Universitätsgeschichte und Universitätszukunft. Die ökonomische Bedeutung von Promotionen

Ereignete sich dieser Tage überhaupt eine größere Entwicklung an den deutschen Universitäten, dann dürfte es die Ökonomisierung sein. Drittmitteleinwerbung spielt eine seit Jahren zunehmende Rolle. „Leistungsorientierte“ Bezahlung etwa von Professoren gilt auch als der letzte Schrei. Und überhaupt: Gelder werden nach Effizienzkriterien verteilt, und das bedeutet, dass in die Unis investiertes Geld sich selbst mehren und einen möglichst sichtbaren Nutzen produzieren soll.

All diese Tendenzen jedoch haben einen Preis: Die Universitäten vermarkten sich. Wo gibt’s Geld? Da geht’s hin! Es ist nur rational, dass Professoren ihren Doktorandenoutput maximieren wollen, wenn sie dafür bezahlt werden. Randständige Studiengänge müssen ihre Absolventenquoten erhöhen, um ihre Existenz zu sichern. Und wer große Beträge von Forschungsförderungseinrichtungen bekommt, dem legt die Uni gern noch ein paar Zuckerle obendrauf. Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.

Rückblick ins 19. Jahrhundert

Der größte Haufen, das war im 19. Jahrhundert die juristische Fakultät der Universität Jena:

Juristische Promotionen 1820-1890

Juristische Promotionen 1820-1890 (aus: Rasche, S. 199)

Ulrich Rasche stellt in einem hochinteressanten Stück die Promotionspraktiken des 19. Jahrhunderts und ihre öknomischen Hintergründe vor:

Der Titel ist leicht irreführend, denn von den drei genannten Geistesgrößen führten nur Karl Marx und Karl May fragwürdige Doktortitel, während Theodor Mommsen auf „Winkeluniversitäten“ schimpfte, die für „Sündengeld“ massenhaft „Pseudodoktoren“ produzierten. Auch war es nicht nur der Doktorhandel im wörtlichen Sinne, der Mommsen so erboste, sondern eine Konkurrenz der (vor allem außerpreußischen) Universitäten um die laschesten Bedingungen zum „regulären“ Erwerb eines Doktordiploms. Dagegen forderte Mommsen die Abschaffung der Promotion in Abwesenheit und den Druckzwang für Doktorarbeiten. Bis beides reichsweit durchgesetzt war, dauerte es nur 25 Jahre, bis um 1900.

Auf der Eisenbahn in Giessen, thät mich etwas sehr verdriessen: trotz allem Widersprechen reichte man mir in den Waggon ein philosophisches Doctordiplom – ich musste aber dafür 60 Gulden blechen!

Spottvers auf Promotionspraktiken an der Universität Gießen

Zugleich mussten aber eben auch die ökonomischen Hintergründe angepasst werden, so dass die Anreize zur Promotion zahlungswilliger Kandidaten ab- und zur genauen Prüfung jeder Doktorverleihung zunahmen. Denn manch arme Universität war auf die Einnahmen aus den möglichst zahlreichen Promotionen durchaus angewiesen, um ihren Bestand zu sichern. Das klingt heute irgendwie vertraut…

Ausblick ins 21. Jahrhundert

Dass das 19. Jahrhundert wiederkehrt, den Eindruck kann man angesichts der staunenmachenden Dissertationsniveaus durchaus gewinnen, die in Folge der Guttenberg-Affäre seit nun zwei Jahren einer höheren Aufmerksamkeit ausgesetzt sind. Dass unter der Oberhoheit von Bundesbildungsministerin Annette Schavan die Anreize für Professoren, Institute, Fakultäten und Universitäten weiter erhöht wurden, maue Leistungen mit blendenden Noten zu versehen und bei Wissenschaftsbetrug möglichst nicht zu genau hinzusehen, zeigt auch, dass hinter dieser Entwicklung ein gewisses System steckt, eine „leitende Täuschungsabsicht“ sozusagen:

Formalia gewinnen an Gewicht – und das erst recht, wenn sie nun verschärft werden sollen. Der Wortlaut der Promotionsordnungen muss erfüllt werden. Dann bekommt der Promovend, was er begehrt, und die promovierende Institution hat sich als nützlich erwiesen: In der nächsten Evaluierung kann man mit tollen Kennzahlen glänzen, Quotensteigerung, Sollübererfüllung. Den Orden als Held der akademischen Arbeit bekommt der Professor, die mittleren Ebenen gehen auch nicht leer aus, zumal wenn der Universität jemand Exzellenz bescheinigt. Ob da auch Inhalt dahintersteckt, wissenschaftliche Substanz, das muss dabei nicht interessieren. Effizient ist, wer auf Substanz verzichtet und sich auf’s Formale konzentriert. Qualitätsstandards und Regelvereinheitlichung ändern daran nichts.

„Es gibt ein Glück im Schein der Leselampe. Auch das muss man einfach mal sagen, denn in der gegenwärtigen Diskussion ist davon nicht die Rede. Oder hat man auch nur einmal von Wissensdurst und Neugierde, von der Lust am Text und der Obsession für ein Thema gelesen?“[1]

Hoffnungslose Idealisten sind Doktorandenbetreuer und Promotionsprüfer, denen es um die Erkenntnis und den dorthin führenden Prozess geht. Das tun sie quasi zum Privatvergnügen, und ob es sich einmal durch wissenschaftlichen Ruhm, die Etablierung der eigenen Schule oder gar durch die Ausstattung mit zusätzlichen Mitteln wegen inhaltlichen Erfolgen auszahlt, ist völlig ungewiss. Wahrscheinlicher ist, dass sie sich in der Konkurrenz um Mittel nicht durchsetzen können und daher langsam aussterben. Bei den Dinosauriern waren schließlich auch nicht die am erfolgreichsten, die die höchsten Hirnfunktionen besaßen.

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3 Antworten zu “Universitätsgeschichte und Universitätszukunft. Die ökonomische Bedeutung von Promotionen

  1. Jarg schrieb mir einmal in einem ganz anderen Zusammenhang: „Das ist kein Aufreger, sondern ein gesellschaftliches Problem.“ – Ich antwortete: „Genau, es ist ein gesellschaftliches Problem.“
    Nach dem man das gelesen hat, kann man in der Tat zweifeln, ob der Zusammenhang ein anderer ist. Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Danach ruht er sich im Detail aus. Kräfte sammeln.

  2. Michael Schmalenstroer hat sich auch so seine Gedanken dazu gemacht: Die Universität des 19. Jahrhunderts – Früher war auch nicht alles besser. Er kritisiert, dass das Humboldtsche Bildungsideal wie eine Monstranz vor aller weltfremden Bildungspolitik hergetragen wird.

  3. Pingback: Die Universität des 19. Jahrhunderts – Früher war auch nicht alles besser | Schmalenstroer.net

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