Kwalitätsschurrnalissmus und Märchenerzähler

Erbauliches über die Qualitäten der Presse wurde vielleicht seit Menschengedenken noch nie so viel geschrieben wie 2012. Es ist das deutlichste Zeichen der Zeitungskrise, dass Zeitungen so viel Eigenlob produzieren, um über den Winter zu kommen. Eine Krise ist eine Situation, in der sich das Schicksal entscheidet: Geht es wieder bergauf, oder naht die Katastrophe? „Zeitungskrise“ ist deshalb ein Euphemismus, der suggeriert, für die Zeitungen könnten auf die aktuellen Massenentlassungen auch wieder bessere Zeiten folgen.

Märchenhafte Geschichten

Schönreden lautet also die Parole, und so werden Märchen erzählt und mit großer Geste als Wahrheit hingestellt. Nichts illustriert diesen Zustand so schön wie ein Heiligabend-Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

  • Gerrit Reichert: Die Wahrheit über das Märchen vom Bremer Märchen. In: FAZ Nr. 300, 24. Dezember 2012, S. N4.

Da präsentiert man dann neben allerlei Binsenweisheiten wie die, dass es die „Zusammengehörigkeit von ‚Bremer Stadtmusikanten‘ und Stadt Bremen […] den historischen Fakten nach so nicht gegeben hat“. Ach? „Denn erstens kommen die ‚Bremer Stadtmusikanten‘ nicht aus Bremen“, heißt es zur Begründung. Dabei weiß jedes Kind, dass die Bremer Stadtmusikanten Märchenfiguren sind, die nicht einmal im Märchen aus Bremen kommen. Sie wollen nach Bremen, der Freiheit wegen, und um dem Tod zu entgehen. Und sie kommen dort auch im Märchen nicht an.

Aber als eigentlichen Zusammenhang von Bremen und Stadtmusikanten gibt die FAZ an: „wer ‚Bremen‘ sagt, denkt automatisch an die ‚Bremer Stadtmusikanten'“. Nun gut, die Bremer Touristik-Zentrale beruft sich zwar auf eine obskure Umfrage, wenn sie schreibt: „So gaben fast ein Drittel der Befragten an, bei Bremen spontan an die Bremer Stadtmusikanten zu denken.“[1] Aber da wäre man eine schlechte Zeitung, wenn man einfach nacherzählen würde, was die städtische Werbeagentur so verbreitet. Besser konstruiert man ein allgemeines Gesetz, nach dem „automatisch“ jeder an die Stadtmusikanten denkt, der vom kleinsten Bundesland spricht.

Millionen Zeitungsleser können nicht irren

Den echten Kwalitätsschurrnalissmus (ein Wort, das die Opalkatze gefunden hat) gibt es aber erst, wenn es um das bekannteste Standbild der Bremer Stadtmusikanten geht:

„Die Stadtmusikanten gelten als das Wahrzeichen der Hansestadt. […] Am 30. September 1953 wurde die bronzene Plastik von Gerhard Marcks aufgestellt. Mittlerweile vierzig Millionen Hände umfassen alljährlich die blank gescheuerten Vorderhufe des Esels.“

Vierzig Millionen Hände – das sind ja mindestens zwanzig Millionen Menschen! Und das jedes Jahr! Da zu müssen täglich im Durchschnitt 54.795 Menschen die Eselhufe streicheln, in Schaltjahren nur 54.645. Das ist eine touristische Meisterleistung! In jeder Stunde werden dazu 2283 Besucher am Bremer Rathaus vorbei geschleust. Zwischen zwei und drei Uhr nachts müssen dazu alle versackten Kneipengäste in einem Umkreis von drei Kilometern mit Bussen auf den Marktplatz gekarrt werden. Aber dieser Aufwand ist notwendig, denn die Last muss genau nach Plan verteilt werden: 38 Eseltatscher pro Minute sind bereits kaum zu schaffen. Vorderhufe anfassen, Glück wünschen, lächeln und Knips! Dafür stehen jedem der jährlich zwanzig Millionen Anstehenden weniger als 1,6 Sekunden zur Verfügung. Nicht auszudenken, wie man die Touristen hetzen müsste, wenn der Esel täglich eine Pause einlegen würde. Zum Glück hat er, anders als andere Esel, auch keinen Urlaubsanspruch.

Eine legendäre Rechercheabteilung

Die Zahlen hat bestimmt die Rechercheabteilung der FAZ überprüft. Die ist ja weithin bekannt und hat auch in der tiefsten Zeitungskrise ihre Kompetenz häufig unter Beweis gestellt:

„Nur ein zertifiziertes Organ des Qualitätsjournalismus nämlich kann und wird sich auch in diesen Zeiten noch den Luxus einer eigenen, kostenträchtigen, aber eben durch und durch professionellen Abteilung für investigative Qualitätsrecherche im Hause leisten.“[2]

Und bei den Stadtmusikanten, da hat die Rechercheabteilung wahrlich eine Meisterleistung vollbracht. So schreibt die Bremer Touristik-Zentrale: „Fast 40 Millionen Menschen besuchen jährlich die bekannte Plastik am Rathaus.“[3] Da müssen die FAZ-Rechercheure knallhart nachgefragt haben, wie denn solche Zahlen zustande kommen, und ob denn jeder, der die Plastik besucht, auch die Hufe anfasst. Im Verhör dürfte dann eine junge Stadtmarketing-Mitarbeiterin zusammengebrochen sein und gestanden haben, dass die Zahl von 40 Millionen Menschen vielleicht ein bisschen geschönt ist. „Ha!“, dachte man sich bei der FAZ, „gut, dass wir nicht drauf reingefallen sind! Dann nehmen wir mal die Hälfte an und lassen es größer aussehen, indem wir berechnen, dass jeder Besucher ja beide Vorderhufe anfasst. Dann sind wir auch wieder bei 40 Millionen. Und dafür gibt’s ja eine seriöse Quelle.“

Nur die kleine Übertreibung, dass die Stadtmusikanten „das Wahrzeichen“ Bremens seien, die ist der Rechercheabteilung durchgerutscht. Denn das Landesamt für Denkmalpflege Bremen weiß es genauer, dass die Bronze lediglich „neben dem Bremer Roland die wohl berühmteste und am meisten fotografierte Plastik Bremens“ ist.[4]

Aber Hauptsache, über dem Artikel stand in fetten Lettern „Die Wahrheit über das Märchen“. Das lässt sich als Anfang jeder Überschrift eines FAZ-Artikels verwenden. Ist ja schließlich Kwalitätsschurrnalissmus.

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9 Antworten zu “Kwalitätsschurrnalissmus und Märchenerzähler

  1. Reblogged this on vera bunse und kommentierte:
    Fleißarbeit und eine deftige Klatsche. Warum höre ich gerade Wolf Schneider im Innenohr …?

  2. Hab mir erlaubt, das zu rebloggen. Großartig.

  3. … und wenn sie nicht gestorben sind (bei der FAZ), dann recherchieren sie noch heute …

  4. @AlterKnacker (meine Güte, wann benutzt du endlich einen KURZEN Namen …)
    Die haben vier Herausgeber. Ob Gan- oder Anerbenfolge, ist nicht bekannt. Vergiss es.

  5. Pingback: Über Blogs 2012 und Blogs 2013 | Erbloggtes

  6. Danke für diesen Artikel. 🙂 Richtig finster wird es, wenn es um Wissenschaft, Forschung oder gar Statistik geht.

    Aber das Wort ‚Kwalitätsschurrnalissmus‘ stammt von Frau Mahlzahn aus ‚Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer‘. Zumindest bin ich mir fast sicher, es dort schon mal gelesen zu haben…

  7. Oh, danke für den Hinweis! Können Sie die Fundstelle noch genauer angeben?

  8. Ernst-Georg Schmid

    Ja, ich hab’s gefunden: „Ssssso?“, zischte der Drache höhnisch. „Wassss du nichchchcht sagst. Kwalitätsschurrnalissmus ist dasssss?“

    Seite 169 in der gebundenen Ausgabe.

  9. Großartig, wie passend!

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