Wissenschaftsfreiheit versus Politiknähe

Erinnerte Schavan sich korrekt, wenn sie an ihre Promotionszeit zurückdachte, wie gestern vorgestellt? Abgesehen von der Tippex-Frage sind Schavans Studienerinnerungen noch nicht ausgewertet und für die Analyse der gegenwärtigen Plagiatslawine fruchtbar gemacht. Ein Aspekt davon lässt sich hier näher beleuchten.

“Sie ging schon während des Studiums sehr ehrgeizig ihren Weg. Mit 25 schloss sie ihre Promotion ab. Doktorvater ist der Düsseldorfer Erziehungswissenschaftler Gerhard Wehle […]. Wehle unterstützte die Studentin nach besten Kräften, und beide halten bis heute den Kontakt. […] Wenn Schavan an die Schreibarbeit von damals denkt, muss sie lachen. ‘Für die Dissertation hatte mir mein Vater eine Kugelkopf-Schreibmaschine aus dem Büro mitgebracht’, sagt sie. Es wurde ein Akt mit viel Tippex und verrutschten Fußnoten. Resultat: ‘Magna cum laude.’”[1]

An Parallelen zum Fall Guttenberg verweist Schavans Rückblick auf Ehrgeiz, eine andauernd gute Beziehung zum Doktorvater, eine chaotische Arbeitsweise, paralleles Engagement in der Politik und nicht zuletzt eine gute Note. Ehrgeiz und Chaos dürften in der Wissenschaft weit verbreitet sein. Ob sich für die Trias Betreuungsbeziehung-Politik-Benotung ein Zusammenhang mit Plagiarismus feststellen lässt, müsste näher untersucht werden. Auszuschließen ist jedenfalls nicht, dass Prüfer bei Kandidaten, die als Repräsentanten der eigenen politischen Präferenzen auftreten, mehrere Augen zuzudrücken geneigt sind.

Der beste Parteinachwuchs …

Sollte sich ein solcher Zusammenhang bestätigen lassen, könnte man davon ausgehen, dass in jenem Segment des Wissenschaftsbetriebsugs die Universität nicht als vor allem wissenschaftliche Einrichtung angesehen wird, sondern primär als Vorfeldorganisation der politischen Parteien. Diese Diagnose passt natürlich außerordentlich gut zu den derzeit verstärkt feststellbaren Einflussnahmebemühungen der Politik auf die Wissenschaft. Und gerade in der Doktorandenausbildung spricht für diese Hypothese, dass die parteinahen Stiftungen in Deutschland es sich allesamt auf die Fahne geschrieben haben „mit Stipendien und studienbegleitenden Programmen die wissenschaftliche Aus- und Fortbildung begabter junger Menschen zu fördern“.[2]

… den man für das Geld des Steuerzahlers kaufen kann

Doch die Stiftungen „fördern“ nicht selbst die angeblich begabten jungen Menschen. Als sogenannte Begabtenförderungswerke nehmen die sechs Parteienstiftungen ebenso wie drei religiöse „Studienwerke“, die Stiftungen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern sowie die Studienstiftung „des deutschen Volkes“ in jedem Jahr viele Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF, ja genau, von Schavan) und verteilen sie an Studierende und Promovierende, die ihnen geeignet erscheinen.[3] Die Parteienstiftungen fördern also nicht, sie wählen vor allem aus. Natürlich gibt es für die Auswahl Richtlinien. Aber eine Vorfeldorganisation wäre keine Vorfeldorganisation, wenn sie sich nicht der Förderung der Partei verschrieben hätte, deren Vorfeld sie abdeckt.

Annette Schavan hat in dem Zeitraum, den sie offenbar als „ihre“ Legislaturperiode ansieht, die dazu „zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel in bislang beispielloser Weise von 80,5 Mio. € (2005) auf 168,2 Mio. € (2011) gesteigert“.[4] Nicht erwähnt wird in der ministeriellen Werbung der seit Jahren bekannte Befund, dass die Vorfeldorganisationen zwar immer betonen, nicht nach Parteibuch auszuwählen, dass sie de facto jedoch vor allem den eigenen Vorgarten bestellen. Wozu das führen kann, das demonstriert am besten ein Beispiel:

Vor allem für die „besonders begabte“ FDP ist das Problem offensichtlich. Indem sie ihren Nachwuchs großzügig mit Stipendien versorgt, kann sie niemanden dazugewinnen, der diesem sich in Agonie windenden Parteistumpf Impulse aus der Krise geben könnte. Die letzten Bürgerrechtler der Partei überaltern. Und die „JuLis“ werden in Scharen ermutigt, doch trotz fehlendem Willen und fehlender Fähigkeit zu promovieren, da die Partei sie gern länger an sich binden möchte. Das Ergebnis ist eine Funktionärsriege, in der Jugendlichkeit als Qualitätsmerkmal ausreichen muss, die aber die höchste vorstellbare Plagiatorenquote überhaupt hat, und deren Expertinnen dann behaupten, es müsse sich um eine Kampagne des politischen Gegners handeln,[5] weil so viele Parteigenossen als Plagiatoren entlarvt werden.

Gegen plagiierende Politiker dürfte es die wirksamste Therapie sein, diesen Konnex von Wissenschaft und Politik, in dem die Parteien dem eigenen Nachwuchs universitäre Pfründe verschaffen, konsequent zu zerbrechen. Auf die systematische Subventionierung von Politikern, die für ihre Karriere promovieren, kann die Gesellschaft ebensogut verzichten wie auf Magengeschwüre.

Lebensleistung in Netzwerken

Alle, die stets die großen Erfolge von Schavans „Lebensleistung“ betonen, müssen sich fragen lassen, mit was sie denn bestochen wurden, um diese Parteisoldatenförderung als gute Wissenschaftspolitik anzusehen. Zweifellos erzeugt das gemeinsame Studieren und Forschen der so Geförderten eine Gruppensolidarität. Nach der Devise, wer zur eigenen Studienstiftung gehöre, könne ja kein schlechter Mensch sein, lassen sich so auch Jahrzehnte später noch allerlei Gefallen einfordern. Studienförderungswerke funktionieren in diesem Punkt wie Burschenschaften, zusätzlich unterstützt von Steuergeldern.

Schavan kennt diese Zusammenhänge ganz genau: Gleich nach ihrer Promotion begann sie eine Karriere bei der katholischen Stipendienvergabestelle Cusanuswerk, deren Leiterin sie 1991-1995 war. So werden in Deutschland wissenschaftspolitische Karrieren gemacht – daher wurde Schavan vom Cusanuswerk ins Kultusministerium Baden-Württemberg wegberufen, anschließend war sie für das BMBF gebucht. Dass sie umstandslos namhafte Wissenschaftler mobilisieren konnte, um gegen die normale Prüfung ihrer Dissertation vorzugehen, kann bei dieser Vorgeschichte nicht überraschen.

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2 Antworten zu “Wissenschaftsfreiheit versus Politiknähe

  1. Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    Nur gut, dass ich, solange ich denken kann, finanziell auf eigenen Beinen stehe und mich nicht krumm zu machen hatte vor irgendwelchen eigennützigen Vergabekommissionen für Stipendien. Ich war allein der Wissenschaft und meinem Gewissen verpflichtet. Übrigens wurde meine Leistung durch den Titelentzug keineswegs entwertet, ebenso wenig wie ein Bäckermeister seiner Kompetenz beraubt wird, indem man ihm seinen Meisterbrief aus dem Verkaufsraum stiehlt.

    Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

  2. Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    Welchen Rat sollte ich Studenten geben, die klamm sind und trotzdem promovieren wollen? Bis zum Verkaufsstart für die Promotionsschrift vergehen Jahre, in denen man zwischen Aushilfsjobs und der Forschungsarbeit hin und her jagt; am Gelde fehlt es ständig, und zugleich hat man eben wegen seiner Beschäftigung als Pizzafahrer, Zeitungsverteiler und Gehilfe auf Baustellen kaum Zeit für seine Studien. Stipendien kommen für einen freien Geist nicht in Betracht. Man könnte sich am Fürsten Pückler orientieren: Auf Brautschau nach einer alten reichen Witwe gehen, die einen auch dann noch anhimmelt, wenn der Titel eingezogen worden ist.

    Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

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