Statt Autopsie: Der Düsseldorfer Leitfaden von 1978

Erlesenes in schwarz auf weiß kann man getrost nach Hause tragen. Das gilt natürlich insbesondere für Anweisungen zum richtigen wissenschaftlichen Arbeiten. Man muss die Anweisungen natürlich lesen, das bloße Tragen reicht meist nicht. Dass sein Leitfaden „Hinweise zur Anfertigung von Seminararbeiten“ einmal die bundesrepublikanische Presse in Wallung bringen würde, hätte sich Wolfgang Kramp (1927–1983) wohl auch nicht träumen lassen. Die in der FAZ angedeuteten Verschwörungstheorien vom 3. Februar, wie es dazu gekommen sein möge, können als einigermaßen absurd gelten, weil sie das bereits öffentlich Bekannte einfach ignorierten. Die Rheinische Post schrieb bereits am 25. Januar:

„Die Philosophische Fakultät der Universität Düsseldorf hat nach Informationen unserer Zeitung inzwischen dem Deutschen Hochschulverband einen Leitfaden zur „Technik wissenschaftlichen Arbeitens“ zugeleitet, der von einem Düsseldorfer Pädagogik-Professor im Jahr 1979 geschrieben wurde. Daraus ergebe sich, dass die Qualitätsstandards für die Literaturverarbeitung schon damals so hoch waren wie heute. Der Fakultätsrat will das Dokument im Verfahren auswerten.“[1]

Warum die Uni einen Leitfaden an den DHV geschickt haben soll, wird zwar nicht erklärt. Denn beim DHV sollte man eigentlich bereits wissen, wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert. Aber sich zu wundern, dass Journalisten bemerken, was in einer Zeitung steht, und sie sich anschließend eine Kopie des fraglichen Dokuments beschaffen, das ist kneifzangenhosenanzugsmäßig. Manche Journalisten sind dabei eben schneller (wie Anja Kühne, 31. Januar), manche langsamer (wie Roland Preuß, 2. Februar). Und manche müssen dann bei den Langsamen nachlesen und reimen sich zusammen, „ein Heft mit Zitierregeln“ sei „[k]urz vor der entscheidenden Sitzung des Düsseldorfer Fakultätsrats […] aufgetaucht“ (wie Heike Schmoll, 3. Februar).

Ein Autopsiebericht ist immerhin eine Art Arbeitsnachweis, und so präsentiert der langsamere Preuß eine grafisch hübsch aufbereitete Klickstrecke.[2] Etwas misslich ist es allerdings, dass die Abbildungen Preuß‘ Bericht zu korrigieren geeignet sind. Er schrieb:

Büroklammern

Büroklammern

„Gelbe Pappe und zwei Büroklammern halten es zusammen, dazwischen erfahren die Studenten auf 32 Seiten Schreibmaschinentext alles Wichtige zum wissenschaftlichen Handwerkszeug.“[3]

Heftklammern

Heftklammern

Das „Heftchen“ mit den „zwei Büroklammern“ machte auf Preuß wohl einen recht windigen Eindruck. Die erste Abbildung der Klickstrecke zeigt jedoch deutlich, dass es sich nicht um Büroklammern handelt, sondern um Heftklammern. Diese binden – wie wohl bei der Mehrzahl solcher Leitfäden der 70er, 80er, 90er und 2000er Jahre – das Papier in sogenannter Klammerheftung zusammen und machen das Dokument zu einer Broschüre. Wenn man sich über den Herstellungsprozess auch nur etwas Gedanken macht, muss dabei herauskommen, dass es sich keineswegs um „Schreibmaschinentext“ im engeren Sinne handelt, sondern um ein gedrucktes Werk, eben eine Broschüre. (Daher steht auf der 2. Seite auch „Druck: Sofortdruck Herzogstr.“) Andernfalls müsste man in Düsseldorf Ende der 1970er ziemlich viel Geld für an Schreibmaschinen tippende Hilfskräfte gehabt haben.

Im Dienste der wissenschaftlichen Grundbildung von Presse und Öffentlichkeit hat nun die Zitiersoftware Citavi auf ihrer Homepage einen Scan des gesamten Leitfadens veröffentlicht. Die Identität des Scans mit der SZ-Version wird von einer handschriftlichen Notiz auf der nicht paginierten 3. Seite des PDFs und dem Stempel „Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf“ auf der 4. Seite verbürgt. „Das Heft befindet sich in der Nachlassbibliothek der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf“,[4] meinte Schmoll, aber das müsste sie erstmal beweisen. Da die gescannte Ausgabe des Leitfadens einen Stempel vom Heine-Institut trägt, wird sie wohl dort verwahrt werden. Dass das Heine-Institut mit der Heine-Universität ebensowenig zu tun hat wie das Goethe-Institut mit der Goethe-Universität – gut, das muss man als Bildungsjournalistin nicht wissen.

Amüsant ist zudem, dass Schmoll vor ihrer Attacke gegen den Düsseldorfer Rektor Piper (Heike Schmoll: Multidisziplinär. In: FAZ, 25. Januar 2013, S. 10) vielleicht besser einmal einen solchen Leitfaden angesehen hätte. Dann hätte sie gewusst, was in Düsseldorf und anderswo seinerzeit üblich war und was „nach heutigen Maßstäben“ jederzeit möglich ist. In Kramps Leitfaden ist etwa zu lesen:

„Für Quellenangaben wird in neueren wissenschaftlichen Texten meistens das amerikanische Zitierschema der MLA (= Modern Language Association) verwendet. Dabei fügt man direkt im Anschluß an das Zitat in runden Klammern eine Kurzbezeichnung der Quelle ein, die aus Verfassernamen, Erscheinungsjahr und Seite besteht“. (S. 21)

Das entspricht ziemlich genau dem, wie Piper in seiner Dissertation verfährt, wenn er etwa auf S. 45 „(Strawson 1966, p. 162)“ oder auf S. 82 „(Putnam 1967, p. 436)“ als Quellen angibt.

Einem Hinweis, der in der Vorbemerkung des Leitfadens gegeben wird, ist aber offenbar noch kein Journalist nachgegangen: Dort wird Kritik an den Inhalten der Broschüre erbeten, weil „die Abschnitte I und III in ein Arbeitsmethodenbuch übernommen werden sollen, das Hartmut Steuber […] herausgibt“. In Frage kommt dafür vor allem das 244-seitige Buch:

  • Hartmut Steuber, Robert F. Antoch (Hrsg.): Einführung in das Lehrerstudium. Studiensituation, Hochschule, Ausbildung, Lehrerberuf. 1. Auflage, Klett, Stuttgart 1980, ISBN 3-12-928030-8.

Da könnte mal jemand nachschauen, wenn noch Zweifel bestehen, welche Vorschriften in Düsseldorf 1980 einfachen Lehramtsstudenten gemacht wurden. Denn die Abschnitte I und III des Leitfadens hießen ja „Hinweise zur Abfassung von Seminararbeiten“ und „Hinweise zur Literaturverarbeitung in Seminararbeiten“. Vielleicht möchte auch noch jemand den Einwand vortragen,  das beziehe sich nicht auf Doktorarbeiten. Denn diese könnten solche „formalen Fehler“ aufgrund ihres „fachwissenschaftlichen Ertrags“ leicht verschmerzen. Ach, „Wissenschaftsethiker“ Ludger Honnefelder hat sich bereits in dieser Weise geäußert.[5]

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4 Antworten zu “Statt Autopsie: Der Düsseldorfer Leitfaden von 1978

  1. Pingback: stilstand» Blogarchiv » Ob Heike schmollt?

  2. Dazu: Es ist völlig egal, wo das Heft herstammt. Das hatte wohl eine höhere Auflage und dürfte an mehreren Stellen verfügbar sein. Jeder Verlag hat ein ordentliches Archiv. Studierende behalten sowas gerne. Es ist auch egal, wann das auftaucht. Der Promotionsausschuß weiß selbst, wie zitiert werden muss und musste, das Heft widerlegt jetzt nur die unhaltbaren Aussagen einiger Schavan-Verteidiger.

    Ansonsten sollten wir lieber über chinesische Geschichte reden. Etwa über die Taiping-Rebellion.

  3. Hier ist ein Leitfaden für die Uni Düsseldorf aus dem Jahr 1999, in dem die Passagen aus Kramps Leitfaden wortwörtlich übernommen wurden (natürlich mit korrekter Quellenangabe):

    http://www.lenssen-und-lenssen.de/lib/medien/tech_dwa.pdf

    Man wußte also dort 1979, wie man korrekt wissenschaftlich arbeitet, man wußte es 1999, und man weiß es zum Glück auch jetzt noch.

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