Antisemitismus ohne Juden. Wirkt auch mit Judaisten

Erschwert es die Judenfeindlichkeit, wenn man gar keine Juden kennt? „Antisemitismus ohne Juden“ definiert die Wikipedia als den Umstand, „dass auch in Gegenden ohne jüdische Bevölkerung Judenfeindlichkeit besteht oder sogar stärker ausgeprägt sein kann als in Regionen mit einer jüdischen Gemeinde.“[1] Als Frank Schirrmacher vor einigen Wochen in Düsseldorf die Josef-Neuberger-Medaille für „nichtjüdische Persönlichkeiten, die sich um die jüdische Gemeinschaft verdient gemacht haben“,[2] erhielt, wollte er eigentlich über sprachlichen Sadismus sprechen. Doch zuerst erzählte er eine Anekdote über Marcel Reich-Ranicki:

„Soll man in einer Rezension schreiben, dass Hilde Domin Jüdin war? Einmal strich er es heraus und sagte: ‚Ich will nicht, dass man denkt, sie brauche Rabatt.‘ Später änderte er seine Meinung, weil sich auch das Klima unter dem Schatten des Historikerstreits änderte: ‚Wir werden uns nicht verstecken‘, sagte er, ‚und Hilde Domin schon gar nicht.'“[3]

Sagen oder Nichtsagen, das ist hier die Frage

Reich-Ranicki sah es also später nicht mehr als empfehlenswert an, jemandes jüdischen Glauben zu verschweigen. Rabatt gibt es dafür keinen, und schämen – oder verstecken – muss man sich deswegen auch nicht. Reich-Ranickis und Schirrmachers FAZ hat die Erwähnung jüdischer Religionszugehörigkeit aber offenbar nicht zum Prinzip gemacht. Neuerdings scheint dort aber die Erwähnung einer judaistischen Disziplinzugehörigkeit obligatorisch zu sein. In einem Artikel auf Causa Schavan stellt die Autorin Simone G. daher zwei Dinge in einen erschreckenden Zusammenhang:

  1. Dass die Schavan-Sonderkorrespondentin der FAZ, Heike Schmoll, nie zu erwähnen vergisst, in welchem Fachgebiet Gutachter Rohrbacher Professor ist.
  2. Dass Stefan Rohrbacher, der Vorsitzende der Schavan-Prüfungskommission, neuerdings antisemitisch angefeindet wird.

Die genaue Lektüre der FAZ offenbart rasch, dass Schmoll natürlich nicht dazu aufgerufen hat, Rohrbacher antisemitisch anzufeinden. Sie hat nur die Wortkombination “der Judaist Stefan Rohrbacher” zu einer stehenden Redewendung gemacht.[4][5] Eine Google-Suche nach „der Judaist Stefan Rohrbacher“ ergibt derzeit 10 Treffer (einschließlich dieses Artikels dann bald 11). 7 davon gehen zurück auf die FAZ, 5 davon auf Schmolls Prägungen dieser Wendung. Gibt es trotzdem eine Verbindungslinie zwischen den beiden genannten Umständen?

Simone G. geht auf Causa Schavan darüber hinweg, stellt lediglich fest, dass ein antisemitisches Publikum offensichtlich gern bereit ist, auch hier (wie überall) eine jüdische Verschwörung zu wittern. Das geht sehr gut, ohne dass irgendjemand ausdrücklich schreiben muss, dass Stefan Rohrbacher Jude ist. Nicht einmal Spiegel Online schreibt das explizit in seinem großen Rohrbacher-Porträt.[6] Dort steht lediglich, dass er „Vorsitzender des Gemeinderates der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf“ war und 1985 mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland stritt, weil dieser damals wollte, dass mit „Andersgläubigen verheiratete Juden […] nicht mehr in jüdische Führungspositionen aufsteigen können“.[6] Die Beschreibung Rohrbachers als „mit einer Christin verheiratet“[6] würde an dieser Stelle keinen Sinn ergeben, wenn Rohrbacher kein Jude wäre.

Es sagt auch niemand offen, dass Rohrbacher nun antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt ist. Das gelangt nur auf dem Wege des Gerüchts in die Welt. Es ist ein Komplex aus Schweigen, Andeutungen und Anspielungen zu erkennen. Er macht es schwierig, die Linie zu sehen, die von Schmolls FAZ-Artikeln bis zum angeblichen Polizeischutz führt. Zuerst ist zu fragen: Was bedeutet es, wenn wenn Schmoll hervorhebt, dass Rohrbacher Judaist ist? Dass Schmoll eine ausgesprochene Schavan-Freundin ist, dürfte bereits bekannt sein.[7][8][9]

Sorgfältige Quellenkritik oder stereotype Scheinerklärung?

Simone G. erwägt, dass Schmoll mit Hervorhebung der Judaistik vielleicht darauf hinweisen will, dass Rohrbacher kein Erziehungswissenschaftler ist und deshalb nicht kompetent genug sei, eine erziehungswissenschaftliche Schrift auf Plagiate zu begutachten. Das ist aber offenbar nicht hinreichend, da Schmoll noch öfter auf Rohrbachers angeblich judaistische Methdodik abhebt. Beispielsweise habe er 60 Beanstandungen in Schavans Dissertation „so akribisch aufgeführt, als gehe es darum, einen apokryphen Text des Alten Testaments zu kollationieren.“[10]

Zwar gehört es zu einem (historisch-)kritischen Verfahren, wie man es sich von der deutschen Qualitätspresse öfter wünschen würde, dazu, zu fragen, wer der Autor einer Aussage ist, und welche Eigenschaften dieses Autors Einfluss auf die Aussage genommen haben können: Ist er wohlinformiert? Ist er qualifiziert? Ist er parteiisch? Über den Autor eines Textes zu sprechen, statt über seine Argumente, ist also nicht per se illegitim.[11]

Doch in diesem Fall liegt gar kein kritisches Verfahren vor, weil der betreffende Text von Schmoll bereits im Untertitel „Plagiatssucher im Internet“ und ihr „technizistisches Textverständnis“ mit dem „Gutachten der Düsseldorfer Universität“ gleichgesetzt hat,[10] also offenbar gar kein Bedarf mehr an einer kritischen Analyse der Eigenschaften des Gutachters besteht. Für Schmoll steht bereits fest, dass das Gutachten „technizistisch“ und „mit kleinteiligen Wortabgleichen“ vorgeht,[10] was sie (fälschlich, wie Rektor Piper später entgegnet[12]) für unzureichend erklärt.

Schmoll muss also gar nicht mehr kritisch nach den persönlichen Eigenschaften von Gutachter Rohrbacher fragen, um das Gutachten der kritischen Bewertung zu unterziehen, mit der sie sein Gewicht abschwächen will. Dennoch tut sie es ausgiebig. „Judaist“ ist er, mit „Ehrgeiz“, und „so akribisch“ geht er vor, „als gehe es darum, einen apokryphen Text des Alten Testaments zu kollationieren“.[10] Was Rohrbacher hingegen nicht tut ist das, was man nach Schmoll von einem Geisteswissenschaftler erwarten müsste:

„Es scheint so, als werde die für die Geisteswissenschaften zentrale Methode der hermeneutischen Textanalyse zugunsten eines kleinteiligen Wortabgleichs verabschiedet. Die hermeneutischen Wissenschaften fürchten spätestens seit der Guttenberg-Affäre um den Verlust zentraler Techniken des Textverstehens und Interpretierens.“[10]

Deutlich, was Schmoll damit sagen will: Rohrbacher versteht den Text nicht und interpretiert ihn falsch, denn mit hermeneutischen Wissenschaften hat er wenig am Hut, ihre „zentrale Methode der hermeneutischen Textanalyse“ ignoriert er „zugunsten eines kleinteiligen Wortabgleichs“.[10] Schmoll nennt Rohrbacher demnach kleinlich. Er arbeitet, als würde er, der Judaist, „einen apokryphen Text des Alten Testaments“ auf Differenzen verschiedener Überlieferungen hin untersuchen. Ohne die so zentrale Hermeneutik, ohne Verstehensbemühen. Hermeneutik, so zentral „für die Geisteswissenschaften“, ist hierzulande ursprünglich die Auslegungslehre der Bibel, ihr wissenschaftlicher Begründer Friedrich Schleiermacher entwickelte in der protestantischen Theologie, was sich später in allen Geisteswissenschaften verbreitete.

Wie Schmolls Erklärung für das negative Gutachten ausfällt

Doch zurück zu Schmoll, die das als studierte evangelische Theologin und seit 2002 theologische Ehrendoktorin natürlich weiß.[13] Warum, fragt sie sich, ignoriert Rohrbacher die Hermeneutik und behandelt Schavans Dissertation stattdessen technizistisch so, „als gehe es darum, einen apokryphen Text des Alten Testaments zu kollationieren“? Die Antwort, die Schmoll dem Leser in diesen Worten bereits gibt, lautet: Weil er Judaist ist. Offenbar behandelt er auch neuzeitliche Dissertationen wie „einen apokryphen Text des Alten Testaments“. Wahrscheinlich behandelt er alles so, und das deshalb, weil er die christliche Verstehenslehre nicht kennt oder nicht mag. Einen Moment bitte, könnte man einwenden, die Judaistik ist doch gewiss auch eine Geisteswissenschaft. Der Rohrbacher aber, der betreibt sie nicht wie eine solche, wenn er die „zentrale Methode der hermeneutischen Textanalyse“ weglässt: Zu wenig christliche Schriftauslegung und zu viel judaistische Kleinlichkeit.

Vielleicht liegt es ja gar nicht daran, dass Rohrbacher Judaist ist, sondern daran, dass er Jude ist. Das schreibt zwar keiner, aber lesen wird man es ja wohl noch dürfen. Und für Schmolls Leser legt sich eine solche Lesart schon recht nahe.

Schmoll nutzt die Beschreibung Rohrbachers als eines kleinteiligen, akribischen Judaisten nicht, um das Gutachten kritisch zu hinterfragen. Ihre Kritik am Gutachten benötigt diese Charakterisierung des Autors gar nicht. Sie beschreibt den Autor deshalb in dieser Weise, um die dem Gutachten zugesprochenen Mängel zu erklären! Die von Schmoll behaupteten Mängel der Kleinteiligkeit und fehlenden hermeneutischen Textanalyse erklären sich demnach nicht etwa aus sachlichen Erfordernissen eines solchen Gutachtens, sondern aus negativen Eigenschaften des Autors.

Schmoll äußert ihre Aversion gegen den Gutachter in einer Weise, die eine stereotype Wahrnehmung der Gruppe erkennen lässt, zu der er gehört. Wenn man es sich recht überlegt, gibt es aber gar keine richtigen Stereotype, wie Judaisten denn eigentlich sind. Nur über Juden gibt es Stereotype, man nennt sie auch antisemitische Stereotype, und dazu gehört auch die Kleinlichkeit. Versinnbildlicht ist dieses Stereotyp im jüdischen Geldverleiher, der auf Batzen und Heller genau die Schuld von seinem Gläubiger einfordert, womit er auch noch gegen die christliche Tugend der Großzügigkeit verstößt. Aber auch der verbohrte, haarspalterisch an seinen Texten klebende Schriftgelehrte, aus dessen Wissenschaft weder wahre Erkenntnis noch gar Heil für die Menschheit sprießt, gehört zum festen Bestand christlich-antisemitischer Stereotypen.

Wer bei Schavan Plagiate findet sei unchristlich

Man kann Schmolls Artikel schwerlich anders lesen, als dass sie darin die Leute kritisiert, „die in kleinlicher Weise Kritik üben und dabei den Zusammenhang vernachlässigen“. Diese Leute hält sie für Heuchler, und zwar für jüdische Heuchler, wie das Faktum demonstriert, dass vorstehendes Zitat aus dem Wikipedia-Artikel „Pharisäer“ stammt. Ebenso die Erläuterung der christlichen Legende, dass Pharisäer „zwar den genauen Wortlaut des Gesetzes erfüllten und auf dessen strenge (teilweise durch eigene Regeln verschärfte) Einhaltung achteten, aber den Sinn hinter den Gesetzen nicht beachteten.“

Gibt es wirklich einen Unterschied zwischen diesem christlichen, historisch verfälschten Bild der „Pharisäer“, und der Darstellung der „Plagiatsjäger“ bei Schmoll? Dass „die Plagiatsjäger in ihrer Wortklauberei“ nichts anderes seien als „Gescheiterte Akademiker, Informatiker, Pedanten oder Zeitgenossen, die eine Leidenschaft dafür entwickelt haben, promovierten Prominenten Fehler nachzuweisen und sie im Zweifel auch ‚abzuschießen'“, ganz egal, wie es um die „Gesamtleistung der Arbeit […], die Entstehungszeit einer Dissertation […] und die fachspezifischen Besonderheiten“ steht, dürfte sie aus Schmolls Sicht klar als Heuchler qualifizieren.[10]

Und Rohrbacher? „Wort für Wort vergleicht auch der Gutachter Rohrbacher“, der sich „das Verfahren der Plagiatsjäger zu eigen gemacht“ habe und „seinen ganzen Ehrgeiz darauf gesetzt [habe], die Mängelliste des anonymen Plagiatsjägers auf der Internetplattform ’schavan.plag‘ [sic] noch zu erweitern.“[10]

Auch Rohrbacher ist demnach ein „Wortklauber“, da hat RP online Schmoll ganz richtig verstanden und fragt beim Rektor nach: „Er sei ein Wortklauber. Haben Sie auch diesen Eindruck?„[12] Rektor Piper gibt darauf die Antwort: „Und wenn es Wortklauberei ist, dass man Texte sorgfältig auf ihre Urheberschaft analysiert, dann ist Wortklauberei eben gute wissenschaftliche Praxis.“[12] Piper sagt nichts von der Hermeneutik der Geisteswissenschaften im Gegensatz zur Akribie der Judaistik.

Dafür aber Schmoll. Die sieht nämlich den Untergang des Abendlandes herannahen, wenn nun nicht mehr nur „Plagiatsplattformen des Internets […] die für die Geisteswissenschaften zentrale Methode der hermeneutischen Textanalyse zugunsten eines kleinteiligen Wortabgleichs“[10] aufgäben, sondern nun auch schon Judaisten wie Stefan Rohrbacher „vernichtend“[14] ausfallende Gutachten über katholische Doktorarbeiten schreiben dürfen. Dann sei die ganze Geisteswissenschaft gefährdet: „Die hermeneutischen Wissenschaften fürchten spätestens seit der Guttenberg-Affäre um den Verlust zentraler Techniken des Textverstehens und Interpretierens.“[10] Und wer ist Schuld an diesem Verlust? Natürlich Judaisten, die „nicht weniger akribisch […] als die Plagiatsjäger […] Wort für Wort, Fußnote für Fußnote“ analysieren.[5]

Mit antisemitischen Stereotypen spielen kann man demnach auch, ohne das Wort Jude zu benutzen. Man kann es auch bei einer Zeitung, die nicht gerade als Hetzblatt gilt, und deren Feuilletonchef gerade von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf mit der Josef-Neuberger-Medaille ausgezeichnet wurde. Man kann es vermutlich auch, ohne sich dessen bewusst zu sein, einfach indem man seinen Aversionen freien Lauf lässt.

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17 Antworten zu “Antisemitismus ohne Juden. Wirkt auch mit Judaisten

  1. Ich kann deinen Aussagen hier nicht ganz folgen und halte sie doch für etwas überinterpretiert – ich halte es etwa für völlig normales Verhalten, dass man über das Fach des Gutachters berichtet. Das ist ein Fakt, den man in der Berichterstattung schwer auslassen kann und natürlich verkneift sich kein Journalist eine Formulierung wie „als gehe es darum, einen apokryphen Text des Alten Testaments zu kollationieren“. Auch diese Darstellung als akribisch arbeitenden, sehr textkritischer Wissenschaftler ist eher als Kompliment und als Bestätigung seines Gutachtens zu sehen als als antisemitisches Stereotyp. Auch du hast seine Herkunft als Alttestamentler als Bestätigung genutzt:

    >> „Rohrbacher als in textkritischen Verfahren geschulter Alttestamentler ist das bewußt. Das unterscheidet ihn jedoch vom durchschnittlichen Zeitungsleser.“

    Die Anfeindungen verweisen eher auf eines der großen Probleme des Antisemitismus hin: Es ist völlig egal, was der Betroffene macht, er macht es so oder so falsch. Sucht er akribisch, wie ihm aufgetragen wurde, nach Plagiaten, ist er der akribische pharisäische Wortklauber. Tut er es nicht, wird sich irgendein anderer Fehler finden. Rassisten denken nunmal nicht logisch.

  2. Danke, ich hatte auch zuerst Zweifel, ob das nicht überinterpretiert ist. Das mit dem ständig wiederholten Verweis darauf, dass Rohrbacher „Judaist“ ist, war mir im Oktober auch aufgefallen, aber ich hatte damals gezögert, das zu thematisieren. Beim Artikel auf Causa Schavan stellte sich mir aber die Frage, ob es einen Zusammenhang gibt. Der dort zitierte antisemitische Leserbrief formuliert u.a.:

    „Herr Rohrbacher, Professor für Jüdische Studien, hat offensichtlich Zeit genug, um hier nachzuforschen. Könnte es sein das hier versteckte Personen, Lobbyisten oder möglicherweise sogar andere Staaten dahinterstecken, um indirekt und versteckt Einfluss auf die deutsche Politik zu nehmen?

    Ist das auch überinterpretiert?

    Bitte lies die Hauptquelle [10] nochmal in Gänze und vergleiche die Charakterisitik Rohrbachers darin mit der Charakteristik, die Du von mir zitiert hast. Manche Wörter mögen gleich sein. Die Verwendung, Pragmatik, Zielsetzung ist aber entgegengesetzt. Für Schmoll ist Akribie kein Lob, sondern zentraler Kritikpunkt. Sie fordert Hermeneutik statt Genauigkeit! Denn Genauigkeit sei unangemessen und daher ungerecht. Sich an das geschriebene Wort halten oder einen tieferen Sinn suchen, das ist genau die christliche Pharisäerkritik:

    „Denn ich sage euch: Wenn nicht eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer weit übertrifft, so werdet ihr keinesfalls in das Reich der Himmel hineinkommen.“ (Mat 5,20)

    Bei anderen, die Rohrbacher auch akribisch nennen, ist das nicht antisemitisch. Aber wenn jemand argumentiert, X sei akribisch, und zwar so akribisch, dass er das wahre Wesen nicht erkenne, und wenn man dann noch ein paar Anspielungen darauf macht, dass das wohl an seiner intensiven Befassung mit dem Judentum liege, dann ist das eine Aktualisierung alter antisemitischer Stereotypen.

    Ich sage übrigens nicht, dass Schmoll das mache, weil sie Antisemitin wäre.

  3. Faszinierend, wie klein die Welt ist: Frau Schmoll schrieb zusammen mit dem dir sicherlich gut bekannten WikiWatcher Wolfgang Stock ein Buch. Und besitzt einen Wikipedia-Artikel, der sogar erwähnt, wann sie ihr Hebraicum und Graecum erwarb. Ein Schelm, wer dabei böses denkt😉

    Schmoll verwendet das akribische als Vorwurf und nutzt das Argument, dass er damit das große Ganze nicht erkennen könne – Quasi die wissenschaftliche Leistung hinter dem Plagiat. In der Tat darf man darüber nachdenken, denn im Endeffekt ist eine komplett plagiierte Arbeit wie die von Guttenberg ja nur einen Umschreibdurchgang von einer echten Arbeit entfernt. Das Plagiat ist natürlich trotz allem verwerflich und muss den Entzug des Titels zur Folge haben, aber diese Argumentation tauch auch schon in vorigen Plagiatsdebatten auf, wenn ich mich richtig erinnere. Die Formulierung „Der [wissenschaftsname]ler Nachname“ ist hingegen absoluter Standard. Für einen wirklichen Antisemitismusvorwurf taugt das ganze meiner Meinung nach nicht.

    Der Spaß an der Sache ist, dass Rohrbacher als klassischer Wissenschaftler, der nicht in der Öffentlichkeit steht und sich anscheinend auch nicht äußert, für die Journalisten schwer zu greifen ist. Schau dir mal diesen Spiegel-Artikel an, der sich verzweifelt am CV entlanghangelt:
    http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/schavan-gutachter-stefan-rohrbacher-unauffaellig-und-akribisch-a-861544.html

  4. Ja, in letzterem „großem“ Porträt spürt man richtig die Verzweiflung der Journalisten, dass der einfach nicht ans Telefon geht.🙂
    Widersprechen würde ich, dass Guttenberg „nur einen Umschreibdurchgang von einer echten Arbeit entfernt“ sei. Ein Durchgang mit Setzung von Fußnoten und Anführungszeichen vielleicht. Aber durch bloßes Umformulieren wäre er den Plagiatscharakter niemals los geworden. Er hätte vielleicht das Auffinden von Plagiaten schwieriger gemacht. Aber indem man die Quellen besser verschleiert wird eine Arbeit nicht plagiatsfrei.

    Das Argument mit der wissenschaftlichen Leistung hinter dem Plagiat wird zwar häufig benutzt, ist aber Unsinn. Mathiopoulos ist mit dem Argument gerade vor Gericht gescheitert:

    „Die Argumentation des Anwalts der Klägerin zielte unter anderem darauf ab, zwischen dem handwerklichen Bestandteil einer Dissertation und der ‚originellen Idee‘ zu unterscheiden, einen Plagiatsvorwurf also nur für den Fall des Ideenklaus gelten zu lassen. Das Gericht ließ sich darauf ebenso wenig ein wie auf eine Verjährungslösung.“[1]

    Wenn Schmoll daran glaubt, dann vielleicht, weil sie als Christin (Verzeihung, evangelische Theologin mit Kontakten ins evangelikale Milieu) daran glaubt, dass Schavan Doktorin und Ministerin von Gottes Gnaden ist? Aber nein, das wären blöde antichristliche Stereotypen. (Genauso blöde wie die, dass Rohrbacher deshalb gegenteiliger Ansicht ist, weil er Judaist ist. Er könne wegen dieser jüdisch-judaistisch-stereotypen Eigenschaften „das große Ganze nicht erkennen“? Nun ja.)

    Ich werde das fortan einfach zu ignorieren versuchen, dass Schmoll mit Stock zu tun hat. Sonst gleite ich noch in Verschwörungstheorien ab…

  5. Da hast du meine Argumentation eigentlich selbst wiederholt – gerade da auch in anderen Fällen ohne Beteiligung von gläubigen Juden die gleichen Argumentationsmuster auftauchen, ist es schwer da von antisemitischen Stereotypen zu sprechen. Im Endeffekt sind es wohl eher antiwissenschaftliche Argumentationsmuster. Mir fehlt gerade die Zeit, aber ich würde absolut darauf tippen, dass die Argumentation, mal Fünfe gerade sein zu lassen und dass solange irgendwie der Sinn des ganzen ja passt alles in Ordnung sei, schon im 19. Jahrhundert in irgendeiner wissenschaftlichen Debatte auftaucht.

    Zu diesem Leserbrief – da zeigt sich der klassiche Beißreflex der Antisemiten. Ausgehend von einer Plagiatsuntersuchung wird einem Professor unterstellt, dass er a) im Dienste einer ausländischen Macht ist um b) unsere Regierung zu manipulieren. Das ist so üble Hetze, dass man sie auch nicht mit dem FAZ-Artikel erklären kann, sondern einfach nur mit pathologischem Hass. Was echt erschreckend ist, wenn ein jüdischer Professor Ende 2012 keine normale universitäre Aufgabe wahrnehmen kann ohne dass sowas kommt.

    Abgesehen davon: Was für eine Trottelredaktion sitzt denn bitte im Münchener Merkur, dass die so einen Leserbrief abdrucken? Hallo? Fällt denen denn gar nichts auf?

  6. Wir sind uns da nicht sehr uneinig. Ich stimme Dir auch völlig zu: „Rassisten denken nunmal nicht logisch.“
    Der Dissens besteht wohl darin, dass ich glaube, zwei antisemitischen Stereotypen erkannt zu haben, die von den FAZ-Formulierungen evoziert werden können.

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  11. Ganz interessant finde ich die Argumentation von Michael Opielka:

    „Angesichts der hochschulpolitischen Reichweite des Vorgangs und der Frage, wie nach der Causa Guttenberg Vertrauen in die Wissenschaft gesichert werden kann, sind auch weitere kulturelle Deutungsebenen relevant und zeigen, wie sehr mehr Sorgfalt ratsam wäre:
    Indem ein Judaist als Berichterstatter […] definiert wurde, kommt eine merkwürdige Schieflage in das Verfahren. Frau Schavan war u.a. Leiterin des Cusanuswerkes, der katholischen Stipendienorganisation. Man kann das jeweilige konfessionelle/religiöse Bezugssystem als irrelevant betrachten, es gehe nur um die Sache ordentlichen Zitierens. Die Akteure als Personen mit ihrem Gewissen mögen das so subjektiv wahrnehmen, die Implikationen sollte man aber nicht verleugnen. Öffentlich wird das nicht diskutiert, das Verhältnis von Katholiken- und Judentum ist keineswegs entspannt. Doch warum ließ der Promotionsausschuss seifiges Gelände zu?“

    In dieser „kulturellen Deutungsebene“ geht es gar nicht darum, welches Fach der Gutachter vertritt (Judaist), sondern in welchem religiösen Bezugssystem er lebt (Jude). Und das sind die Implikationen, die man in diesem Fall nicht verleugnen darf: Ein Gutachter, der Jude ist, darf allenfalls noch die Doktorarbeiten seiner Glaubensgenossen begutachten. Denn mit Luther gab’s ja auch Probleme, und über den Islam müssen wir gar nicht erst reden. Aber auch deutsche Atheisten sollten vor jüdischer Begutachtung geschützt werden, denn das Verhältnis ist ja seit dem Holocaust keineswegs entpannt.

    Herr Opielka ist übrigens Anthroposoph einer eher offensiven Ausrichtung. Offenbar gibt es bei Anthroposophen keine derartigen Probleme.

  12. So ein Glück, dass Anthroposophen über religiösen Antijudaismus hinaus sind und ihre Verdächtigungen auf die Deutungsebene des kulturellen Antisemitismus gehoben haben. Die „merkwürdige Schieflage“ kommt doch wohl daher, dass „das jeweilige konfessionelle/religiöse Bezugssystem“ und seine „Implikationen“ auf unterschiedlich hochstehenden Ebenen ausgemacht werden? Welches ist wohl das zukünftige, ist das am Geiste schaffende religiöse Bezugssystem?

    Aber die Nazis, das ja glücklicherweise die anderen: Eine Männerbündische Verschwörung (bestimmt mit homoerotischen Sadomaso-Ritualen) an der HHU, genau wie damals in der SA: „Es entscheiden ausschließlich männliche Kollegen, die Universität Düsseldorf inszeniert sich als Männerbund“, schreibt Opielka und beweist dies mit diesen Fotos. Gut zu sehen: Die Universitätsmedaille 2013 erhalten vier Männer von einem Mann, der auch so ein lustiges Medaillon umhängen hat. Und die Frauen müssen dazu fröhlich aufspielen.
    Ja gut, das ist klar: Da an der Uni Düsseldorf „ausschließlich männliche Kollegen“ entscheiden, die bekannten Abstimmungszahlen aber sagen, dass Promotionsausschuss und Fakultätsrat ziemlich vollzählig waren, wissen wir nun: Die Frauen in diesen Entscheidungsgremien sind gar keine. Wahrscheinlich getarnte Männer. Das sind überhaupt die besten Männerbünde: Die Männer in Frauenkleidern einschleusen, um die Gleichstellungsbeauftragte auszutricksen. Pardon, den Gleichstellungsbeauftragten natürlich, denn … naja, ist klar.

    Sind Judaisten eigentlich so wie Islamisten fanatische Anhänger des Judaismus? Ja, tut denn da die NSA nichts dagegen?

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