Fall Schavan: Überblick, Ausblick, Rückblick

Eröffnete sich durch die Plagiatsaffäre Schavan ein neuer Raum von Chancen für die Wissenschaft, effektiver gegen Plagiate und anderen Wissenschaftsbetrug vorzugehen? Vermutlich nicht. Zu stark erscheinen die Instrumentalisierungen der Plagiatsdebatten für Vorschläge, die mit dem eigentlichen Problem wenig bis nichts zu tun haben. Einen Rückblick auf bisherige Ansätze, Richtlinien und Positionspapiere zum wissenschaftlichen Fehlverhalten gibt (mit Linkliste):

Wer den Überblick über den Fall Schavan verloren hat, kann dort auch eine gute Zusammenfassung finden. Zu den zentralen Begriffen dabei gehört zweifellos die Irritation, die im Oktober 2012 in der Wissenschaft vorherrschte. „Seitdem herrscht gespannte Stille: Wie fällt die Entscheidung aus?“, fragt Prußky zu einem die Wissenschaft irritierenden, belastenden und vor allem betreffenden Verfahren. Doch die als bedroht geschilderte Autonomie der Wissenschaft ist bereits dahin: Da sie die Wissenschaft nicht unter die Oberherrschaft ihrer Politik zwingen konnte, schickte die zuständige Ministerin das Rechtssystem vor: „Wann welcher Verfahrensschritt auf dem Weg zur Entscheidung begangen wird, darf die Universität nicht sagen. Dafür sorgten Schavans Anwälte.“

Politikerlügen im Wahlkreis

Man kann es als bloßes Wahlkampfgebrabbel abtun, wenn der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder in Schavans Wahlkreis Ulm erklärt:

„‚Wir lassen nicht zu, dass diese Frau beschädigt wird, wir sind stolz darauf, eine solche Bildungsministerin zu haben‘, rief Kauder unter dem Beifall der CDU-Mitglieder im Saal aus. Die ganze Wissenschaftsgemeinde sehe das genauso und sei [sic, schwäbisch für: habe] zu Schavan gestanden, fügte Kauder hinzu.“[1]

Oder man nennt es (wie schon vor einigen Wochen) einen „politisch motivierten Frontalangriff auf die Freiheit der Wissenschaft“ (SPD) oder kritisiert, „Ministerielle Maulkörbe gegenüber einer autonomen Universität kollidieren mit der Wissenschaftsfreiheit.“ (Grüne) Die FDP ist in diesem Zusammenhang aus nostalgischen Gründen zu erwähnen: Plagiatsexpertin Silvana Koch-Mehrin verlautbarte „es sei auffällig, dass besonders Politiker von Union und FDP unter Plagiatsverdacht gerieten“. Daraus schlussfolgert sie – nicht überzeugend, aber klassisch: „Da geht es nicht um die Reinheit der Wissenschaft, sondern um den Skandal.“[2]

Leserhinweis auf Tippex-Orgie

Dank eines Leserhinweises kann hier ein Blick zurück auf jene junge Frau stattfinden, deren Fall nun die Wissenschaftsfreiheit zu bedrohen scheint:

„Sie ging schon während des Studiums sehr ehrgeizig ihren Weg. Mit 25 schloss sie ihre Promotion ab. Doktorvater ist der Düsseldorfer Erziehungswissenschaftler Gerhard Wehle […]. Wehle unterstützte die Studentin nach besten Kräften, und beide halten bis heute den Kontakt. […] Wenn Schavan an die Schreibarbeit von damals denkt, muss sie lachen. ‚Für die Dissertation hatte mir mein Vater eine Kugelkopf-Schreibmaschine aus dem Büro mitgebracht‘, sagt sie. Es wurde ein Akt mit viel Tippex und verrutschten Fußnoten. Resultat: ‚Magna cum laude.'“[3]

Diese Darstellung von Schavans Dissertationszeit stammt von 2008. Viel Tippex lässt sich in der Dissertation, die ja mit einem fotomechanischen Druckverfahren von der Schreibmaschinenfassung vervielfältigt wurde, nicht feststellen. S. 289, Fußnotenzeichen 3 könnte mit Tippex korrigiert sein, ebenso S. 292, Fußnotenzeichen 1 und 3 – wohlgemerkt nur die Fußnotenzeichen im Text, die demnach möglicherweise falsch nummeriert waren. Als Erklärung (oder gar Entlastung) für die Plagiatsbefunde taugt dieser Umstand allerdings nicht. Denn wenn man durch technische Schwierigkeiten verlorengegangene oder verrutschte Fußnoten annehmen wollte, blieben immer noch die drei anderen Merkmale, mit denen eigene Gedanken von fremden unterschieden werden können: Anführungszeichen, grafische Hervorhebung (z. B. durch Einrückung) und Nennung des referierten Autors im Text.

Das Fehlen aller vier Merkmale an einer Vielzahl von Stellen ist nicht anders erklärbar als durch Absicht. Das ist völlig unabhängig davon, ob man zur Manuskripterstellung die väterliche Kugelkopf-Schreibmaschine benutzt hat oder in jahrelanger Kleinarbeit mehrere Computer und 80 Disketten. In Schavans Fall müssten sich zahlreiche Tippexflaschen über einen Stapel von Manuskriptseiten ergossen haben, damit sich die fehlenden Quellenangaben so erklären ließen. So kann man allenfalls von Vertuschung sprechen.

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4 Antworten zu “Fall Schavan: Überblick, Ausblick, Rückblick

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  2. Nur in einem Punkt bin ich anderer Meinung: Die Autonomie der Wissenschaft ist zwar bedroht, aber sie ist nicht „bereits dahin“. Sie kann in den nächsten Wochen (Monaten?) noch erfolgreich verteidigt werden. Wenn das aber nicht gelingt, ist sie allerdings wirklich verloren.

    Der „Maulkorb“, den die Ministerin durch ihre Rechtsanwälte verhängen ließ, ist nur normale flankierende Maßnahme in einem solchen Konflikt. Möglicherweise gab und gibt es hinter den Kulissen noch ganz andere Manöver. Viel empfindlicher für die Autonomie der Wissenschaft ist aber die Bereitschaft von Wissenschaftlern und Wissenschaftsfunktionären, sich für politische Zwecke instrumentalisieren zu lassen und / oder eigene Interessen über elementare Grundsätze der Wissenschaft zu stellen, z.B. als Funktionsträger oder als Empfänger von / Bewerber um Zuwendungen aus dem Hause Schavan. So etwas verweist auf Korruption.

    Aus Düsseldorf jetzt Schweigen. Man vergisst aber über dem Medienhype der Wochen nach dem geleakten Gutachten, dass auch in den Monaten zuvor aus Düsseldorf nichts zu hören war. Damals wurde das so interpretiert: „Die tun ja sowieso nix.“ Jetzt wird gemunkelt: „Die knicken ja sowieso ein.“ Warten wir ab.

  3. Ganz richtig, dass die Freiheit der Wissenschaft vor allem von innen bedroht ist. Wenn ein Kauder ruft: „Macht, was wir euch sagen, oder wir machen euch platt!“, dann ist das erstmal weit weniger bedrohlich als wenn das die DFG oder eine andere Wissenschaftsorganisation tut.

    Wenn irgendwelche Abgeordneten irgendwelche konkreten Forderungen zu einem solchen Fall erheben, dann kann man das als Wissenschaftler ja getrost ignorieren. Das Beispiel oben zeigt ja: Die Opposition behauptet das Gegenteil, und Beschlüsse kann die Legislative eh nicht fällen. Wenn eine zuständige Landesregierung sich derart positionieren würde, sähe die Sache wohl anders aus.

    Der anwaltliche „Maulkorb“ bedrückt mich aber prinzipiell, weil sich damit eine Oberherrschaft des Rechtssystems über das Wissenschaftssystem ausdrückt. Denn zu den Grundregeln des Wissenschaftssystems gehört Öffentlichkeit; wenn irgendwelche Persönlichkeitsrechte der Wissenschaft das Öffentlichkeitsprinzip verbieten können, ist das ein starkes Stück.

    In den USA wird auf rechtlichen Wegen versucht, die Evolutionstheorie aus den Schulen zu vertreiben. Ich sehe darin prinzipiell eine Gefahr für die Wissenschaftsfreiheit.

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