzeigen.
    Da die Verbindungen in die Politik sehr stark sind, habe ich nur geringe Hoffnung, dass der Titel trotz eindeutiger Plagiate aberkannt wird.

    Die Verflechtung zwischen Politik und Wissenschaft muss aufhören! Politische Stiftungen sollten keine Stipendien mehr vergeben dürfen! So wie die Trennung von Staat und Kirche muss vielleicht auch mal die Trennung von Staat und Wissenschaft diskutiert werden. Leider benötigt es Heerscharen von Plagiatssuchern um diesen großen Sumpf trocken zu legen. Es bleibt zu hoffen, dass sich mehr Menschen dieser wichtigen Aufgabe widmen. Es bleibt auch zu hoffen, dass der Wissenschaftsbetrug mit Politiknähe von Guttenberg, Saß, Pröfrock, Koch-Mehrin, Chatzimarkakis, Schavan et al. nun endlich die notwendige Katharsis auslöst, damit die oben beschriebenen Ideale der Wissenschaft wieder stärker zur Geltung kommen.

  2. Pingback: Wissenschaftstragödie | Texttheater

  3. Danke für diese Habilitationsanekdote! Solche Geschichten werden sich vermutlich nicht in den Akten niederschlagen. Daher wird wohl nie ans Licht kommen, wie üblich derartiges Vorgehen ist. Wissenschaftler werden sich hüten, so etwas bekannt zu machen, dabei wären solche Vorgänge für die Wissenschaftsforschung (wie Wissenschaft wirklich funktioniert, nicht wie sie funktionieren sollte) von größter Bedeutung.
    Schlagen Sie doch dem Emeritus vor, sich Notizen über den Fall zu machen und sie in seinen Nachlass oder ähnliche Akten aufzunehmen!

    Trennung von Staat und Kirche – Trennung von Staat und Wissenschaft – Trennung von Staat und Rundfunk[1][2] – Trennung von Kirche und Wissenschaft. Gleichermaßen notwendige Ausdifferenzierungen in einer posttraditionalen Gesellschaft. So ganz posttraditional sind wir noch nicht.

  4. Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    Sehr geehrter Herr Heidingsfelder,

    lassen Sie uns offen miteinander reden. Soweit ich das überblicke, sind Sie mehr als nur Zuschauer gewesen, wenn für ausgewählte Politiker – vormals Jünger von Wissenschaft und Forschung – die Parole lautete: Rübe ab! Was sehen Sie, wenn Sie sich in Ihrem Büro umschauen? Empire-Möbel, Ahnenbildnisse, bibliophile Raritäten aus der Anfangszeit der Buchdruckerkunst? Schauen Sie durch Ihre Fenster in eine weitläufige Parkanlage, auf deren spiegelhellen Gewässern sommers Gondeln mit lachenden Frauen und Charmeuren dahingleiten und sich die Schwäne ein Stelldichein geben? Wissen Sie, wie es in meinem Herzen aussieht, wenn ich mich nach außen glücklich und zufrieden gebe – und meinem Vaterland die dringend notwendige politische Unterstützung nicht angedeihen lassen darf? Fragen Sie sich selbst einmal, ob Europa nicht auch wegen der „Plagiatsjäger“ so herumkrepelt.

    Ihr Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    Kopie an: Prof. Dr. Guntram Stähnke

  5. Pingback: Kurz kommentiert: Wissenschaftsbetrug | Erbloggtes

  6. Und wer bezahlt das alles?

  7. Gemäß einleitender Definition ist Wissenschaft „gesellschaftlich-politisch institutionalisiert“. D.h. die Gesellschaft zahlt.

  8. Aber Herr Heidingsfelder fordert, dass die Politik sich aus der Wissenschaft raushalten solle. Wer würde dann zahlen?
    Ich finde diese Argumente zu kurz gedacht.

  9. Ich halte eine Differenzierung zwischen Staat und Gesellschaft für notwendig. Dass die Wissenschaft vom Staat unabhängig sein soll, nennt man auch Freiheit der Wissenschaft. Die ist grundrechtlich geschützt.

  10. Dr. Motte erst denken dann schreiben. Mit keinem Wort habe ich den Steuerzahler aus der Pflicht entlassen wollen Forschung und Bildung zu bezahlen. Es ging oben um die Stipendien der politischen Stiftungen und den Anruf eines Ministeriums um in Sachen Habilitation Druck auszuüben.

  11. Pingback: Kein Fall Schavan | Erbloggtes

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