Turners Thesen: Schavans Fakultät übersieht mich

Erübrigt es sich für den Rektor der Universität Düsseldorf eigentlich, auf jeden unverschämten Kommentar hin einen offenen Brief an den Kommentator zu schreiben? Hoffentlich, sonst hätte er nämlich viel zu tun. Heute legt etwa der Tagesspiegel-Hausschavanist (jede Zeitung, die etwas auf sich hält, braucht so einen) George Turner mit dieser Behauptung nach: „Schavans Fakultät übersieht etwas“

Da all das, was Turner dann in Frageform vorträgt, von der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf keineswegs übersehen wurde, sondern entweder berücksichtigt, oder als irrelevant erkannt, muss es also etwas anderes sein, was die Fakultät übersieht. Ach ja! Die große Bedeutung von George Turner natürlich. Da wendet sich seine Spektabilität Univ.-Prof. Dr. med. Dr. phil. H. Michael Piper in einem persönlichen Brief öffentlich an die Herren Kurt Biedenkopf und Ernst-Ludwig Winnacker – und wen vergisst er? Den Turner. Dabei ist der mindestens so wichtig wie die beiden anderen, steht auch in der Wikipedia.

Da muss man natürlich nachlegen, noch ein bisschen unverschämter werden, damit ein Universitätsrektor öffentlich eine Entschuldigung bei der Universität Düsseldorf und ihren Angehörigen verlangt. Was ein rechter Geistesadeliger ist, das bestimmt sich durch die Zahl der Fehdehandschuhe, die ihm hingeworfen werden. Und man will ja auch nicht als nachlässiger Gefolgsmann seiner Besten Bildungsministerin aller Zeiten (BeBilaZ) dastehen.

Also suggeriert Turner, Wissenschaftsbetrug sei 1980 in Düsseldorf gang und gäbe gewesen. So normal, dass man Schavan den Doktor lassen müsse. Wenn jeder klaut, kann man ja nicht einem sein Diebesgut wieder wegnehmen. Doch damit nicht genug, um so richtig beleidigend gegenüber den heutigen Fakultätsmitgliedern zu werden, fragt er, ob bei ihren Berufungen „vielleicht auch nicht die erforderliche Sorgfalt an den Tag gelegt“ wurde. Der Düsseldorfer Klüngel habe also Leute illegal auf Professuren befördert, die nun davon ablenken wollten, indem sie Schavan den Doktor entzögen. Mutig von Turner. Nach dieser Methode der indizfreien Verdächtigung dürfte, wenn man sie allgemein etablieren wollte, Turner der erste sein, dessen wissenschaftliche Eignung für die ihm zugefallenen Pöstchen in Frage zu stellen wäre. (Überraschenderweise beklagt Turner nicht gleichzeitig die angebliche Verdächtigungskultur im Internet.)

Glücklicherweise sind die Leserinnen und Leser des Tagesspiegel von den dort tätigen Journalistinnen und Journalisten recht gut darüber informiert, was im Fall Schavan tatsächlich so los ist. Daher lassen sie „Turners Thesen“ nicht unwidersprochen stehen. Man kann natürlich Online-Zeitungen auch so befüllen, dass man in den Kolumnen den größten Mist abdruckt, um dann von den Leserkommentaren eine seriöse Abwägung der verfügbaren Argumente vornehmen zu lassen.

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5 Antworten zu “Turners Thesen: Schavans Fakultät übersieht mich

  1. Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

    Im Kern begrüße ich die Ansichten Herrn Professor Turners zu diesem unsäglichen Verfahren in Düsseldorf – das hehre Wort „Universität“ möchte man hier gar nicht mehr benutzen. Dort wird eine ganze Menge übersehen, ja höchst bewusst vertuscht, als wären wir dumme Jungs, mit denen sich selbstherrliche, wahrscheinlich unrechtmäßig nach dem Muster Dr. Gert Postels auf ihren Stühlen sitzende Professoren alles erlauben könnten. Vor allem scheint innerhalb jener Mauern das im 18. Jahrhundert entdeckte Sittengesetz wirkungslos zu sein; Kant gefiele das ganz sicher nicht – und mir ist außersittliches Verhalten ebenfalls noch nie recht gewesen. Nun, bei Gericht wird all das hoffentlich zur Sprache kommen.

    Theo-Ullrich Ludwig von Eichenbach

  2. „seine Spektabilität Univ.-Prof. Dr. med. Dr. phil. H. Michael Piper“: Müßte es nicht Magnifizenz heißen? Laut Wikipedia war er zwar in Gießen auch Dekan, aber im Moment ist er doch in erster Linie Rektor.

  3. Verzeihung, da waren die Grenzen meines Wissens darüber erreicht, von wem öffentlich beschämt zu werden sich die Nomenklatura heute wünscht. Eine Magnifizenz sollte es wohl zumindest sein.

  4. Sinnigerweise fehlt mir hierzu die Quelle: Anrede war „Euer Impertinenz“…

  5. Da wüsste ich noch eine vorzügliche Anrede und auch die Quelle.
    Anrede: „Ignorantes Arschloch“
    Quelle: meine Frau
    Anlass: Wut, Ärger, Enttäuschung
    Empfänger der ‚Nachricht‘: ich

    Allerdings: Da ich gegenüber Herrn Turner trotz Lektüre seines Ergusses keine Wut, keinen Ärger, keine Enttäuschung empfinde, verbietet sich mir diese Anrede infolge mangelnder emotionaler Betroffenheit.

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