Systemische Perspektiven auf Schavans Plagiate

Eröffnete Schavans Plagiatsaffäre die Möglichkeit zu grundsätzlicheren Einsichten in Wissenschaft und Gesellschaft? Offensichtlich kann nicht einmal die massivste Propaganda verhindern, dass sie selbst Objekt der Analyse wird. Neben der Vorstellung einer weiteren Schavanistenstellungnahme geht es hier um den Fall Schavan als Testfall für Luhmannsche Systemtheorie, sowie um weitere Perspektiven auf offenbar werdende Herausforderungen des Bildungssystems.

Schavans teuer erkaufte Unschuld

Die These des emeritierten Professors George Turner im Spiegel, „Die Uni ist schuld“,[1] ist – propagandagerecht – mindestens so falsch wie wahr. Selbstverständlich ist eine individuell plagiierte Doktorarbeit kein Werk, das im luftleeren Raum entstanden ist. Ein sehr gut und sorgfältig betreuender Doktorvater könnte ein Plagiat im Ansatz verhindern. In den meisten Fällen müsste es bei genauer Lektüre der Dissertation durch den Betreuer wohl auch auffallen. Turner behauptet nun, im konkreten Fall habe sich das, „was damals passiert ist“, so zugetragen: „überforderte Professoren überfordern eine Doktorandin“. Daraus ergibt sich für Turner:

„Doch darf man ihr [Schavan] keinen Strick drehen aus einem Zitierstil, der kaum ohne das Wissen und Wollen ihres Doktorvaters angewandt worden sein kann.“

Turner, seines Zeichens Experte für Bergvölkerrecht, gehört spätestens seit Oktober zu den Schavanisten, die allerlei (inzwischen widerlegte) Spekulationen über Verfahrensfehler, Entschuldigungsgründe und Interessenlagen zugunsten Schavans heranzuziehen bereit waren.[2] Als ehemaliger Präsident der Hochschulrektorenkonferenz und Wissenschaftspolitiker in einer CDU-Landesregierung (in Berlin unter E. Diepgen) passt er auch gut in das Sozialprofil der Schavanisten.

Manche von Schavans Verteidigern sind inzwischen also sogar bereit, den heute fast 90jährigen Doktorvater Gerhard Wehle hinzuhängen, damit nicht passiert, was nicht passieren darf. Denn wenn Wehle der alleine Schuldige ist, dann kann man Schavan den Doktor nicht entziehen. Turner setzt sogar noch einen drauf: „Und für dessen [Wehles] Tun ist die Universität verantwortlich.“ Natürlich! Das Prinzip der persönlichen Verantwortlichkeit gilt ja nur bei persönlichen Leistungen. Bei Fehlleistungen hingegen ist niemand persönlich schuld. Deshalb heißt es ja Leistungsideologie, nicht Fehlleistungsideologie.

Verwaltungsverfahrensrechtlich – nach Ansicht wissenschaftlicher Experten eine äußerst unzureichende Sichtweise (aber der Artikel unterstreicht juristische Kompetenz durch die informelle Bezeichnung des Gutachters als „Klaus Ferdinand“ eindrucksvoll)  – müsste es natürlich sachlichen Grund zu der Annahme geben, dass Doktorvater Wehle, die Universität oder das Kultusministerium widerrechtlich Anweisungen zu wissenschaftlichem Fehlverhalten an die arme Doktorandin erteilt hätten. Man darf gespannt sein, wie die Schavanisten diesen Beweis führen wollen.

Die Universität Düsseldorf hingegen wird zeigen müssen, dass Schavan keinen durchgängigen „Zitierstil“ mit „Wissen und Wollen ihres Doktorvaters“ angewandt hat, wenn sie plagiierte, sondern dass sie manchmal plagiierte und manchmal korrekt zitierte – letzteres also ebenfalls beherrschte. Sie wollte nur nicht.

Soziologie: Schavan widerlegt Luhmann praktisch

Die systemtheoretische Soziologie des Falls Schavan nimmt Helmut Wiesenthal in den Blick. Für ihn ist der Fall Schavan ein gesellschaftspolitisches Experiment größten Ausmaßes:

„Die Ausgangshypothese, für deren Bestätigung Schavan und ihre Unterstützer streiten, lautet: Die Grundstruktur der deutschen Gesellschaft ist hierarchisch gegliedert; die Politik vermag, wenn es darauf ankommt, die anderen Gesellschaftsbereiche zu dominieren.“[3]

Dies widerspreche der Annahme einer „funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften“ (insofern man es mit einer modernen Gesellschaft zu tun hat). Die Autonomie der Wissenschaft ist es, die Schavan und ihre Unterstützer angreifen, indem sie sie politisch zu dominieren versuchen. Es gehörte zu den Grundtendenzen liberaler Gesellschaften (nicht zu verwechseln mit der FDP) im 20. Jahrhundert, dass Wissenschaft wirksam für ihre Autonomie von anderen gesellschaftlichen Subsystemen eingetreten ist. Um ihren Wahrheitsanspruch in nichtautoritären Gesellschaften aufrechterhalten zu können, benötigte die Wissenschaft diese Autonomie. Wiesenthal:

„Wenn nun aus Kreisen der Wissenschaft selbst der Ruf kommt, wissenschaftliche Verfahrenskriterien aus Respekt vor hohen Ämtern oder zu Gunsten politischer Opportunität zurückzustellen, besteht tatsächlich eine reale Chance, der von der Wissenschaft in Anspruch genommenen Teilsystemautonomie Grenzen zu ziehen.“[3]

Mit weitreichenden Folgen: Gelingt es, das Autonomiestreben der Wissenschaft, das derzeit vor allem die Universität Düsseldorf, der Philosophische Fakultätentag und der Deutsche Hochschulverband repräsentieren, zugunsten von Regierungsmitgliedern einzuschränken (wie es die CSU bereits vor zwei Jahren gern gesehen hätte), nimmt die deutsche Wissenschaft wieder eine Sonderrolle ein, auf die sie schon 1914-1945 mächtig stolz war. Internationale Standards werden dann nicht mehr beachtlich sein, denn in Deutschland greift dann die Regierungsmacht durch auf die wissenschaftliche Wahrheit.

Mit dieser Art Klerikalfaschismus (eigentlich ein DDR-Propagandabegriff gegen die Regierung Adenauers) ließe sich dann auch für wahr erklären, was immer den Regierenden einfällt. Zum Beispiel wie es um die „Heilung“ von Homosexualität steht. Oder was ein Gewissen ist, leisten sollte, und wie es entsteht. Wie man hört, gibt es da bereits Expertise innerhalb der Regierung.

Mit etwas Geschick könnten sich auch die Staatskirchen wieder Zugang zur Wahrheit verschaffen und beispielsweise den Beginn von Schwangerschaft umdefinieren oder die Aufklärung von sexuellem Missbrauch durch Geistliche für erfolgreich erklären, ohne dass widerspenstige Forscher etwas dagegen sagen könnten. Natürlich ließe sich dann auch die richtige Wirtschaftspolitik durch Kabinettsbeschluss bestimmen. Und wenn andere Europäer der Wahrheit widersprechen, dann müssen sie eben mit Feuer und Schwert bekehrt werden. „Das bin ich der Wissenschaft schuldig“, soll die künftige Wahrheitsministerin schon jetzt erklärt haben.

Versagendes Bildungssystem

Die Gesellschaft ist schuld, dass Schavan plagiiert hat. Soviel steht fest. Und die Gesellschaft ist auch schuld, wenn der Doktor jetzt wieder kassiert wird. Das lässt sich aber schlechterdings nicht zur Rechtfertigung Schavans anführen, denn insofern äußere Ursachen menschliches Handeln bestimmen, insofern macht es weder Sinn, eine Auszeichnung für wissenschaftliche Leistungen zu verleihen, wie es Sinn macht, sie wieder zu entziehen.

Darüber hinaus müsste die diskursive Energie der Spitzenwissenschaftler nach der Entziehung von Schavans Doktorgrad sich darauf konzentrieren, wie dysfunktional ein Bildungssystem ist, das 1. häufig, 2. bei einer gesellschaftlichen Elite (Wissenschaft) und 3. bei Spitzenfunktionären (z.B. Bundesministern) klares Handeln gegen gesellschaftliche Normen erzeugt, das zudem die Legitimität eines wissenschaftsbasierenden Systems insgesamt in Zweifel zieht.

Über „Plagiate jenseits persönlicher Schuld“ finden sich hier Überlegungen aus den Anfangstagen der Schavan-Affäre. Noch etwas älter – nämlich aus den Tagen unmittelbar vor Veröffentlichung von Schavanplag – ist die Aufforderung von Markus A. Dahlem: Doktortitel aberkannt, wir sollten mehr über die Betreuungssituation reden!

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4 Antworten zu “Systemische Perspektiven auf Schavans Plagiate

  1. Ein ganz vorzüglicher und differenzierter Artikel, herzlichen Dank dafür.

    Die Übernahme der „Wahrheit“ durch die Politik und den Kirchen scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Die Deutschen haben sich nämlich mit kritischem Denken schon immer schwer getan. Das sieht man nicht nur an den vielen esoterischen Strömungen, sondern auch und vor allem an der Aufgabe seriöser Wissenschaftsstrukturen. Dazu kommt noch, dass seit der Nachkriegszeit sämtliche Autoritätspersonen ihre Sockel verlieren, seien es Kleriker, Politiker oder Wissenschaftler. Sie stehen zunehmend unter öffentlicher Beobachtung, vor allem seit es das Internet gibt und damit viel mehr unter öffentlichem Druck. Deswegen ist auch Schavans Aussage, sie könne mit der Anonymität des Internets nicht umgehen, nicht nur ein Ablenkungsmanöver von ihren Verfehlungen, sondern auch ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Anonymität der von Autoritätspersonen erwartete Respekt fehlt. Nicht umsonst hat vorher schon InMin. Friedrich seinerzeit gefordert, die Anonymität der Blogger zu verbieten. Das alles sind Bestrebungen seitens der Politik, wieder ganz in die preussische Tradition zurückzukehren, in der der Staat autoritär bestimmt, was Wahrheit ist sowie Autoritätspersonen unangreifbar sind. Sie würden sich alle gerne wieder – wie früher – alleine durch die Macht der Autorität geschützt sehen wollen. Wie in der guten, alten Zeit!

    Ich würde diese ganzen Plagiatsaffairen als sehr ernstzunehmenden Machtkampf zwischen Autoritäten und der Gesellschaft bezeichnen, in der Einrichtungen wie die Uni Düsseldorf letzte Bastionen der Unabhängigkeit sind – fragt sich nur, wie lange noch…

  2. Pingback: zoom » Umleitung: Should I blog or should I not? Außerdem kommen Hamburg, Jakob Augstein, Frau Schavan und die Sexismus-Debatte vor. «

  3. Pingback: Karneval in Neuss | Erbloggtes

  4. „Mit dieser Art Klerikalfaschismus (eigentlich ein DDR-Propagandabegriff gegen die Regierung Adenauers) ließe sich dann auch für wahr erklären, was immer den Regierenden einfällt.“

    Etwa die Unbedenklichkeit gewisser Eingriffe an den Genitalien von Neugeborenen.

    ///“Wir dürfen uns nicht angewöhnen, zu meinen, erlaubt sei nur das, was allen plausibel erscheint“, sagte sie am Mittwochabend in Bückeburg mit Blick auf das umstrittene Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts. „Was manchen nicht plausibel erscheint, ist anderen heilig“, unterstrich Schavan beim Jahresempfang der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe. Viele Menschen müssten lernen, auch das zu respektieren, was ihnen selbst fremd sei.///

    http://aktuell.evangelisch.de/artikel/5223/schavan-zur-beschneidung-auch-das-respektieren-was-fremd-ist

    Für solche Bekundungen ließe sich sicher ein „Dr. schnipp.“ einrichten.

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