Von China lernen heißt Siegen lernen. Chinesen blicken aber sehnsüchtig nach Deutschland

Er sehnte solche Verhältnisse wie in Deutschland herbei, der typische netzaktive, demokratiebewegte Chinese, wie ihn dieser Artikel ausgiebig zu Wort kommen lässt:

Aus chinesischer Sicht sieht es im eigenen Land schlechter aus mit Korruption, Machtverfilzung und Vorteilsnahme: „Deutsche Rektoren sind wirklich mutig! Sogar einer Bildungsministerin nehmen sie den Doktorhut weg, Respekt!“ Man sollte von Deutschland lernen, wird ein Professor zitiert. Dieser „lobt seine Düsseldorfer Kollegen und attestiert Gesellschaft und Medien im Fall Schavan eine wichtige Kontrollfunktion, die für China vorbildhaft sei.“

Richtig ist, dass bislang noch alles gut ausgegangen ist im Fall Schavan. Die zutage getretenen Bedrohungen der für China so vorbildhaft erscheinenden deutschen Zustände („Gerechtigkeit! Offenheit! Freiheit! Demokratie! Das sind westliche Werte!“) werden am anderen Ende Eurasiens wohl nicht so bedrückend wahrgenommen – vielleicht auch, weil sie zwar vorhanden waren, aber noch keine massiv spürbaren Erfolge feiern konnten: Schavans Doktor ist weg. Schavan ist weg. Die wissenschaftliche Wahrheit hat sich in einem rechtsstaatlichen Verfahren gegen die Manipulationsversuche finanzkräftiger klerikaler Machtnetzwerke durchgesetzt.

In China erleben die Menschen wohl häufig das Gegenteil. So sagen manche nun ihren Kindern, „dass sie dann auf jeden Fall nach Deutschland auswandern sollen.“ Es ist also leicht, zu dem Schluss zu kommen, dass die Schavanisten für die Etablierung chinesischer Verhältnisse in Deutschland eintraten und weiter eintreten. Als nächstes ist die Hochschulautonomie an der Reihe. Die ist ja offenbar international nicht gut vermittelbar:

„Als sehr ‚deutsch‘ hingegen und für China lehrreich empfinden viele Netizen die Unabhängigkeit deutscher Hochschulen bei ihrer Entscheidungsfindung.“

So kann es ja nicht bleiben, und daher werden die tumben Forderungen nach Zentralisierung und Vereinheitlichung von Plagiatsprüfungsverfahren (oder sogar Promotionen allgemein!) vorerst nicht verstummen. Da kann dann auch noch besser nach Zugehörigkeit zur richtigen Partei, zur richtigen Forschungsrichtung oder zum richtigen Netzwerk entschieden werden, wer wissenschaftlich untadelig ist und wer nicht.

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11 Antworten zu “Von China lernen heißt Siegen lernen. Chinesen blicken aber sehnsüchtig nach Deutschland

  1. Danke für dieses Pong zu meinem Ping! Als ich „Schavanisten“ las, fiel mir eine beim Düsseldorfer Rosenmontagszug gesehene Wortschöpfung wieder ein: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:D%C3%BCsseldorf_Karneval_2013_%288465453873%29.jpg . Sie gibt auch einen wunderbaren Plural her: „Plagianetten“.

  2. Ich zitiere einmal von einem Besuch an einer der vielen Beijinger Daxues: Da hinten, die Perlenkette, die da läuft, da sind die EU-Fördergelder für ein EU-Chinesisches Forschungsprojekt“. Oder der Dekan, der das Thema wechselte, als er auf seine Frage nach dem Projektmanagement erfuhr, dass wir hier drüben alle Ausgaben eindeutig belegen müssen.

    Beispielsweise der liebe Hr Pierrer verbiegt wieder einmal die Wahrheit, wenn er über das Erfolgsmodell der chinesischen Forschung spricht. Aber er musste ja auch gehen … da passt alles zusammen.

  3. @Oliver Pöttgen: Oh, der Plural Plagianetten in einer Wendung wie „die Plagiatoren und Plagianetten“ gibt dem Ganzen natürlich nochmal eine schöne Tiefendimension. Darüber hinaus fand ich aber den Düsseldorfer Karnevalswagen gar nicht gut, da er aus meiner Sicht suggeriert, die Universität habe eine Art Dolchstoß gegen Schavan geführt und sie hinterrücks aus dem Amt geschossen. Das ist eine Zuspitzung der üblichen Darstellung in den schavanistischen Leitmedien, hat aber nichts mit der Wahrheit zu tun (die der Karneval doch eigentlich im Narrenkostüm, aber ansonsten unverhüllt, zeigen soll).
    Ich habe den großen Wert in Deinem Bericht aus dem chinesischen Social Web darin gesehen, dass die Chinesen die deutschen Verhältnisse zur Kontrastierung mit ihren eigenen Zuständen benutzen (wie das ja Tradition in interkultureller Literatur bis hin zu Gullivers Reisen hat). Das ermöglicht uns wiederum, im Kontrast mit den chinesischen Zuständen unsere eigenen klarer zu erkennen und uns die Alternativen dazu bewusst zu machen, dass Beamte ihre Arbeit ohne Ansehen der Person nach rechtsstaatlichen Prinzipien ausrichten.
    Wenn man dann so hört, wie die Mächtigen und Möchtegerns der Republik diese deutschen Standards kommentieren und lieber heute als morgen abschaffen wollen, dann weiß man auch, wie es dazu kommen konnte, dass sich im einst idealen Beamtenstaat China Korruption, Mißwirtschaft und gesellschaftliche Erstarrung ausbreiten konnten.

  4. Ich muß mäkeln. Wieso wurde der Kommentar von jasonwindy aufgenommen, der meinte, Schavan würde sofort zurückkommen, Guttenberg wäre auch wieder sofort dagewesen? Das ist doch sachlich einfach nicht zutreffend. Den Posten bei der EU würde ich keineswegs als „zurückgekommen“ bewerten.

  5. Es geht ja nicht darum, dass die Chinesen einen sachlich zutreffenden Blick auf deutsche Affären haben. Aber dass er „zurück“ sei, so wurde der EU-Posten überall bewertet: https://www.google.com/search?q=%22Guttenberg+is+back%22+-steve
    Und die Beobachtung, dass solche Leute auch im Westen weich fallen, ist ja durchaus zutreffend.

  6. @Erbloggtes: Ja, das hat mich an dem Karnevalswagen auch gestört. Zudem weckt das Motiv auch die Assoziation „Baron von Münchhausen“, wenngleich „verdreht“…

    „[…], dass die Chinesen die deutschen Verhältnisse zur Kontrastierung mit ihren eigenen Zuständen benutzen […]. Das ermöglicht uns wiederum, im Kontrast mit den chinesischen Zuständen unsere eigenen klarer zu erkennen und uns die Alternativen dazu bewusst zu machen, […].“

    Ja.

  7. @Dieter W: Danke für’s Mäkeln! @Erbloggtes hat darauf bereits „meine“ Antwort gegeben. stimmen-aus-china.de bereitet Meinungen auf, beurteilt aber nicht, ob sie sachlich richtig sind (zumindest nicht im Artikel, in den Kommentarspalten tue ich das – falls nötig).

    Wie will man auch das „Zurückkommen“ von jemandem messen? Ab welchem Punkt, welcher Amtsübernahme ist die Person „zurück“? Reicht schon positive Berichterstattung in der „Bunten“, oder muss es ein Ministerposten sein?

    Der Kommentar von „jasonwindy“ soll ein bisschen provozieren, Diskussionen stimulieren. Hat geklappt…😉

  8. @Anette: Bevor ich mich um Kopf und Kragen schreibe, belasse ich es bei einem kopfnickenden😦

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