Kein Fall Schavan

Ergebene Schavanisten wissen: Es gab keinen ‘Fall Schavan’, es gibt keinen ‘Fall Schavan’, und es wird auch nie einen ‘Fall Schavan’ geben. Was für ein Land müsste es sein, in dem dahergelaufene „Anonyme“ oder „Ausschüsse“ einfach eine deutsche Ministerin zum „Fall“ erklären und damit vielleicht sogar zu Fall bringen könnten? „Fall“, wie das auch schon klingt! So als ob Wissenschaftsbetrug kriminell wäre, oder krankhaft, oder sogar beides.

Was war noch gleich ein Plagiat?

„Ganz sachlich geht Ministerin Schavan mit den Vorwürfen um ihre Doktorarbeit um“, schreibt die Südwest Presse. Und Schavan erklärt, worum es im sogenannten ‘Fall Schavan’ überhaupt geht:

„Inzwischen dreht sich die Debatte um eine sehr grundsätzliche Frage: Ab wann spricht man in der Wissenschaft von einem Plagiat? Und das halte ich für eine ganz wichtige Frage, gerade weil ich Wissenschaftsministerin bin. So schmerzhaft diese Geschichte jetzt für mich ist: Wenn daraus ein gemeinsames Verständnis und ein Kodex zum wissensgerechten Umgang mit Plagiatsvorwürfen entstünde, dann wäre das ein gutes Ergebnis.“[1]

Diese Behauptung haben Klaus Jarchow und almasala bereits analysiert und dabei festgestellt, wie unglaublich unglaubhaft und demagogisch solche Aussagen sind. Vor diesem Hintergrund kann man selbst Schavans – implizitem, aber deutlichem – Versprechen, nicht gerichtlich gegen die Entscheidung der Universität Düsseldorf zum Doktorentzug vorzugehen, nur sehr mäßigen Glauben schenken:

„[Frage:] Käme die Universität zu dem Urteil, dass der Plagiatsvorwurf berechtigt ist: Würden Sie das akzeptieren oder notfalls gerichtlich dagegen vorgehen?
SCHAVAN: Gerade weil ich Wissenschaftsministerin bin, setze ich auf die Souveränität der Wissenschaft und den wissenschaftlichen Disput.“[1]

Doch zurück zum „sachlichen“ Umgang der Ministerin Schavan „mit den Vorwürfen um ihre Doktorarbeit“, von dem die Südwest Presse schreibt. Dieser Umgang beschränkt sich seit Mai darauf, ganz „sachlich“ mit anderen „Fällen“ umzugehen, nur niemals „mit den Vorwürfen um ihre Doktorarbeit“:

Viele Fälle verwässern den Skandal

Im Mai gab es einen „Fall anonymer Plagiatsjäger“ oder „Fall Schavanplag“. Die Ministerin sagte: „Ich habe heute diese entsprechende Seite mir angeschaut, es ist eine anonyme Seite […] Mit anonymen Vorwürfen kann man schwerlich umgehen“.[2] Für viele Medien Grund genug, mehr über anonyme Plagiatssuche (und „Grenzfall“-Aussagen von VroniPlag) zu berichten als über plagiierende Ministerinnen.

Im Juni gab es einen „Fall Unwürdiges Spektakel“ um „ein Spektakel, das einer aufgeklärten Gesellschaft nicht würdig ist“, in dem „ein Klima des Verdachts und der Bedrohung […] eine Klarstellung durch die Wissenschaft selbst notwendig“ machte.[3] Nachdem es im Mai bereits letztgültig klargestellt war, dass bei Schavan allenfalls „Zitierfehler, aber kein Plagiat“ vorliegen könnten,[4] war mit der großordinarialen Abkanzelung des „Falles anonymer Plagiatsjäger“ das Thema erstmal erledigt.

Im Juli, August und September gab es ein paar müde Anfragen der Urlaubsvertretungen in den Zeitungsredaktionen bei den Urlaubsvertretungen in der Düsseldorfer Universität.[5] Einen ‘Fall Schavan’ gab es jedenfalls nicht. Wieso auch? Weil eine Bundesbildungsministerin Wissenschaftsbetrug begangen hatte, was jeder zu diesem Zeitpunkt selbst überprüfen konnte, und was Experten auch Anfang Mai bereits bestätigt hatten? Nein, sowas wäre „abstrus“.

Im Oktober gab es einen „Fall DüsselLeaks“. Niemand (oder fast niemand) sprach über die unredliche Ministerin, alle kolportierten nur ihren Aufschrei über die angebliche Veröffentlichung des vertraulichen Gutachtens (bisher waren nur ein paar Sätze daraus online zu sehen). Dieser Coup führte im Laufe des Monats dazu, dass der eigentliche „Schavan-Skandal“[6] sichtbarer wurde, nämlich die Mobilisierung von Politikern, Wissenschaftlern und Presse, die es sich nicht nehmen lassen wollten, zugunsten von Annette Schavan Partei zu ergreifen.

Im November und Dezember gab es verschiedene Fälle: Den „Fall Erziehungswissenschaften der 1970er und 1980er Jahre“, den „Fall Rohrbacher“, den „Fall Schmoll“, den „Fall Promotionsausschussempfehlung“ und sogar die „Plagiatsfalle“.

Seit Januar 2013 gibt es auch den „Fall Qualitätspresse“, den „Fall Zentralpromotion“, den erwähnten „Fall Was-ist-ein-Plagiat?“, den „Fall Fußnoten-Taliban“ (neue Anti-Terror-Gesetze sind schon unterwegs), und jetzt neu: Den „Fall Wehle“ und den „Fall Uni-Düsseldorf“.[7] Den „Fall BMBF-bezahlte Wissenschaftsorganisatoren intervenieren für Schavan“ haben inzwischen auch einige bemerkt. Ach ja, den „Fall CDU Alb-Donau/Ulm“ und den „Fall 96%“ gibt es ebenfalls. Nicht hingegen einen ‘Fall Schavan’. Was sollte das auch sein?

Kein Fall, besser abwarten

Es scheint allerdings einen Menschen zu geben, der bei dieser ganzen Fallofonie nicht mitmachen will: Tassilo Schmitt, Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages. Selbst unter hochnotpeinlicher Befragung des Deutschlandfunks will er die Existenz keines dieser Fälle zugeben.[8] Höchstens die hier als „Schavan-Skandal“ bezeichnete Problematik scheint ihm einzuleuchten. Er streitet stets ab, dass es einen interessanten Fall zu diskutieren gebe (das Transkript ist allerdings an einigen Stellen fehlerhaft, etwa wenn dort „Gerhardt“ statt „Gärditz“ steht). Die Uni müsse ihre vorgeschriebene Arbeit machen und werde das schon tun.

Am Ende erklärt Interviewer Manfred Götzke noch etwas, was wohl die wenigsten Zeitungsleser wussten, nämlich dass der „Vorsitzende des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, […] Schavan kaum verklausuliert den Rücktritt nahe“ gelegt habe, und fragt Schmitt dazu:

„Was sagen Sie?
Schmitt: Gar nichts!“[8]

Einerseits entspricht das sowohl der Wissenschaftslogik als auch der klassischen deutschen Wissenschaftlerhaltung, Wissenschaft sei frei von aller Politik. Andererseits ist solche Elfenbeintürmerei immer noch besser als das servile Berufsbeamtentum, das die Wissenschaft zur Magd der Ministerin degradiert. Wer Wissenschaftler werden will, wiederholt weiterhin: Gar nichts.

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Eine Antwort zu “Kein Fall Schavan

  1. Rumpelstilzchen_1812

    Kodex statt Podex (s. Link Klaus Jarchow) – wahrlich eine Lust spendende Einordnung!
    Wie Schavan wissen kann, dass ihre Diss kein Plagiat ist, wenn sie nicht weiß, ab wann die Wissenschaft von einem Plagiat spricht (s. Link almasala)?

    Ganz einfach: Sie weiß es, nur so manche Wissenschaft, die anscheinend versagt, Wissen zu schaffen, eben noch nicht. Anders gewendet: Frau Schavan zaubert sich aus der Opferrolle in einer kühnen Volte in die Rolle einer Speerspitze des wissenschaftlichen Fortschritts: „Mir nach!“ lautet ihr programmatischer Ruf zu den Waffen und die ersten tapferen Streiter für eine sie exkulpierende Plagiat-Definition sind bereits in Rüstung zur Entscheidungsschlacht angetreten (Erbloggtes und andere berichteten). Was Schavan weiß – sie ist, darf bisher unwiderlegt behauptet werden, eine intelligente, um nicht zu sagen: schlaue, Taktikerin: Es kommt gar nicht darauf an, dass ihr ’Nicht-Fall’ am Ende gar zu einer von der Wissenschaftsgemeinde gemeinsam getragenen Konvention auf der Basis trennscharfer Kriterien zur Differenzialdiagnose Plagiat / Nicht-Plagiat führt. Es reicht schon hin, wenn, wie zu erwarten, ‚die’ Wissenschaft sich vor aller Augen infolge inkompatibler Eigeninteressen endlos über Evidenzkriterien streitet. Natürlich unter freundlicher Begleitung und Moderation des Wissenschaftsministeriums. Und damit darf dann dieses ‚q.e.d.’- Kalkül, zumindest aus der Sicht von Schavan und Unterstützern als aufgegangen gelten.

    Im Übrigen teile ich die Skepsis von Erbloggtes, dass Schavan im Falle eines Entzugs nicht vor Gericht zieht. Und zwar, weil sie eben gerade nicht ein „Versprechen“ dieser Art „implizit“ ausdrückt. Nein, sie hat nur ausgesagt, dass (implizit: bis zum nicht erwarteten Fall des Gegenteils) sie auf die „Souveränität der Wissenschaft“ und den „wissenschaftlichen Disput“ setze. Sollte das eingeleitete Verfahren am Ende den sich andeutenden Entzug realisieren – Wetten, dass Frau Schavan dann ihrer Enttäuschung über den Mangel an Souveränität und die Fehlgeleitetheit des wissenschaftlichen Disputs Ausdruck verleihen und zugleich um Verständnis bitten wird, dass ein solchermaßen unredliches Verfahren nach gerichtlicher Überprüfung verlangt?

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