Kurz kommentiert: Wissenschaftsbetrug

Erlesenes benötigt manchmal wenig Kommentar, besonders wenn keine Zeit dazu ist.

1. Schavan soll Anfang der Woche ihre Stellungnahme in Düsseldorf eingereicht haben, weiß der Tagesspiegel. (Plagiatsverdacht. Schavan hat sich offenbar erklärt. In. tagesspiegel.de, 9. November 2012.) Dass diesmal weder Spiegel noch Cicero, sondern ein Blatt ganz anderen Typs „geheime“ Informationen aus Düsseldorf erhalten hat, spricht klar dafür, dass es sich nicht um einen Maulwurf dort handelt, sondern dass ganz unterschiedliche Leute ganz unterschiedliche Dinge an ganz unterschiedliche Kontaktpersonen weitergeben.

2. Der Philosophische Fakultätentag hat eine Pressemitteilung herausgegeben und darin der Universität Düsseldorf den Rücken gestärkt. Er verwahrt sich dagegen, dass „aus Rücksicht auf außerwissenschaftliche Anliegen das sorgfältige Analysieren und das sich daran anschließende verantwortungsvolle Urteilen [der zuständigen Düsseldorfer Stellen] diskreditiert werden“ solle. (Tassilo Schmitt: Regeln guter wissenschaftlicher Praxis für Promotionen. In: Informationsdienst Wissenschaft, 1. November 2012)

3. Maria Dettenhofer sieht in der Debatte um eine Verjährung von Promotionsbetrug „bei vielen noch unentdeckten Plagiatoren, die heute in hohen Positionen sitzen“, große Entdeckungsängste, „so dass eine zehnjährige Verjährungsfrist sie wieder ruhig schlafen ließe. Auch als Klientel wären sie dem Gesetzesinitiator gewiss dankbar.“ (Maria Dettenhofer: Frage der Ehre. In: Forschung & Lehre, Heft 10/2012, S. 830.) Dass sie das alles zu einer „Frage der Ehre“ erklärt, ist analytisch zwar allzu oberflächlich, aber diesen Mangel geht Ingrid Galster an:

4. Die im Ruhestand befindliche Romanistin zeichnet die sozialen Abhängigkeiten, Verantwortlichkeiten und Mittäterschaften nach, die Wissenschaftsbetrug in Qualifikationsschriften zu einem Gemeinschaftsunternehmen machen, bei dem die Fachkollegen zumindest stillhalten müssen und es oft genug auch tun, ob aus Feigheit oder in der Erwartung eigenen Nutzens. Da eine hohe Promotionsanzahl finanzierungs- und prestigeträchtig ist, sind die Prüfer motiviert, durchzuwinken oder sogar zu tricksen. Und da dieser Zusammenhang nach der Promotion nicht aufhört, droht das „System des Missbrauchs“ ins Herz jeder Fachkultur hineinzuwachsen. (Ingrid Galster: Ein System des Missbrauchs. In: Frankfurter Rundschau, 4. November 2012.)

Wenn erstmal alle kompromittiert sind, gibt es keinerlei Aufklärungswillen mehr. Und Außenseiter, die aufbegehren, können von verfilzten Insidern leicht mundtot gemacht werden. Wie in jedem straff hierarchischen System.

Update, 11.11.2012: 2. b) Nicht nur der Philosophische Fakultätentag unterstützt die Universität Düsseldorf in ihrer Verfahrenshoheit im Fall Schavan, sondern auch der Deutsche Hochschulverband (DHV). Während dessen Geschäftsführer Hartmer das Tragödienhafte an Wissenschaftsplagiaten betont, sich aber immerhin den Notwendigkeiten stellen und die Plagiatsfälle „duldsam“ abarbeiten will, fordert DHV-Präsident Bernhard Kempen „Mehr Respekt gegenüber der Universität Düsseldorf“. „Es sei verwunderlich, wie hochrangige Vertreter der Wissenschaft in den letzten Tagen im Wege der Ferndiagnose politisch gewünschte Ergebnisse herbeizureden versuchten.“ Genau das hier bereits mehrfach diskutierte Dreinreden der von der Bildungsministerin (man könnte auch sagen: von der Plagiatsverdächtigen) großzügig entlohnten Wissenschaftsorganisatoren Kleiner (DFG), Mlynek (Helmholtz-Gemeinschaft) und Schwarz (Humboldt-Stiftung) spricht Kempen an, wenn er „die Universität Düsseldorf vor Kritik in Schutz“ nimmt.

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5 Antworten zu “Kurz kommentiert: Wissenschaftsbetrug

  1. Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    @Erbloggtes bekennt, „manchmal wenig Kommentar“ zu benötigen, „besonders wenn keine Zeit dazu ist.“ Langsam nähern wir uns dem Kern der Sache. Wer im Rahmen seines Dissertationsprojektes eine Blütenlese von Texten anderer Autoren anfertigt und aus Zeitgründen – weil ihn z.B. familiäre Aufgaben weitgehend ausfüllen – von einem umfangreichen Anmerkungsapparat und einem nicht enden wollenden Literaturverzeichnis absieht, praktiziert genau das, was @Erbloggtes auf seine Fahnen geschrieben hat: Viel Inhalt und wenig Kommentar. Doch zu welchem Ende? Dass man erst wieder ruhig schlafen kann, wenn der Hickhack universitärer Koryphäen und anderer Interessenvertreter ausgetragen und einem der Doktortitel aberkannt worden ist!

    Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

  2. In der Tat. Ihre Einsicht, Herr von Eichenbach, ist wirklich weiterführend. Es ist nichts Ehrenrühriges daran, viel Inhalt mit wenig Kommentar zu versehen. Überhaupt sollte man anhand aktueller Entwicklungen erwägen, ob Doktorgrade nicht in einer demokratischen Gesellschaft demokratisch verliehen werden sollten. Bei Frau Schavan haben ja bereits Dutzende ihre Stimme abgegeben. Warum nicht einfach Wahlurnen aufstellen und so die Entscheidung fällen?

  3. Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    Sehr geehrtes @Erbloggtes,

    die Aufstellung einer Urne im Angesicht der würdevoll schweigenden Prüfungskommission und der Einwurf von Stimmzetteln, womöglich bei getragener Blasmusik, wäre eine echte Neuerung. Mein Lehrer Hans A. Seemüller hätte sicher auch nichts gegen ein Kruzifix an der Wand hinter der Kommission einzuwenden. Zur Abstimmung zugelassen werden dürften allerdings nicht Hinz und Kunz, sondern allein Familienmitglieder des Doktoranden, denn nur sie sind Zeugen der jahrelangen Köhlerarbeit gewesen und folglich zu einer fairen Beurteilung in der Lage.

    Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

  4. Ach, Herr von Eichenbach!
    Mit der Zeugenschaft ist das so eine Sache. Meistenteils sitzt ja niemand aus der Familie neben dem Köhlerarbeit Leistenden. Dafür kann anhand des Manuskripts aber alle Welt bezeugen, wie der Betreffende die Prüfer verkohlt hat. Dass Sie nun vom im fränkischen Raum verbreiteten Kärrner zum Köhler übergelaufen sind, kann ich nur mit der langen Zeit im Exil erklären, seit man Sie wie Köhler unschuldig davongejagt hat.

    Neulich sagte ein weiser Mensch, dass eine plagiierte Promotion kein Betrug, sondern lediglich die Erwerbung eines Doktortitels ohne Kärrnerarbeit sei, wie sie nur großen Geistern gegeben ist:

    „Ich hätte mir die wissenschaftliche Kärrnerarbeit antun müssen. Die sorgfältige Detailarbeit, gerade das korrekte Einarbeiten und Zitieren fremder Quellen, ist wiederholt unterblieben. Diese Arbeiten hätten niemals unter Zeitdruck stattfinden dürfen.“[1]

  5. Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    Sehr geehrtes @Erbloggtes,

    zur Unmenschlichkeit der modernen Wissenschaft, die keine Fremden in ihren Mauern duldet, habe ich bereits in meinen „Sahnetorten“ eindeutig Stellung bezogen und möchte hier lediglich verdeutlichen, dass mich der bis zum Scheitern absolvierte wissenschaftliche Parkour in der Tat abgehärtet hat. Er nährte meine Überzeugung, für die Politik geboren worden zu sein. Demgemäß werde ich meine gegenwärtige ehrenamtliche Berater- und Vortragstätigkeit an den Universitäten zurückfahren und mein politisches Engagement intensivieren. Sie werden sehen, dass Aufrichtigkeit und Herzenswärme eherne Werte sind, an welchen der Neid und die Kleinlichkeit der Rückwärtsgewandten zu zerschellen bestimmt sind.

    Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

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