Karneval in Neuss

Ermöglichtes kann überraschen, wenn es zuvor unmöglich schien: Wenn nun in der FAZ – erstmals seit wann? – nicht Heike Schmoll einen Kommentar zu Schavan abgeben darf, sondern Rainer Blasius, liest sich das doch gleich ganz anders. Geradezu närrisch sieht er den Fall aus der Perspektive von Schavans jüngstem Interview:

„Die Düsseldorfer sollten sich schämen, der Frau Minister Professor Doktor weiter Plagiat oder Täuschung zu unterstellen! Sie verdient Mitgefühl für ihre in Handarbeit erstellte Dissertation, zumal weder Doktorvater noch Koreferent aufmerksam genug Korrektur lasen. Allein dieses Versäumnis rechtfertigt in der Karnevalszeit einen Fakultätsgnadenakt zum Weiterführen des Titels – plus Ehrendoktor zusätzlich für die peinlichste Ausrede.“

  • Rainer Blasius: Ausrede. In: FAZ, 31. Januar 2013, S. 8.

Tagesspiegel-Umfrage und Handelsblatt-Rundumschlag

Ernsthafter widmet sich – wieder einmal – der Tagesspiegel dem Fall Schavan, nämlich mit einem Faktencheck zu Schavans jüngsten Schutzbehauptungen. Die Zeitung hat sechs Pädagogikprofessoren gefragt:

„Waren die Zitierstandards in der Erziehungswissenschaft der siebziger Jahre tatsächlich anders als heute? Oder war Schavans Doktorvater nicht so streng, weil er von einer Pädagogischen Hochschule an die Uni gekommen war?„[1]

Die Antworten fallen erwartbar deutlich aus, selbst da, wo man die Sympathien für Schavan spürt. Am klarsten formuliert Michael Winkler, Professor in Jena:

Wer sagt, dass bei Doktorarbeiten in der Erziehungswissenschaft aus den siebziger Jahren nachlässig mit den Standards wissenschaftlichen Arbeitens umgegangen worden ist, begeht Rufmord an dem Fach. Das ist ungehörig und unanständig – und: Es ist schlicht falsch.“[1]

Auch Turners unverschämte These über die Herkunft von Schavans Doktorvater Wehle von einer Pädagogischen Hochschule, was die Plagiate entschuldigen solle, erfährt den gebotenen Widerspruch.

Die Qualität des Tagesspiegels bildet einen klaren Kontrast zu einem als „exklusiv“ beworbenen Artikel des Handelsblattes über einen CDU-Politologen, der sage, mit Schavans plagiierter Dissertation „wird sich womöglich sogar der Wahlkampf bestreiten lassen – zumal sich bei Politikern konkurrierender Parteien nötigenfalls auch noch einige Dissertationen einer näheren Überprüfung unterziehen ließen, was von heftigeren Angriffen auf Frau Schavan durchaus abhält“.

Keinen Satz gerade heraus sprechen, aber das Interesse der CDU an PolitPlag zum Ausdruck bringen, indem man „die Überprüfung weiterer Politiker-Dissertationen“ anregt, „um den Kritikern von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) im Bundestagswahlkampf den Wind aus den Segeln zu nehmen“. Aber was soll man auch von einem Qualitätsmedium erwarten, dass es „eine pikante Idee“ findet, promovierte Politiker mit Drohungen, Vorwürfe gegen ihre Dissertation zu konstruieren, zum Schweigen zu bringen?

Nötigung nennt man sowas wohl, oder, beim Handelsblatt eben, „eine pikante Idee“. Wie das mit der Nötigung funktioniert, das machte jüngst jemand vor, der sich einem Deutsche-Bank-Manager als VroniPlag-Admin vorstellte und eine Festanstellung verlangte, damit er dessen Dissertation nicht bei VroniPlag unter die Lupe nehme. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt. Dabei gehört es offenbar inzwischen zum guten Ton, indizienlos Plagiatsverdächtigungen gegen Dissertationen zu erheben.

Das große Zeit-Porträt

Am kommenden Dienstag, dem 5. Februar, tagt der Düsseldorfer Fakultätsrat. Daran sind einige Hoffnungen geknüpft: Die Schavanisten hoffen, dass einer von ihnen der externe Experte sein werde, den sie seit der Verfahrenseröffnung massenmedial heraufbeschwören wollen. Wer sich die Textvergleiche von Schavanplag angesehen hat, hofft, dass der propagandistischen Worte genug gewechselt sind und endlich ein sachorientierter Abschluss gefunden wird. Sogar für Schavan wäre es das beste, wenn endlich die notwendige Entscheidung fällt und sie nicht länger so ächzen muss wie im großen Zeit-Porträt von Christoph Amend:

„[Schavan] macht eine Pause, atmet aus. ‚Seit fast neun Monaten.‘ Eine lange Zeit.“[2]

So ein einfühlsames, ein Jahr in vielen langen Gesprächen recherchiertes Zeitungsporträt, das ist schon Gold wert in Zeiten, in denen infame wissenschaftliche Regelhuber die Integrität des gewissenhaften, ordentlichen, frommen Mädchens aus Neuss gewaltsam zerstören wollen. Skepsis kann man bei solchen Veröffentlichungen natürlich nicht erwarten. Aber manchmal kommen Dinge unter dem Teppich hervor, die eigentlich schön darunter bleiben sollten. Zur Endphase der Doktorarbeit schreibt Amend:

„Durch Förderer an der Universität lockt eine Aufgabe am katholischen Cusanuswerk, das Begabte unterstützt.“[2]

Das Cusanuswerk unterstützt also Begabte. Das sind übersetzt jene Menschen, die Gott mit Glaubensfestigkeit gesegnet hat. Also so wie Annette Schavan. Ob das Cusanuswerk Schavan mit einem Studien- oder Promotionsstipendium unterstützt hat, das steht da natürlich nicht (ebensowenig in der Wikipedia). Aber da steht, wie sie an die Postdoc-Stelle beim Cusanuswerk gekommen ist: „Durch Förderer an der Universität“ nämlich. Das klingt doch ziemlich deutlich so, als ob da jemand sagte: Mädchen, du bist so gut katholisch, für dich haben wir da was. Dazu musst du nur mal das Studium abschließen. Ach, die Arbeit ist noch nicht fertig? Dann mach mal flott, der Gerhard wird schon nicht so genau hinschauen.

Auch weiter werden allerlei Erklärungen suggeriert, die um Verständnis für Umstände werben, in denen eine bedingt vorsätzlich vorgetäuschte Doktorarbeit nicht mehr so schlimm erscheint. Zum Beispiel die bedrängte Lage der Frauen in der CDU. Man könnte natürlich auch anfangen, die vielen Plagiate in der FDP mit der Bedrängnis durch Brüderle …

Auch die Katharsis hat Schavan bereits durchlebt: „Annette Schavan möchte nie mehr etwas falsch zitieren.“[2] Und doch ist das Porträt bereits Schavans Nachruf, der fragt „wie ihr Leben nach der Politik aussehen wird“, sowie: „Wie soll man die Politikerin Annette Schavan in Erinnerung behalten, was wünscht sie sich?“[2] Amend meint, dass eine Klage Schavans gegen den Doktorentzug nicht mit ihrem Amt als Ministerin vereinbar wäre: „Es ist politisch kaum vorstellbar, dass die Wissenschaftsministerin juristisch gegen eine Universität vorgeht.“[2] Den „Maulkorb“ hat er wohl verdrängt oder nicht als juristisch, sondern bloß propagandistisch bewertet.

Politik wurde auch noch gemacht – also erfolglos versucht

Bei dem ganzen Schavanismus droht unterzugehen, dass das wichtigste politische Projekt Schavans soeben gestoppt wurde. Die Kultusminister der Länder haben eine Verfassungsänderung zum Durchgreifen des BMBF auf die Hochschulfinanzierung verweigert.[3] Es würde auch keinen Sinn machen, ein solches Projekt mit einer Bildungsministerin auf Abruf in Angriff zu nehmen.

Zudem haben die Ereignisse der Schavan-Affäre deutlich vor Augen geführt, in welche wissenschaftlich-meinungsprägende Machtposition eine Bildungsministerin durch die netzwerkelnde Finanzierung von Forschungseinrichtungen gelangen kann. Nun auch noch die Universitäten in solche Hörigkeiten hineinzudrängen, wäre unverantwortlich. Auch inhaltlich wäre ein solches Zuschussprogramm des Bundeshaushaltes für die Hochschulfinanzierung Unsinn: Wenn der Bund mehr in Bildung investiert sehen will, sollte er die eigenen Einnahmen der Länder stärken, die diese dann in Bildung stecken können.

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7 Antworten zu “Karneval in Neuss

  1. Dass es bei der FAZ auch anders geht (aber nur wenn H. Schmoll Schreibverbot hat), sieht man an diesem kritischen Artikel:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/der-fall-schavan-frau-jedermanns-plagiat-12036233.html

  2. Ja. Das hat auch der Schnierl im Oktober angemerkt.[1]

  3. Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    Über den Umgang mit dem Doktorvater

    Grundsätzlich wähle man einen wohlwollenden, vertrauensseligen Betreuer. Das Literaturverzeichnis der Promotionsschrift kann noch so unvollständig sein; entscheidend ist, dass sämtliche (!) Publikationen des Doktorvaters aufgelistet sind, auch wenn sie sich allein durch ihre Titel voneinander unterscheiden. Umfangreiche textliche Übernahmen aus den Werken des Doktorvaters sollten selbstverständlich sein – sie sind ein untrügliches Zeichen der Wertschätzung. Der sensibelste Punkt dürfte die Danksagung sein, denn aus Sicht eines humanistischen Doktorvaters ist sie das Herzstück der gesamten Arbeit: Hier zeigt sich, ob es der Doktorand verstanden hat, ein gutes Verhältnis herzustellen zwischen der Darstellung der eigenen familiären Situation und der Würdigung des duldsamen Doktorvaters – der idealerweise um die neunzig ist und dreißig Jahre später keine ernstzunehmende Gefahr mehr im Zeugenstand darstellt.

    Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

  4. Sie werden lachen, Herr von Eichenbach: Die wissenschaftshistorische Forschung analysiert inzwischen Danksagungen als wesentlichen Bestandteil der wissenschaftsgeschichtlichen Entwicklung (um nicht von Fortschritt zu sprechen).

  5. Bei dem Kommentar in der FAZ habe ich mich gefragt, was genau wohl unter „ministeriellem Humor“ zu verstehen ist.

    Dieses Portrait im Zeit-Magazin habe ich mir jetzt auch angetan. Ich verstehe nicht ganz, warum in letzter Zeit immer öfter darauf hingewiesen wird, das Verfahren an der Uni Düsseldorf dauere zu lange, so könne man doch nicht mit Frau Schavan umgehen. Ja, es dauert lange, aber würde es schnell gehen, käme bestimmt die Kritik, dass man dort nicht gründlich und sorgfältig prüfe. Außerdem dauern andere Verfahren ähnlich lange.

    Mir wird auch nach der Lektüre dieses Artikels immer noch nicht klar, warum Frau Schavan eigentlich als Wissenschaftlerin bezeichnet wird. Wobei ich ihre Aussage: „Die Souveränität der Wissenschaft ist ein hohes Gut“, wichtig finde. Wäre schön, wenn sie und ihr Umfeld sich diesen Satz einmal zu Herzen nehmen würden (nein, es reicht da nicht, „mehrere Kleidungsstücke, bedruckt mit roten Herzen“ zu besitzen).

  6. Apropos Karneval – hier ist eine Aufzeichnung von Schavans Ulmer Büttenrede:

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